Atma Bodha – Vers 31

Dein Körper ist vergänglich – du bist unvergänglich
Atma Bodha – Vers 31

Deutsche Übersetzung:

Der physische Körper usw. bis hin zum Kausalkörper (Avidya), die wahrnehmbare Objekte sind, sind so vergänglich wie Wasserblasen. Erkenne durch Unterscheidung „Ich bin die reine absolute Wirklichkeit (Brahman)“, vollständig verschieden von all diesen.

Sanskrit Text:

āvidyakaṃ śarīrādi dṛśyaṃ budbudavat kṣaram ।
etadvilakṣaṇaṃ vidyād ahaṃ brahmeti nirmalam ॥ 31 ॥

आविद्यकं शरीरादि दृश्यं बुद्-बुदवत्क्षरम् ।
एतद्विलक्षणं विद्यादहं ब्रह्मेति निर्मलम् ॥ ३१ ॥

avidyakam shariradi drishyam budbudavat ksharam |
etadvilakshanam vidyadhaham brahmeti nirmalam || 31 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • āvidyakam : der aus Unwissenheit bestehende (Avidyaka)
  • śarīrādi : physische Körper (Sharira) usw. (Adi)
  • dṛśyam : (ist) ein wahrnehmbares Objekt („zu Sehendes“, Drishya)
  • budbuda-vat : wie (Vat) Luftblasen (im Wasser, Budbuda)
  • kṣaram : vergänglich (Kshara)
  • etad-vilakṣaṇam : verschieden (Vilakshana) von diesem (Körper usw., Etad)
  • vidyāt : man muss erkennen (vid)
  • aham : ich (bin, Aham)
  • brahma : das Absolute (Brahman)
  • iti : so, in dieser Weise (Iti)
  • nirmalam : reine (Nirmala)     ॥ 31 ॥

Kommentar von Sukadev Bretz

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Der physische Körper usw. bis hin zum Kausalkörper (Avidya), die wahrnehmbare Objekte sind, sind so vergänglich wie Wasserblasen. Erkenne durch Unterscheidung „Ich bin die reine absolute Wirklichkeit (Brahman)“, vollständig verschieden von all diesen.

Hier geht es Shankara darum, uns zu zeigen, wie wir erfahren können, was wir wirklich sind. „Ayam Atma Brahman“ so ist die Aussage der Schriften. Dieses Selbst ist Brahman. Wie kommen wir dort hin? Im vorigen Vers hat er gesagt durch Neti-Neti, durch Nichtidentifikation. Und hier sagt er: Erkenne, was vergänglich ist. Er gebraucht als Analogie Wasserblasen.
Das ist ja das Schöne am Atma Bodha: Eine Analogie nach der anderen, über die man auch meditieren kann.
Wasserblasen kommen und gehen. Mal angenommen du siehst einen See und da gärt es unten, immer wieder kommen Wasserblasen hoch, sie platzen und sind weg.
Oder angenommen, es ist unten ein Tier, das schwimmt und irgendwie Blasen erzeugt – Wasserblasen kommen, Wasserblasen gehen. Er spricht hier auch von physischen Körpern oder Kausalkörpern, alles sind wahrnehmbare Objekte. Das ist eine Möglichkeit, auf die ich ja schon hingewiesen habe, wie man sich lösen kann, Subjekt-Objektbeziehung.
Du kannst es wahrnehmen: Da ist der physische Körper. Ich kann den physischen Körper spüren. Ich bin separat vom physischen Körper, weil ich den physischen Körper bewege, ihn spüre und Erfahrungen über ihn mache. Ich bin nicht der physische Körper. Das ist die Subjekt-Objekt-Beziehung, die eine Möglichkeit, sich davon zu lösen.
Die zweite Möglichkeit ist, sich Kommen und Gehen bewusst zu machen. Körper ist mal gesünder, mal ist er kränker. Er war mal kleiner (als Baby) ist gewachsen (als Kleinkind), jugendlich, Schönheit der Jugend, dann wird er älter, erste Falten, irgendwann graue Haare, irgendwann gebrechlich, irgendwann tot. Bewusstsein bleibt gleich durch all diese Erfahrungen. Der Körper produziert schöne Erfahrungen, z. B. wenn etwas sehr gut schmeckt. Körper produziert schmerzhafte Erfahrungen, z. B. beim Hexenschuss oder Unfall. Erfahrungen kommen, Erfahrungen gehen, aber Bewusstsein bleibt. Er sagt auch nicht nur Körper bis hin zum Kausalkörper, bis zu Avidya. Emotionen kommen, Emotionen gehen. Gedanken kommen, Gedanken gehen. Sie sind wie Blasen.
Du kannst aufhören, dich damit zu identifizieren. Manche Menschen sind so sehr damit beschäftigt sich zu identifizieren, irgendetwas läuft nicht, wie sie es gerne hätten, sie sind furchtbar verärgert, so richtig gefangen, schimpfen wie ein Rohrspatz usw.
Man könnte es aber auch so sehen: Da ist meine Psyche und meine Psyche reagiert. Hat guten Grund, ein bisschen ärgerlich zu sein. Ärger kommt, Ärger geht. Ich bin das unsterbliche Selbst. Ich bin nicht nur das unsterbliche Selbst in diesem Körper, dieser Psyche, ich bin auch das Selbst hinter dem, der mich gerade verärgert hat. Ärger kommt, Ärger geht. Ich bin das unsterbliche Selbst.
Nun beobachte alles was kommt und alles was geht wie Wasserblasen, die kommen und gehen und sei dir bewusst: Ich bin das unsterbliche Selbst.
Man ist sich dessen nicht den ganzen Tag bewusst. Es ist wie bei Schauspielern. Es gibt zwei Arten von Schauspielern: Diejenigen, die in jedem Moment ihres Schauspiels wissen, dass sie ein Schauspieler sind und jede Minute versuchen, ihre Rolle so glaubhaft wie möglich zu spielen. Sie wissen: Ich bin ein Schauspieler, da ist eine Rolle und ich verkörpere diese Rolle.
Die zweite Art von Schauspieler ist derjenige, der ganz in der Rolle aufgeht. In dem Moment, wo er beispielsweise den „Faust“ spielt, denkt und fühlt er wie „Faust“ und wird zur Rolle. Aber nachdem das Schauspiel zu Ende ist, verneigt er sich vor dem Publikum, genießt den Applaus und weiß, ich habe nur gespielt.
In diesem Sinne gibt es auch verschiedene Methoden im Vedanta damit umzugehen. Der eine ist der Vedantin, der sich jederzeit bewusst macht: „Ich bin das unsterbliche Selbst und ich spiele jetzt Körper und Psyche. Mache meine Funktion eben so gut, wie ich kann, eben wie ein Schauspieler.“ Und es gibt den anderen, der in die Rolle ganz hineingeht mit vollem Bewusstsein, mit Emotionalität usw. alles tut, sich aber nachher bewusst macht: „Es war nur ein Schauspiel. Es war nur eine Rolle.“ So kannst du dir nach der Meditation vielleicht bewusst machen: Jetzt gehe ich in das Schauspiel hinein. Dann in der Mittagspause vielleicht kurz aus dem Schauspiel austreten, unendliches Bewusstsein wahrnehmen. Nachmittags geht das Schauspiel weiter. Abends wieder: Ich bin das unsterbliche Selbst. Zwischendurch dann wieder Bewusstsein: „Ich bin das Bewusstsein hinter allem.“
In diesem Sinne gibt es die zwei Weisen, wie man Vedantin sein kann. Die eine ist ständiges Bewusstsein des Selbst. Die andere ist: Zwischendurch in der Rolle aufgehen aber immer wieder die Rolle verlassen und sich immer wieder bewusst sein: „Ich bin das unsterbliche Selbst.“ Alles andere kommt und geht wie Wasserblasen, ähnlich wie Rollen kommen und Rollen gehen, der Schauspieler bleibt im Kern der gleiche.
In diesem Sinne: Ereignisse kommen, Ereignisse gehen. Körper und Psyche schaffen diese Erfahrung, schaffen jene Erfahrung, Bewusstsein bleibt gleich.

Erkenne dich als unsterbliches Selbst.

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