Atma Bodha – Vers 40

Überwinde Identifkationen

Atma Bodha – Vers 40

Deutsche Übersetzung:

Wer das Höchste realisiert hat, wirft all seine Identifikationen mit den Objekten von Namen und Formen ab. Er verweilt (danach) als Verkörperung des Unendlichen Bewusstseins und der Unendlichen Glückseligkeit. Er wird das Selbst.

Sanskrit Text:

rūpavarṇādikaṃ sarvaṃ vihāya paramārthavit ।
paripūrṇacidānandasvarūpeṇāvatiṣṭhate ॥ 40 ॥

रूपवर्णादिकं सर्वं विहाय परमार्थवित् ।
परिपूर्णचिदानन्दस्वरूपेणावतिष्ठते ॥ ४० ॥

rupavarnadikam sarvam vihaya paramarthavit |
paripurnachidanandasvarupenavatishthate || 40 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • rūpa-varṇādikam : Formen (Rupa), Namen („Laute“, Varna) usw. (Adika)
  • sarvam : jegliche (Sarva)
  • vihāya : hinter sich lassend („aufgebend“, vi + )
  • paramārtha-vit : derjenige, der die höchste Wahrheit (Paramartha) erkannt hat (vid)
  • paripūrṇa-cid-ānanda-svarūpeṇa : in seinem Wesen („der eigenen Form“, Svarupa), vollkommenen (Paripurna) Bewusstseins (Chit) und vollständiger Glückseligkeit (Ananda)
  • avatiṣṭhate : verweilt (ava + sthā)     ॥ 40 ॥

Kommentar von Sukadev Bretz

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Wer das Höchste realisiert hat, wirft all seine Identifikationen mit den Objekten von Namen und Formen ab. Er verweilt danach als Verkörperung des unendlichen Bewusstseins und der unendlichen Glückseligkeit. Er wird das Selbst.
Er hat vorher über jnana abhyasa gesprochen, die Übung, um zum höchsten Wissen zu kommen. Er hat gesagt, was man machen kann und er beschreibt auch, wie man das machen kann. Und jetzt führt er aus, was die Früchte von dieser Praxis sind. Die meisten Yoga Werke gehen in dieser Reihenfolge vor. Zuerst beschreiben sie eine Schwierigkeit, die es gibt. Danach geben sie eine spirituelle Praxis an, erklären im Anschluss, wie sie auszuführen ist und was die Frucht dieser spirituellen Praxis ist. Hier spricht Shankaracharya jetzt über die Frucht der spirituellen Praxis und was es bedeutet, sich immer wieder bewusst zu machen Aham Brahma Asmi – ich bin Brahman. Oder auch „satyam, jnanam, anantam – ich bin höchste Wirklichkeit, ich bin reines Wissen, ich bin Unendlichkeit, ich bin ewig, ich bin rein. Ananta Brahman – ich bin unendliches Brahman.
Wenn man das immer wieder sagt, wird man das Höchste verwirklichen. Wenn man das Höchste verwirklicht hat, dann wirft man alle Identifikationen von Namen und Formen ab. Also alle Identifikationen mit „rupa“ (Formen) und „varna“ (verschiedene Färbungen) – alle werden aufgegeben. So kann man auch erkennen, ob jemand das Höchste erreicht hat. Wenn sich jemand mit etwas identifiziert, z.B. mit Namen, Formen, mit seinem Körper, mit seiner Psyche, mit Lob, Ruhm, dann ist das ein Zeichen dafür, daß er noch nicht das Höchste verwirklicht hat. Das Höchste ist verwirklicht, wenn alle Identifikationen aufgegeben sind. Du hast immer noch einen Körper, du hast immer noch eine Psyche, du hast immer noch Vorstellungen, was zu tun und was nicht zu tun ist. Aber, du bist das Unendliche und das Ewige. Du kannst dich lösen von Identifikationen. So ähnlich, als wärest du ein Schauspieler in einem Schauspiel, der seinen Part spielt. Aber du weißt immer, dass du weder Wilhelm Tell noch Mutter Courage bist. Selbst, wenn du eine dieser Figuren spielst. Wenn du die Figur spielst, wirst du sie glaubhaft spielen. Im Alltag kannst Du Deinen Mitmenschen auch nicht sagen, dass du das unsterbliche Selbst bist und sie ihre Arbeit allein machen sollen. Im Alltag musst du deine Aufgaben tun, du musst das Spiel mitspielen – wohl wissend, das es ein Spiel ist. Ich bin das unsterbliche Selbst hinter meiner eigenen Psyche, hinter meinen Körper und ich bin das unsterbliche Selbst hinter der Psyche von diesem Menschen, der neben mir ist oder der mir etwas sagt. Wenn man das erkennt, sind alle Identifikationen verschwunden.
Die 2. Wirkung, die er beschreibt ist, dass man als Verkörperung des unendlichen Bewusstseins verweilt, als Verkörperung der unendlichen Glückseligkeit. Das heißt, dass dein Körper weiter da ist, wissend, dass du das Unendliche bist. Der Körper tut was zu tun ist, die Psyche tut was zu tun ist, und du kommst deinen Pflichten nach. Aber du weißt, dass du das Unendliche und das Ewige bist. Der Körper ist Träger – vergleichbar mit einem Auto. Du bist zwar der Fahrer, aber du bist nicht das Auto selbst. Und du weißt, dass du nicht das Auto bist – also bist du auch nicht der Körper, du bist das unsterbliche Selbst, so wie der Körper die Verkörperung des unsterblichen Selbst.
Unendliche Seligkeit, Glückseligkeit – auch darüber spricht er. Chidananda svarupa – wahre Natur, unendliches Bewusstsein – und Ananda, höchste Glückseligkeit. Tat Tvam Asi – „Das Bist Du“. Du erfährst unendliche Glückseligkeit. Das, was du vergeblich gesucht hast in den Objekten, im Umgang mit anderen Menschen und im Ansammeln von Reichtum etc. Das erfährst du dann, wenn du dein wahres Selbst verwirklichst.
Er schreibt noch zum Schluss: Man wird zum höchsten Selbst – Paramartha vid – die höchste Bemühung, die man erfährt. Aber man wird eigentlich nicht zum Selbst, man ist das Selbst. Man wird zum höchsten Selbst bedeutet hier, dass sich die individuelle Bewusstheit nicht mehr mit dem Körper oder der Psyche identifiziert. Sie identifiziert sich stattdessen mit dem, was man wirklich ist – das Selbst.
Ich wiederhole noch einmal diesen wunderbaren Vers:
Wer das Höchste realisiert hat, wirft all seine Identifikationen mit den Objekten von Namen und Formen ab. Er verweilt als die Verkörperung des unendlichen Bewusstseins und der unendlichen Glückseligkeit. Er wird das Selbst.

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