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02-06 Kommentar Sukadev

Der Kampf auf dem Schlachtfeld steht symbolisch für viele Situationen. Glücklicherweise ist niemand von uns in der Situation, dass er über einen Krieg zu entscheiden hätte. Und ich hoffe, dass wir über so etwas niemals entscheiden müssen. Der deutsche Bundestag musste irgendwann mal entscheiden, ob er Truppen in den Kosovo oder nach Afghanistan entsenden wollte. Dies war keine leichte Entscheidung. Menschen, die zum Teil Jahre und Jahrzehnte für bedingungslosen Pazifismus gekämpft haben, dafür demonstriert haben, haben entschieden, Heere und Truppen dorthin zu entsenden. Es war eine äußerst schwierige Situation und es ist schwierig zu beantworten, was wirklich richtig oder falsch wäre. Dies ist ein Beispiel, derer es viele gibt.

 

Oft geschehen kleinere Ungerechtigkeiten, bei denen wir überlegen können, ob wir etwas dagegen unternehmen oder nicht. Manchmal tun wir aus Bequemlichkeit nichts dagegen. Wir fühlen zwar in unserem Herzen, dass wir etwas tun sollten, aber es wäre eine Menge an Anstrengung notwendig. Oft sind wir nicht dazu bereit die auf uns zu nehmen oder wir überlegen länger, ob wir sie auf uns nehmen wollen. Wir fragen uns: „Soll ich das wirklich auf mich nehmen? Es wäre doch besser, wenn ich zwei Stunden am Tag habe, um zu meditieren als mich so zu bemühen.“

 

Als bei Yoga Vidya im Jahr 2000 nach vier Jahren das Seminarzentrum „Haus Yoga Vidya Westerwald“ gut lief, haben wir überlegt, ob wir ein weiteres Seminarzentrum eröffnen wollten. Manchmal habe ich gedacht: Warum sollen wir uns das eigentlich antun? Das Haus Yoga Vidya Westerwald lief gut, wir bräuchten nur die Preise um 20% anzuheben. Bei dem Andrang, den wir hatten, wäre das ohne Schwierigkeit möglich gewesen und dann hätten wir ein schönes Team zusammengesetzt und ein ruhiges, bequemes Leben führen können. Das Haus Yoga Vidya Westerwald war ausgebaut, warum also sollten wir uns weiter anstrengen? Ihr wisst, wie wir uns entschieden haben: Wir haben ein weiteres Seminarhaus gesucht und 2003 das sehr viel größere „Haus Yoga Vidya Bad Meinberg“ eröffnet, was dann wieder zu vieler Mühe geführt hat…

So ist oft die Frage: Sollen wir es uns bequem machen oder uns anstrengen? Sollen wir Sicherheit suchen oder ein Risiko eingehen?

 

Eine andere Anwendung der Bhagavad Gita: Manchmal stehen wir vor Entscheidungen, und wir wissen ganz genau, was wir tun sollten. Wir sind aber zu faul, zu tamasig (träge) und wollen es nicht wirklich tun.

Manchmal entdecken wir zum Beispiel, dass wir den einen oder anderen Fehler in uns oder schlechte Angewohnheiten haben. Das habt ihr bestimmt auch schon mal an euch entdeckt. Und dann lesen wir in den Schriften, dass es gut ist, gegen schlechte Gewohnheiten anzugehen. Es ist gut gegen Ungeduld anzugehen. Es ist hilfreich, Gier und Ängste zu überwinden. Wenn wir eine schlechte Angewohnheit festgestellt haben, machen wir uns auf den Weg und sagen uns: „Ich werde etwas gegen meine Schüchternheit tun.“ Wenn wir uns die Schüchternheit dann näher anschauen: Was stellen wir fest? Sie ist irgendwie mit uns verwandt. Irgendwie bin ich das doch, warum soll ich dagegen angehen? Die Schüchternheit ist ein Teil von mir. Soll ich jetzt  w i r k l i c h   etwas dagegen tun? Soll ich mich darum bemühen sie abzulegen? Natürlich gibt es geeignete Mittel dafür: Ich kann über Mut meditieren. Ich kann mich freiwillig als Yogalehrer für große Yogastunden und Vorträge melden. Ich kann mich an meinem Arbeitsplatz melden, um Referate zu halten. Ich kann Elternsprecher werden oder mich in einer politischen Partei engagieren, für den Stadtrat kandidieren usw. Es gibt viele Möglichkeiten. Und dann denken wir plötzlich, ich will lieber mich lieber weiterhin in meinem Mauseloch verstecken. Ich habe viele Jahre oder gar Jahrzehnte ganz gut mit dieser Eigenschaft gelebt, warum sollte ich jetzt plötzlich dagegen kämpfen?

Wir befinden uns immer wieder an einem Scheideweg. Und immer wenn wir uns an einem Scheideweg befinden, immer wenn es gilt, wichtige Entscheidungen zu treffen, gibt uns Krishna in der Bhagavad Gita wichtige Hinweise. Oft sind diese nicht ganz leicht zu befolgen, denn sonst bräuchte die Gita kein ganzes Buch zu sein, und Vyasa hätte nach den nächsten Versen, nach der Antwort Krishnas an Arjuna einfach aufhören können, weiterzuschreiben. Krishna hätte sagen können: „Ich als Gottinkarnation von Vishnu sage dir klar, das ist deine Aufgabe.“ Aber genau diesem Wunsch Arjunas kommt er nicht nach. Stattdessen gibt er ihm und uns viele Kriterien an die Hand, die uns helfen, zu einer Entscheidung zu kommen. Und im 18. Kapitel Vers 63 sagt er: „Nachdem du all das überlegt hast, handele wie du willst.“

 

Und zum Schluss rät Krishna Arjuna, ihm alles, was auch immer er tut, darzubringen.

 

Kap. 18 Vers 66

„Gib alle Pflichten auf und suche Zuflucht nur bei Mir alleine: Ich werde dich von allen Sünden befreien; sorge dich nicht.“

Sarva-dharman parityajya mam ekam saranam vraja aham tva sarva—papebhyo moksayisyami ma sucah.

 

Arjuna wollte von Krishna wissen, was sein Dharma ist, was seine Pflicht, was seine Aufgabe ist. 17 Kapitel lang erzählt Krishna ihm, wie er herausfinden kann, was sein Dharma ist. Und dann sagt er ihm: „Jetzt überlege all dies und dann tue, wie du merkst dass es richtig ist. Danach gib die Vorstellung von richtig und falsch auf. Widme alles mir und ich erlöse dich von allen Papas (Schuld, Sünde).“

 

Vor allen schweren Entscheidungen – inneren oder äußeren – sollten wir das berücksichtigen, was Krishna in diesen 17 Kapiteln erzählt. Und ein kleiner Trost ist: oft wissen wir dann immer noch nicht, was das Richtige ist. Das macht das Leben nicht einfacher.

Manchmal stelle ich Menschen in meinen Seminaren oder Vorträgen drei Fragen:

 

1. Wer hat das Gefühl, dass das Leben einfacher geworden ist, seit er Yoga macht?

2. Wer hat das Gefühl, dass das Leben erfüllter geworden ist, seit er Yoga macht?

3. Wer meint denn, dass das Leben schöner und lebenswerter geworden ist, seit er Yoga macht?

Fast alle, die länger Yoga machen, finden, dass das Leben seit Beginn der Yogapraxis zwar nicht einfacher, aber dafür erfüllter und lebenswerter geworden ist.

 

Der buddhistische Meditationslehrer Jack Kornfield zum Beispiel sagt: Wenn man lernt mit zu leiden, dann leidet man auch mehr. Aber auch die Fähigkeit Leiden zu ertragen wird dann größer. Im deutschen Sprachraum sprechen Menschen oft von Mitgefühl oder Mitleid. Viele Menschen möchten Mitgefühl aber kein Mitleid bekommen. Doch ich finde, wenn der andere Mensch leidet und man dann mit ihm mit fühlt: Welche Emotion ist das dann, wenn nicht Mitleid? Oft wenden Menschen dann ein, es käme darauf an, worauf ich das Bewusstsein lege. Lege ich es auf sein Leid oder darauf, ihm aus seinem Leid herauszuhelfen. Das wäre schon ein großer Unterschied.

Dem antworte ich meist: „Manchmal hilft man jemandem aus seinem Leid heraus, indem man seinen Schmerz fühlt. Manchmal sind Ratschläge das Dümmste, was man in dem Moment machen kann.“

 

Relativ oft gibt es Menschen, die leiden und einem ihr Leid klagen. Und was macht derjenige, dem das Leid geklagt wird? Er gibt einen Ratschlag. Das führt bei dem Leidenden dann oft nur dazu, dass er sich völlig unverstanden fühlt. Natürlich können wir auch nicht mit jedem Einzelnen leiden. So groß ist unsere Leidensfähigkeit auch nicht. Aber manchmal kann es durchaus zu einem Problem werden, denn als Yogis werden wir feinfühliger. Viele Menschen, die einige Zeit auf dem Yogaweg sind und gefragt werden: „Hast du das Gefühl, dass du, seit du Yoga machst, feinfühliger geworden bist?“ antworten mit: „Ja“.

Durch Yoga wird das Leben also nicht unbedingt einfacher. Wir wissen auch nicht immer direkt, was die richtige Entscheidung ist, aber wir haben viele Kriterien, um Entscheidungen fällen zu können. Wenn die Kriterien nicht ausreichend hilfreich sind und wir immer noch nicht wissen, was wir tun sollen, können wir eine Entscheidung treffen und sagen: „Oh Gott, ich mache das jetzt so und so. Ich bin mir nicht sicher ob es richtig ist. Ich bringe dir diese Entscheidung ganz und gar dar. Ich bringe dir die Handlung ganz dar. Wenn du willst, dass ich es nicht so mache, dann kannst du mich ja immer noch davon abhalten.“ Damit ist es nicht mehr die eigene Verantwortung, sondern Gottes Verantwortung.

Doch bevor Krishna Arjuna überhaupt lehren kann, muss der siebte Vers kommen, welchen ich persönlich für den wichtigsten Vers halte. Ohne diesen siebten Vers gäbe es die Bhagavad Gita überhaupt nicht.

 

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