Atma Bodha – Vers 30

Negiere alle Begrenzungen

Atma Bodha – Vers 30

Deutsche Übersetzung:

Mittels eines Vorgangs der Negierung der Begrenzungen (Upadhis) mit Hilfe der Aussage der Schriften „Neti, Neti – nicht dies, nicht das“ muss die Einheit der individuellen Seele und der Höchsten Seele, wie sie von den großen Mahavakyas gezeigt wird, verwirklicht werden.

Sanskrit Text:

niṣidhya nikhilopādhīn neti netīti vākyataḥ ।
vidyād aikyaṃ mahāvākyair jīvātmaparamātmanoḥ ॥ 30 ॥

निषिध्य निखिलोपाधीन्नेति नेतीति वाक्यतः ।
विद्यादैक्यं महावाक्यैर्जीवात्मपरमात्मनोः ॥ ३० ॥

nishidhya nikhilopadhin neti netiti vakyatah |
vidyad aikyam mahavakyair jivatmaparamatmanoh || 30 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • niṣidhya : verneinend, negierend („verwehrt habend“, ni + sidh)
  • nikhilopādhīn : sämtliche (Nikhila) Begrenzungen (Upadhi)
  • neti = Sandhi für na iti
  • na : nicht (Na)
  • iti : dies („so“, Iti)
  • iti : des Inhalts („so, in dieser Weise“, Iti)
  • vākyataḥ : durch Aussagen (Vakya)
  • vidyāt : man muss erkennen (vid)
  • aikyam : die Einheit (Aikya)
  • mahā-vākyaiḥ : vermittels der großen Aussprüche (der Upanishaden, Mahavakya)
  • jīvātma-paramātmanoḥ : der Individualseele (Jivatman) und der Allseele (Paramatman)     ॥ 30 ॥

Kommentar von Sukadev Bretz

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Mittels eines Vorgangs der Negierung der Begrenzungen (Upadhis) mit Hilfe der Aussage der Schriften „Neti, Neti – nicht dies, nicht dies“ muss die Einheit der individuellen Seele und der Höchsten Seele, wie sie von den großen Mahavakyas gezeigt wird, verwirklicht werden.

Mahavakyas sind die großen Aussprüche. „Maha“ heißt groß, „Vakya“ heißt Ausspruch. Mahavakyas sind die großen Aussprüche der Upanischaden. Upanischaden, der letzte Teil der Veden, Grundlage des Vedanta, Ende des Wissens. In den Upanischaden werden Fragen gestellt wie: „Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Was ist wirklich? Was ist unwirklich?“
In den Upanischaden stehen insbesondere vier Mahavakyas. Die heißen:
Tat Twam Asi – Das bist du.
Aham Brahma Asmi – ich bin Brahman.
Prajnanam Brahman – Bewusstsein ist Brahman.
Ayam Atma Brahma – Dieses Selbst ist Brahman.
Man könnte sie auch in einer anderen Reihenfolge aufzählen. Man könnte sagen: Wer ist Gott? Gott kann nicht begrenzt sein. Gott ist unbegrenzt. Gott kann keinen Körper haben, denn Körper sind begrenzt. Man kann sagen: Prajnanam Brahman – das Absolute ist Bewusstsein an sich. Dieses Bewusstsein ist überall und ewig. Tat Twam Asi – dieses Bewusstsein bist du. Ayam Atma Brahman – Dieses Selbst ist Bewusstsein. Aham Brahma Asmi – ich bin dieses Brahman. Das sind die großen Mahavakyas.

Wie verwirklichen wir die Mahavakyas? Shankaracharya gibt uns hier wieder eine neue Technik. Er sagt: Durch Neti-Neti, Vorgang der Negierung der Begrenzungen. Begrenzungen sind Upadhi. Es gilt also, sich bewusst zu machen: Ich bin nicht dies und nicht das. Neti heißt nicht dies. Im Deutschen heißt es übersetzt: Nicht dies und nicht das. Du kannst dir bewusst machen, da ist der Körper. Ich bin nicht der Körper. Neti-Neti, nicht dies nicht dies. Der Körper ist begrenzt. Der Körper geht durch Höhen und Tiefen. Im Wachbewusstsein bin ich mir meines Körpers bewusst. Im Traumbewusstsein habe ich einen anderen Körper. Ich bin nicht der Körper – Neti-Neti.
Genauso kannst du dich fragen: Bin ich die Gedanken? Du kannst dir bewusst sein, Gedanken kommen, Gedanken gehen, ich bleibe gleich. Gedanken kommen von selbst, ich kann Gedanken verändern aber ich bleibe gleich. Es gibt sogar Bewusstsein ohne Gedanken.
Bin ich die Emotionen? Neti-Neti. Ich kann Emotionen beobachten. Ich kann Emotionen bis zu einem gewissen Grad beeinflussen. Emotionen kommen auch ohne dass ich sie bewusst beeinflusse.
Gedanken kommen, Gedanken gehen. Emotionen kommen, Emotionen gehen. Neti-Neti, nicht dies, nicht das, das ist der Vorgang der Negierung, der Verneinung oder wie Shankara es hier sagt, Negierung der Begrenzungen, der Upadhis. Was auch immer es ist, mit dem du dich identifizierst, sage dir Neti-Neti. Wenn du dich entdeckst bei einer Aussage: „Ich bin halt so“, dann sage Neti-Neti, nein, so bin ich nicht. Wenn man sagt: „Ich bin halt so.“ dann meint man diese oder jene Talente, diesen oder jenen Charakterzug. Nein, du bist nicht so! Man kann durchaus sagen, dieser Körper, diese Psyche haben bestimmte Eigenschaften, bestimmte Fähigkeiten weniger, aber du begrenzt dich oft. Neti-Neti, nicht dies, nicht dies. Und indem du damit aufhörst, diese Begrenzungen negierst, erfährst du die Einheit der individuellen Seele mit der kosmischen Seele. Hier sagt er: Jivatma Paramatmanoho, d.h. die Einheit der individuellen Seele Jivatma mit Paramatma, mit der höchsten Seele selbst. Negiere das, was du nicht bist, und bekräftige das, was du bist. Ich bin eins mit dem Ewigen, mit dem Unendlichen. In der westlichen Alchemie sagt man: Solve et coagular, löse und binde, d.h. löse dich von Identifikationen und erfahre die Einheit mit dem höchsten Bewusstsein.
Denke darüber nach und übe diesen Zweischritt: Neti-Neti, Nicht dies, nicht dies. Lösen von Bindungen und als nächstes dehne deine Bewusstheit aus. Erfahre dich als Bewusstsein hinter allem.

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