Atma Bodha – Vers 9

Die Welt ist eine Projektion

Atma Bodha – Vers 9

Deutsche Übersetzung:

Die ganze manifestierte Welt der Dinge und Wesen wird durch die Vorstellungskraft auf das Substrat projiziert, welches der ewige, all-durchdringende Vishnu ist, dessen Natur Sein-Wissen (Sat-Chit) ist – genauso wie verschiedene Schmuckstücke alle aus demselben Gold gemacht sind.

Sanskrit Text:

saccidātmany anusyūte nitye viṣṇau prakalpitāḥ ।
vyaktayo vividhāḥ sarvā hāṭake kaṭakādivat ॥ 9 ॥

सच्चिदात्मन्यनुस्यूते नित्ये विष्णौ प्रकल्पिताः ।
व्यक्तयो विविधाः सर्वा हाटके कटकादिवत् ॥ ९ ॥

sachchidatmany anusyute nitye vishnau prakalpitah |
vyaktayo vividhah sarva hatake katakadivat || 9||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • sac-cid-ātmani : dessen Natur („Selbst“, Atman) Sein (Sat) und Bewusstsein (Chit) ist
  • anusyūte : den all-durchdringenden („verwebten“, Anusyuta)
  • nitye : ewigen (Nitya)
  • viṣṇau : auf Vishnu
  • prakalpitāḥ : sind projiziert, vorgestellt („gemacht“, Prakalpita)
  • vyaktayaḥ : Einzeldinge, Manifestationen (Vyakti)
  • vividhāḥ : verschiedenen, mannichfachen (Vividha)
  • sarvāḥ : alle (Sarva)
  • hāṭake : auf Gold (basieren, Hataka)
  • kaṭakādi-vat : so wie (Vat) Armbänder (Kataka) usw. (Adi)     ॥ 9 ॥

Kommentar von Sukadev Bretz

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Shankara spricht in diesen Versen über die Welt: Was ist die Welt? Woraus besteht die Welt? In den vorherigen Versen hat er mehr gesagt, die Welt ist wie ein Traum, sie ist solange da, wie wir träumen. Wenn wir aufwachen, hört die Welt auf, oder die Welt ist auch wie Blasen im Ozean, Blasen steigen auf und verschwinden. Ähnlich auch alle Inhalte der Welt, sie steigen auf und verschwinden, hier gebraucht er noch eine weitere Analogie und zwar die des Goldes. Alle Schmuckstücke werden aus dem gleichen Gold gemacht. Angenommen, man hat einen großen Barren Gold, aus diesem Gold kann man Ringe machen, Ohrringe, Goldzähne, eine Kette oder auch eine wunderschöne Murti (Götterfigur) usw. Und angenommen, du hast jetzt 200 verschiedene Dinge aus diesem Gold gemacht, dann kann man sagen: Wunderschöne Shiva Statue, wunderschöner Ring, wunderschöne Kette usw. man mag sich jetzt auch fragen: Was ist am schönsten, ist dies jetzt schöner oder das? Aber all diese wunderschönen Formen bestehen alle aus Gold, irgendwann kann man dies alles wieder einschmelzen und es bleibt Gold übrig, dann kann man wieder etwas anderes draus machen und es bleibt weiter Gold. Man kann es wieder einschmelzen, es bleibt Gold, man hat etwas schönes gemacht, ein Schmied hämmert mit dem Eisenhammer drauf, es bleibt weiter Gold, alle verschiedenen Schmuckstücke sind aus dem gleichen Gold.
Ähnlich auch besteht alles aus dieser Welt aus dem gleichen Brahman, es gibt nur Brahman, alles andere ist Illusion. In diesem Sinne sieh hinter allem das eine Unendliche – Brahman und löse dich von der Vorstellung von allem Relativen. Erfahre hinter allem Brahman, die ganze Welt ist eine Manifestation von Brahman, so ähnlich wie Schmuckstücke aus Gold hergestellt sind. Wenn du also einen Menschen siehst, sei dir bewusst, letztlich ist der Mensch in der Essenz Brahman. Wenn du sogar ein Auto siehst, ist hinter dem Auto Brahman. Wenn du Lärm hörst, ist hinter dem Lärm Brahman. Dies kannst du dir bewusst machen, du kannst es erfahren und spüren, überall ist dieses Brahman. Shankaracharya gebraucht noch eine weitere Analogie, die eine beschreibt, wie aus Gold ein Schmuckstück wird, das Gold ist wichtiger als die Form, die vorhanden ist. Denn die Formen ändern sich und das Gold bleibt gleich, so ähnlich kannst du sagen, dass hinter allem die höchste Wirklichkeit steckt. Aber es geht eben noch weiter, die Welt ist nicht nur aus Gold (Brahman) geformt, sondern sie ist auch projiziert darüber. Die ganze Welt besteht aus Brahman, wir projizieren die Vorstellung der Welt über Brahman, Brahman bleibt Brahman, er wird nicht geformt in Teile der Welt. Es gibt immer nur Brahman, wir projizieren die Vorstellung einer Welt über Brahman, denken es ist die Welt, Welt bleibt immer Brahman. Denke drüber nach, meditiere darüber und erfahre, dass hinter allem unendliches Sein (Sat) und Bewusstheit (Chid) an sich ist.

Soweit für heute. Das war der neunte Vers im Atma Bodha von Shankaracharya. Ich wiederhole gerne nochmal den Vers: Die ganze manifestierte Welt der Dinge und Wesen wird durch die Vorstellungskraft auf das Substrat projiziert, welches der ewige alldurchdringende Vishnu ist, dessen wahre Natur Sat und Chid ist, Sein und Wissen, genau wie verschiedene Schmuckstücke alle aus dem selben Gold gemacht sind.

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