Atma Bodha – Vers 54

Die Verwirklichung von Brahman als Höchstes Gut

Atma Bodha – Vers 54

Deutsche Übersetzung:

Erkenne das als Brahman, dessen Erreichen nichts mehr zu erreichen lässt; die Segnung, die keinen Wunsch nach anderen Segnungen hinterlässt und die Erkenntnis, die nichts mehr zu erkennen übrig lässt.

Sanskrit Text:

yallābhān nāparo lābho yatsukhān nāparaṃ sukham ।
yajjñānān nāparaṃ jñānaṃ tad brahmety avadhārayet ॥ 54 ॥

यल्लाभान्नापरो लाभो यत्सुखान्नापरं सुखम् ।
यज्ज्ञानान्नापरं ज्ञानं तद्ब्रह्मेत्यवधारयेत् ॥ ५४ ॥

yallabhan naparo labho yatsukhan naparam sukham |
yajjnanan naparam jnanam tad brahmety avadharayet || 54 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • yal-lābhāt : nach dessen (Yad) Erreichen (Labha)
  • na : (es gibt) nicht (Na)
  • aparaḥ : ein anderes (Apara)
  • lābhaḥ : Erreichen
  • yat-sukhāt : nach dessen (Yad) Glück (Sukha)
  • na : (es gibt) nicht
  • aparam : ein anderes
  • sukham : Glück
  • yaj-jñānāt : nach dessen (Yad) Erkenntnis (Jnana)
  • na : (es gibt) nicht
  • aparam : eine andere
  • jñānam : Erkenntnis
  • tat : das (Tad)
  • brahma : (ist) das Absolute (Brahman)
  • iti : so, in dieser Weise (Iti)
  • avadhārayet : soll man begreifen, bei sich denken (ava + dhṛ)     ॥ 54 ॥

Kommentar von Sukadev Bretz

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Erkenne das als Brahman, dessen Erreichen nichts mehr zu erreichen lässt; die Segnung, die keinen Wunsch nach anderen Segnungen hinterlässt und die Erkenntnis, die nichts mehr zu erkennen übrig lässt.
Hier will uns Shankara motivieren. Ja – strebe nach dem Höchsten, strebe nach Gottverwirklichung, strebe nach Selbstverwirklichung, strebe danach, Jivanmukta zu werden. Denn es gibt nichts Höheres als dieses. Alles andere ist relativ. Nichts wird dich dauerhaft zufrieden machen, außer der Erkenntnis dieses Höchsten. Du magst nach anderem streben. Du magst nach mehr Geld streben, nach Sicherheit, nach einer guten Rente, nach einem schönen Haus, nach angenehmer Kleidung, nach dem tollsten Smart-Phone, nach dem besten Auto, nach Anerkennung, Gesundheit usw. Nichts wird dich dauerhaft zufriedenstellen. Denn, egal wieviel du hast – es gibt immer noch mehr zu erreichen. Und egal wie weit du dich selbst in der Persönlichkeit und intellektuellen und künstlerischen oder handwerklichen Fähigkeiten entwickelst – es gibt immer jemanden, der besser ist als du, und es gibt immer etwas, was noch mehr zu erreichen ist. Du wirst nicht dauerhaft dabei glücklich sein.
Aber es gibt etwas, was dich dauerhaft glücklich macht. Und das ist Brahman. Wenn du Brahman wirklich vollständig erfahren hast, wenn du zu einem Brahmavit geworden bist, der die vollkommene Erkenntnis von Brahman hat, wenn du Atma Sakshatkara erreicht hast, die volle Selbstverwirklichung, dann hast du alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Er sagt hier „Labha“ – alles erreicht. Es gibt nichts mehr zu erreichen. Du findest die vollkommene Erfüllung. Hier wird übersetzt: Die Segnung, die keinen Wunsch nach anderen Segnungen hinterlässt. Hier steht auch „Sukha“ und dann „Parana Sukha“. D. h. du erfährst ein Glück, nach dessen Erfahrung kein anderes Glück mehr da ist.
Alles andere – du erfährst ein Glück, und nachher ist es irgendwie schal geworden. Du willst entweder mehr haben oder du denkst, du willst das gleiche nochmal erreichen, aber es ist nicht nochmal zu erreichen. Es gibt diese magischen Momente, wo Glück da ist. Du willst sie nochmal erreichen. Gelingt nicht. Und ein gewisses Glück, wenn es dauerhaft ist, ist auch kein Glück mehr. Der Mensch gewöhnt sich an äußere Glückserfahrungen.
Aber wenn du Samadhi erfahren hast und so dieser Muni bist, der diese Mischung hat, wie Shankara in den vorigen Versen erläutert hat, d. h. du kannst in dem Körper und der Psyche sein, wann immer nötig, du weißt aber „Ich bin das unsterbliche Selbst“, du kannst jederzeit die Begrenzung von Körper und Psyche transzendieren und Sat-Chid-Ananda erfahren, unendliches Sein, unendliche Bewusstheit, unendliche Glückseligkeit, dann hast du alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Du hast dieses Glück. Im Alltag, wenn du die Rolle spielst, kommen verschiedene Emotionen. Aber du kannst jederzeit wieder unendliches Glück erfahren. Dieses Glück von Nirvikalpa Samadhi ist jederzeit wiederholbar und es ist jederzeit wieder erfahrbar.
Und er sagt auch: Nach dessen Erkenntnis nichts mehr zu erkennen gibt. Der relativen Ebene ist Wissen nie ausreichend. Egal, welches Spezialgebiet du hast, du weißt nie alles. Aber wenn du Brahman weißt, weißt du alles, was es zu wissen gibt. Denn Brahman ist das ganze Universum. Das ganze Universum ist eine Manifestation von Brahman. Du wirst zum Sarvavit, wenn du Brahman kennst, Brahman bist, Brahman erfährst, weißt, alles ist Brahman, dann weißt du auch alles, was es zu wissen gibt. Denn aus Brahman kommt alles. Das ist so ähnlich wie, wenn du den Regisseur kennst; dann verstehst du auch, was das ganze Schauspiel ist. Wenn du den Poet fragst, wie es weitergeht – der weiß alles. Im Schauspiel selbst bist du begrenzt. In diesem Sinne: Wenn du Brahman bist, Brahman erfahren hast, eigentlich bist du jetzt schon Brahman und letztlich gibt es nur Brahman, aber du bist dir dessen nicht bewusst. Wenn du Brahmavit bist, der Kenner von Brahman, dann kennst du alles, was es zu kennen gibt. Es ist wichtig, sich das immer wieder zu vergegenwärtigen.
Spirituelle Praxis ist ja nicht nur etwas, was man als Hobby macht. Viele Menschen üben ja Yoga so als eine Art Hobby. Zuerst kommt vielleicht der Beruf, als nächstes kommt die Familie, als drittes die Hobbies, als viertes irgendwo Körperpflege und Befriedigung von verschiedenen Wünschen. Wenn man dann noch Zeit hat, so ein bisschen spirituelle Praxis, solange es einem Spaß macht, weil es irgendwie gut tut; und in den Ashram geht man, soweit die Leute freundlich sind und es einem irgendwie besser gefällt als irgendwo auf Mallorca Urlaub zu machen. Kann man auch machen. Yoga kann man auch einfach tun, um sich zu entspannen, sich wohlzufühlen usw. Auch nett. Aber die Seele sucht nach mehr. Die Seele strebt nach dem Höchsten.
Von daher sollte die ganze Reihenfolge anders sein. Am wichtigsten ist das Streben nach Gottverwirklichung. Das sollte Nummer eins, zwei und drei sein. Und dann kommt alles andere. Und alles andere kannst du ja auch unter das Thema stellen der Gottverwirklichung. Wenn du sagst: Gottverwirklichung – das ist das Ziel meines Lebens. Und dann fragst du dich: Und wie kann ich diese Gottverwirklichung erreichen? Was kann ich tun, um dorthin zu kommen? Und dann wirst du sagen: Spirituelle Praxis ist wichtig. Dann wirst du sagen: Studium von Schriften ist wichtig. Dann wirst du sagen: Ich muss auch meine Rolle spielen. Ich bin in diese Welt gekommen, um meine Rolle zu spielen, also werde ich die Rolle so gut spielen wie ich kann, überlege: „Was will der kosmische Regisseur von dieser Rolle überhaupt?“ Du wirst dich um deinen Körper kümmern, du musst dich auch um dein Kostüm kümmern. Du wirst handeln aus dem Bewusstsein: Es ist eine Rolle und du wirst handeln aus dem Bewusstsein: Wir sind alle verbunden und eins. Und das ist etwas ganz anderes als Yoga als Hobby zu praktizieren. Aus diesem Bewusstsein der Einheit, mit der Sehnsucht, die Einheit voll zu verwirklichen und mit der Sehnsucht deinen Part so zu spielen, wie er gespielt werden soll. Nicht aus Egoismus, sondern in der tiefen Bewusstheit: Wir sind alle verbunden und in der tiefen Sehnsucht, das vollständig zu erfahren.
So sagt er also hier: Erkenne das als Brahman, dessen Erreichen nichts mehr zu erreichen lässt. Die Segnung und die Freude, die keinen anderen Wunsch nach anderen Segnungen und Freuden hinterlässt, die Erkenntnis, die nichts mehr zu erkennen übrig lässt.

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