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17-14 Kommentar Sukadev

Das klingt etwas anders, als das was man sich automatisch unter Askese des Körpers vorstellt. Normalerweise würde man denken, Askese des Körpers wäre zum Beispiel Fasten, auf dem blanken Boden zu sitzen oder zu schlafen, nur noch kalte Bäder zu nehmen usw. Aber Krishna hält etwas anderes für wichtig:

„Verehrung Gottes“ – im Sanskrit steht da Deva, was die verschiedenen relativen Aspekte des Göttlichen einschließt, also zum Beispiel auch Rituale, Gebete, Mantrawiederholung usw.

Als Tapas, als Praxis, kann man sich in dieser Hinsicht zum Beispiel vornehmen, eine gewisse Zeit lang regelmäßig ein bestimmtes Ritual auszuführen. Tapas bedeutet, man macht es dann auch, egal, ob einem gerade danach ist oder nicht..

„Verehrung der zwei Mal Geborenen, der Lehrer und der Weisen“: Es ist gut, Respekt zu haben vor Lehrern, Älteren und Weisen, Respekt gegenüber denen, die schon länger praktizieren und die schon ein Stück weiter sind als wir. Und ich würde sogar weiter gehen und sagen, insgesamt allen Menschen Respekt zu erweisen und ihnen mit Achtung zu begegnen, denn im Grunde genommen ist jeder „zweimal geboren“.

Im engeren Sinn bedeutet der Ausdruck „Zweimal Geborene“ die höheren Kasten – sie werden einmal geboren und erhalten dann in einem gewissen Alter eine Einweihung, welche wie eine zweite Geburt ist. Diese Zweitgeburt ist eine spirituelle Geburt. In Indien ist das ein sehr großes, feierliches Ritual, wo die jungen Menschen vorher viele Jahre spirituell praktizieren und sich vorbereiten.

Ein kleines Element davon kommt in der Tradition von Yoga Vidya über die spirituelle Namensgebung hinein, die wie eine spirituelle Neugeburt ist. Ähnliche Elemente der Initiation gibt es ja in fast allen Kulturen, mit mehr oder weniger spiritueller Ausrichtung, wie Konfirmation, Firmung, Jugendweihe, Mannbarkeits- oder Fruchtbarkeitsrituale, was alles den Eintritt in das Erwachsenenalter bedeutet. Heutzutage, wo diese Rituale weniger geworden sind oder nicht mehr so bewusst sind, suchen sich die Jugendlichen oft ihre eigenen Rituale, wodurch sie als „erwachsen“ gelten oder sich als solches fühlen, wie Rauchen, Drogen, Alkohol, Mutproben usw.

Die „Zweimal Geborenen“ im wörtlichen Sinn würde heißen, dass Krishna die niederen Kasten aufruft, die höheren zu verehren, was nicht so viel Sinn macht, da sich die Bhagavad Gita ja an alle richtet, insbesondere auch an die höheren Kasten. Es ist so zu interpretieren, dass man Menschen, die schon länger auf dem Weg sind, sich intensiver Praxis unterworfen haben, die jeden Tag meditieren usw., mit einer gewissen Ehrerbietung begegnet.

Im Yoga Sutra von Patanjali heißt es, der Geist nimmt die Form dessen an, woran er denkt, womit er sich beschäftigt und sich identifiziert. Wenn wir an Menschen denken und ihnen mit Respekt begegnen, die schon länger auf dem spirituellen Weg sind, die sich rigorosen spirituellen Praktiken unterziehen, jeden Tag meditieren, oder an Heilige und Selbstverwirklichte, wird unser Geist entsprechend gefärbt und entwickelt sich leichter auch in diese Richtung.

 

Die zweifache Geburt jedes Menschen

Im Grunde hat jeder Mensch eine zweifache Geburt, nämlich den physischen Körper und einen göttlichen Kern.

Auf der einen Seite haben wir Anteil an dieser physischen Welt, sind aufgewachsen mit Instinkten und Prägungen. Auf der anderen Seite haben wir einen göttlichen Kern in uns. So können wir vor jedem Menschen Respekt haben und ihn verehren im Bewusstsein, dass jeder Mensch einerseits Teil hat an der endlichen Natur, geprägt ist durch die Evolution, durch den Selbsterhaltungstrieb, durch soziale Aspekte, und gleichzeitig in jedem Menschen der göttliche Funke, der göttliche Kern ist. Jeder Mensch, jedes Lebewesen, ist Ausdruck Gottes und trägt auch diesen transzendenten Aspekt in sich. In jedem Menschen, in jedem Tier, in jeder Pflanze offenbart sich uns Gott. In diesem Sinn Respekt vor allem zu haben und sich diese innere Haltung fest vorzunehmen, egal was passiert, egal wie verrückt sich jemand verhalten mag, ist eine sattwige Askese.

Und natürlich ist sattwige Askese umso mehr noch, die Lehrer und Weisen zu verehren. Wenn wir von jemandem etwas lernen wollen, ist es hilfreich, ihm respektvoll zu begegnen.

In der indischen Tradition nimmt die Ehrerbietung dem Lehrer gegenüber einen wichtigen Platz ein.

 

Traditionelle Stufen der Verehrung sind:

1. Matri deva bhava: Als erstes soll die Mutter wie Gott/Göttin verehrt werden. Die Mutter gibt einem alles, was man zum Leben braucht.

2.  Pitadevo bhava: Der Vater soll behandelt werden wie Gott.

3.  Acharya devo bhava: Der Lehrer wird verehrt als eine Manifestation Gottes. Damit ist zunächst der Schullehrer gemeint. Die Kinder sollen Mutter, Vater und den Lehrern ihre Ehrerbietung erweisen.

4.  Atithi devo bhava: Der Gast wird verehrt wie Gott. Im Gegensatz zu der bei uns oft verbreiteten Einstellung bei Besuch – da kommt jemand, der unsere Zeit stiehlt -, ist es Gott, der zu uns kommt.

 

Ein Beispiel für Ehrerbietung dem Lehrer gegenüber

Swami Vishnu-devananda, mein Lehrer, hat diesen Respekt selbst in hohem Maße verkörpert. Er hat uns oft die Geschichte seines Fluglehrers erzählt. Swami Vishnu hatte mal eine Phase, wo er gedacht hat, es sei billiger und zeitsparender, für seine vielen weltweiten Vortragsreisen ein eigenes Flugzeug zu haben als das häufige Einchecken usw. bei normalen Linienflügen. Nach einer Weile hat er dann festgestellt, dass es nicht wirklich billiger und auch nicht unbedingt zeitsparender war, mit einer kleinen Maschine zu fliegen, aber er war halt auch ein Abenteurer. Später hat er das Flugzeug hauptsächlich für seine spektakulären Friedensmissionen eingesetzt. Jedenfalls, als er fliegen gelernt hat, hat der Fluglehrer ihm beigebracht, dass man vor dem Flug eine Checkliste durchgehen musste, was alles zu überprüfen sei. Neben vielen anderen Punkten war da auch einer, dass man prüfen musste, ob ein Vogelnest im Motor ist. Der Lehrer hat immer darauf bestanden, dass auch dieser Punkt überprüft wurde, selbst wenn das Flugzeug gerade vorher von einem anderen Schüler geflogen worden war und ganz sicher in der Zwischenzeit kein Vogel ein Nest hätte bauen können. Gut, und so hat sich Swami Vishnu an diese Routine, wie sie ihm von seinem Flug-Guru beigebracht worden war, gehalten, obwohl er dabei nie ein Vogelnest irgendwo entdeckt hatte. Und einmal, ein paar Jahre später, war tatsächlich ein Vogelnest im Motor. Und er wäre ziemlich sicher abgestürzt, hätte er nicht nach diesem Vogelnest geschaut. Denn es war an einer Stelle, wo es erst später durch die Hitze des Motors Feuer gefangen hätte und der Motor in Flammen aufgegangen wäre. Das Vertrauen und damit die Ehrerbietung gegenüber der Lehre seines Fluglehrers, die diese Prüfung zur Routine werden ließ, hat sein Leben geschützt.

Eine andere Geschichte, die diese Referenz einem Lehrer gegenüber illustriert: Swami Vishnu war technisch sehr interessiert und hat schon sehr früh PCs und Emails in den Yogazentren installiert. Als ich sein Assistent war, brachte ich vielen Mitarbeitern die Arbeit am PC bei, und Swami Vishnu wollte es auch von mir lernen. Ich hatte vorher den Computer eingerichtet, ein kleines Schulungs-Handout erstellt und jetzt kam Swami Vishnu. Als erstes hat er sich vor mir verbeugt und seinen Kopf auf meine Füße gelegt und gesagt: „Jetzt wird der Guru zum Schüler“  – Das war schon ein sehr komisches Gefühl, denn uns hatte er verboten, das bei ihm zu machen, also uns so vor ihm zu verneigen. Anschließend habe ich ihm also das Computerprogramm erklärt. Es war faszinierend, Swami Vishnu zum Schüler zu haben. Er war nämlich wirklich Schüler. Er hatte großes Vertrauen, dass ich wußte, wie es geht. Er hat mich genau nach meinem Lehrplan vorgehen lassen, er hat nachgehakt und gefragt, und ich habe nie jemand anderen erlebt, der so schnell die Programme verstanden hat wie Swami Vishnu. Ich war eher gewohnt, sowie ich anfing, etwas zu erklären, wollte der andere schon etwas anderes wissen oder hat mir erklärt, warum es so gar nicht ging, usw…Und bei Swami Vishnu war es so einfach.

Wenn man einen Lehrer mit Respekt behandelt, kann man sehr schnell und sehr viel lernen in vielfältigster Hinsicht. Dasselbe gilt natürlich auch für Weise, von denen wir spirituell lernen wollen.

Die nächste Askese, die in diesem Vers erwähnt ist, ist saucha, Reinheit: Darauf zu achten, dass der Körper gepflegt ist, dass man keinen Anstoß erregt, die Wohnung, Büro, Werkstatt, Auto, Yogaraum usw. sauber hält.

Arjava, Aufrichtigkeit: Diese und andere Eigenschaften sind schon im 16. Kapitel aufgeführt, wo es um daiva sampatti, die göttlichen Eigenschaften ging.

Brahmacharya, Vermeidung von sexuellem Fehlverhalten: Je nach Lebensumständen heißt das etwas anderes. Wenn man ein offizielles Gelübde der Enthaltsamkeit abgelegt hat, ist es ganz strikt und wörtlich als sexuelle Enthaltsamkeit zu nehmen. Wenn man in einer Partnerschaft lebt, dann heißt Brahmacharya zum Beispiel eheliche Treue und Achtung des Partners.

Ahimsa, Nichtverletzen: Sich an Gewaltlosigkeit in Gedanke, Wort und Tat zu halten, auch wenn es einem im Moment gerade nicht liegt – daher ist auch Ahimsa eine gewisse Askeseübung. Ahimsa ist eine Grundeinstellung der Sprache und des Körpers. Mindestens sollte man den Körper zurück halten und beherrschen.

Im Rahmen des Jnana Yoga gibt es das Konzept von Sadhana Chatusthaya, den vier Eigenschaften oder Voraussetzungen eines Schülers:

Viveka, die Unterscheidungskraft

Vairagya, Nicht-Anhaften

Shatsampat, die 6 edlen Tugenden oder Stufen des Gleichmuts:
– Shama, Gleichmut
– Dama, Sinnesbeherrschung
– Uparati, vermeiden
– Titkshika, aushalten können
– Shradda, Glauben
– Samadhana, vollständige Ausgeglichenheit.

Mumukshuttwa, der tiefe Wunsch nach Befreiung.

Die Shatsampat beginnen mit Shama, Gleichmut. Wenn es uns nicht gelingt, vollständig gleichmütig zu bleiben in einer Situation, dann gilt es, wenigstens die Sinne zu beherrschen, Dama. Gelingt es uns nicht, die Sinne zu beherrschen, gilt es, den Ort des Geschehens zu verlassen (uparati), damit wir nicht in Versuchung kommen.

Ideal ist, wenn wir jederzeit allen Menschen mit Achtung, Liebe und Wertschätzung begegnen können. Wenn das nicht möglich ist, gilt es wenigstens, mit unseren Handlungen oder Worten Verletzung zu vermeiden. Ahimsa ist daher eine Askese des Körpers und der Sprache, und das leitet direkt über zum nächsten Vers:

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