{"id":3774,"date":"2017-07-01T09:31:15","date_gmt":"2017-07-01T07:31:15","guid":{"rendered":"http:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/?p=3774"},"modified":"2017-07-03T12:13:30","modified_gmt":"2017-07-03T10:13:30","slug":"1-kapitel-vers-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/1-kapitel-vers-7\/","title":{"rendered":"Kapitel 1, Vers 7"},"content":{"rendered":"<h3>Deutsche \u00dcbersetzung:<\/h3>\n<p>Direkte Wahrnehmung, Schlu\u00dffolgerung und Aussagen anderer f\u00fchren zu rechtem Wissen.<\/p>\n<h3>Sanskrit Text:<\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">pratyak\u1e63a-anum\u0101na-\u0101gam\u0101\u1e25 pram\u0101\u1e47\u0101ni  ||7||<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 1.5em; text-align: left;\"><strong>\u0930\u0924\u094d\u092f\u0915\u094d\u0937\u093e\u0928\u0941\u092e\u093e\u0928\u093e\u0917\u092e\u093e\u0903 \u092a\u094d\u0930\u092e\u093e\u0923\u093e\u0928\u093f \u0965\u096d\u0965<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">pratyaksha anumana agamah pramanani ||7||<\/p>\n<h3>Wort-f\u00fcr-Wort-\u00dcbersetzung:<\/h3>\n<ul>\n<li style=\"text-align: left;\">pratyak\u1e63\u0101 = direkte Wahrnehmung<\/li>\n<li style=\"text-align: left;\">anum\u0101na = Schlu\u00dffolgerung<\/li>\n<li style=\"text-align: left;\">\u0101gama\u1e25 = Zeugnis, \u00dcberlieferung, Aussage anderer, Schriftwissen<\/li>\n<li style=\"text-align: left;\">pram\u0101\u1e47a = Gegenst\u00e4ndliche Wahrnehmung, richtige Wahrnehmung, richtiges Wissen<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"responsive-tabs\">\n<h2 class=\"tabtitle\">Kommentar<\/h2>\n<div class=\"tabcontent\">\n\n<p>Schauen wir zuerst das korrekte Wissen an. Dazu will ich zun\u00e4chst auf die Theorie des Geistes in seinen vier verschiedenen Aspekten eingehen.<\/p>\n<p>Der Geist als Ganzes wird in der <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Artikel\/Art-Artikel\/art_vedanta.html\" target=\"_blank\"><em>vedanta<\/em><\/a>-Philosophie als <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Antarkarana\" target=\"_blank\"><em>antarkarana<\/em><\/a> bezeichnet, als inneres Instrument (<em>karana<\/em> = Werkzeug, Instrument, Ursache; <em>antar<\/em> = innen), im Unterschied zum <em>bahirkarana<\/em>, dem \u00e4u\u00dferen Instrument. Das ist der K\u00f6rper. Beide sind nicht unser Selbst, sondern nur Instrumente \u2013 sehr wertvolle Instrumente, aber eben nur Instrumente; wir sind nicht der K\u00f6rper und nicht der Geist. Das mu\u00df man sich immer wieder vor Augen f\u00fchren im t\u00e4glichen Leben. K\u00f6rper und <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Geist\" target=\"_blank\">Geist<\/a> sind meine Instrumente, um mich auszudr\u00fccken, um Erfahrung zu sammeln, um die g\u00f6ttliche Energie durchzulassen und zu erfahren.<\/p>\n<p>Der <em>antarkarana<\/em> besteht aus vier Teilen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Buch\/patanjali-raja-yoga-sutra\/01-07-kommentar-sukadev\/test\/\" rel=\"attachment wp-att-681\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-681\" title=\"Atman - Das Selbst\" src=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Buch\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/test.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/test.png 566w, https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/test-300x151.png 300w, https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/test-540x272.png 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 566px) 100vw, 566px\" width=\"566\" height=\"286\"\/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Chitta\" target=\"_blank\"><em>Chitta<\/em><\/a> im engeren Sinne (im vedanta-System) bezieht sich nur auf das Unterbewu\u00dftsein. In einem weiteren Sinn (im <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Samkhya\" target=\"_blank\"><em>samkhya<\/em><\/a>-System) ist <em>chitta<\/em> der ganze Geist, entspricht also dem <em>antarkarana<\/em>. In \u201e<em>yogash chitta vritti nirodhah<\/em>\u201c = \u201eYoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Gedanken im Geist\u201c ist mit <em>chitta<\/em> der gesamte Geistkomplex gemeint. Aber im Zusammenhang mit dem <em>antarkarana<\/em>-Modell steht <em>chitta<\/em> nur f\u00fcr das Unterbewu\u00dftsein.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Manas\" target=\"_blank\"><em>Manas<\/em><\/a> ist das Denkprinzip an sich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Buddhi\" target=\"_blank\"><em>Buddhi<\/em><\/a> ist sehr schwer zu \u00fcbersetzen, am ehesten mit Vernunft.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Ahamkara\" target=\"_blank\"><em>Ahamkara<\/em><\/a> ist das Ego, die Ursache des \u201eIch bin\u201c, der Identifikation.<\/p>\n<p>Unser normales Wissen ist gepr\u00e4gt durch diese vier Bestandteile des Geistes.<\/p>\n<p>Die Sinnesorgane oder Organe des Wissens, die<a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Jnana_Indriyas\" target=\"_blank\"><em> jnana indriyas<\/em><\/a>, wirken durch Sinneswahrnehmungen auf <em>manas<\/em> ein. So funktioniert z.B. das Sehen: Schwingungen kommen auf die Augen. Die Pupille dreht alles um, verkleinert es, projiziert es auf die Netzhaut, in der Netzhaut wird es umgewandelt, in elektrische Str\u00f6me umgesetzt. Diese werden durch den Sehnerv auf das Gehirn projiziert, dann entstehen im Sehnerv nochmals andere elektrische Str\u00f6me, die im <em>manas<\/em> in ein Bild umgewandelt werden. Wie der Proze\u00df, durch den diese elektrischen Impulse als Bild wahrgenommen werden, genau abl\u00e4uft, kann die moderne Wahrnehmungspsychologie bis heute nicht erkl\u00e4ren. <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Yogi\" target=\"_blank\">Yogi<\/a>s w\u00fcrden sagen, das geschieht auch nicht mehr im physischen K\u00f6rper, sondern im Astralk\u00f6rper, denn Bilder spielen sich auf der Astralebene ab, sind eine Funktion von <em>manas<\/em>.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend geht <em>manas<\/em> ins Unterbewu\u00dftsein und fragt: \u201eWas ist das?\u201c <em>Chitta<\/em>, das Unterbewu\u00dftsein bringt alle m\u00f6glichen Vorstellungen hoch, die dem Gesehenen entsprechen k\u00f6nnten. Dann tritt <em>buddhi<\/em>, das Urteilsverm\u00f6gen, die Vernunft, in Aktion und sagt: \u201eJa, das ist dieses oder jenes bzw. dies k\u00f6nnte es sein.\u201c oder \u201eNicht gen\u00fcgend Information.\u201c Dann kommt das <em>ahamkara<\/em>, das Ego und sagt: \u201eIch wei\u00df, das ist DAS\u201c. Man identifiziert sich damit und wenn man darin best\u00e4tigt wird, freut man sich.<\/p>\n<p>Es kann aber auch falsch sein, denn die Sinne k\u00f6nnen uns t\u00e4uschen, wie wir das zum Beispiel von optischen T\u00e4uschungen her kennen:<\/p>\n<p>&gt;\u2014\u2014\u2014&lt;&nbsp; &gt;\u2014\u2014\u2014&lt;<\/p>\n<p>Der rechte Strich sieht l\u00e4nger aus. Da wir aber wissen, da\u00df die Striche genau gleich lang sind, wird unser<em> buddhi<\/em>, die Vernunft, in diesem Fall sagen, das kann nicht sein, beide Striche m\u00fcssen gleich lang sein. Ein anderes Beispiel ist die Perspektive in der Malerei.<\/p>\n<p>Unser Wissen kann uns t\u00e4uschen, nicht nur durch die Sinneswahrnehmungen, sondern auch durch die Interpretationen, die wir hineinlegen. Menschen interpretieren ununterbrochen. Wenn zum Beispiel jemand einmal nachdenklich ist und deshalb nicht gr\u00fc\u00dft, denkt man vielleicht: \u201eEr hat etwas gegen mich, was habe ich falsch gemacht?\u201c u.s.w. Oder jemand hat sich \u00fcber irgend etwas ge\u00e4rgert, und viele Menschen beziehen das sofort auf sich, interpretieren den Gesichtsausdruck, den Ton etc. Jemand ist gestre\u00dft und daher im Moment f\u00fcr unsere Begriffe nicht freundlich genug, und sofort haben wir das Gef\u00fchl, er spiele Machtspielchen oder so \u00e4hnlich. Das kommt, wenn man alles auf sich selbst bezieht, und h\u00e4ngt auch mit dem eigenen Selbstbewu\u00dftsein, dem Selbstwertgef\u00fchl und dem eigenen Gem\u00fctszustand zusammen. Das Ego braucht Best\u00e4tigung. Wenn es sehr schwach ist, sucht es st\u00e4ndig Best\u00e4tigung von au\u00dfen. Wenn es diese Best\u00e4tigung nicht findet, f\u00fchlt es sich unsicher. Man kann jetzt nat\u00fcrlich daran arbeiten, sein Selbstwertgef\u00fchl zu st\u00e4rken. Eine andere M\u00f6glichkeit ist, weiterzugehen und zu versuchen, die Verbindung zu Gott oder zum eigenen Selbst aufzubauen. Dann k\u00f6nnen wir lernen, gleichm\u00fctig zu bleiben, auch wenn die Dinge \u00e4u\u00dferlich gerade nicht so sch\u00f6n sind oder nicht optimal laufen. <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Artikel\/Art-Artikel\/art_gott.html\" target=\"_blank\">Gott<\/a> ist immer gleich und best\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns immer bewu\u00dft machen, da\u00df unser <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Geist\" target=\"_blank\">Geist<\/a> uns t\u00e4uscht. <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/yoga-anfaenger\/yoga-wissen\/yoga-tradition\/swami-vishnu-devananda.html\" target=\"_blank\">Swami Vishnu<\/a> hat gerne gesagt: \u201eNever trust your mind\u201c (Traue nie deinem Geist!) oder \u201eMind your mind\u201c (Achte auf deinen Geist!). Oft h\u00e4lt man einen auftauchenden Gedanken zu schnell f\u00fcr richtig. Von vielen Menschen in der spirituellen Szene h\u00f6rt man h\u00e4ufig, man m\u00fcsse auf die innere Stimme h\u00f6ren \u2013 was in der Tat sehr wichtig ist. Aber man mu\u00df aufpassen, denn diese innere Stimme kann einen auch t\u00e4uschen. Wenn sie rein ist, ist sie das Richtige. Sie kann jedoch auch falsch interpretiert oder mit einer Emotion verwechselt werden. Das ist nicht so leicht auseinanderzuhalten.<\/p>\n<p>Beim korrekten Wissen k\u00f6nnen wir drei verschiedene Formen unterscheiden:<\/p>\n<p>Die <strong>direkte Wahrnehmung<\/strong> durch die<em> jnana indriyas<\/em>, die Sinnes- und Wahrnehmungsorgane, <strong>Schlu\u00dffolgerung<\/strong> \u00fcber den Intellekt und <strong>Aussagen anderer<\/strong>.<\/p>\n<p>Aus welcher dieser drei Quellen stammt wohl der gr\u00f6\u00dfte Teil unseres Wissens?<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Teil unseres Wissens stammt aus Aussagen anderer, die man dann noch nachzuvollziehen versucht. Aber vieles \u00fcbernimmt man aus zweiter Hand, ohne es selbst wirklich nachzupr\u00fcfen oder auch nachpr\u00fcfen zu k\u00f6nnen. Woher wissen wir zum Beispiel, da\u00df die Erde rund ist, wieviel Einwohner unser Wohnort oder unser Land hat, wie der K\u00f6rper funktioniert, wie das <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Herz\" target=\"_blank\">Herz<\/a> genau arbeitet u.s.w.? Wir haben es irgendwo geh\u00f6rt oder gelesen, versucht, es durch Wahrnehmung und logische Schlu\u00dffolgerung nachzuvollziehen. Aber selbst um die Erde geflogen sind wir nicht und haben auch nicht selbst den Brustkorb aufgeschnitten und versucht, das Herz zu untersuchen \u2013 und selbst wenn, w\u00e4re die Erkenntnis wahrscheinlich nicht sehr brauchbar.<\/p>\n<p>Aussagen anderer k\u00f6nnen nat\u00fcrlich auch eine Quelle inkorrekten Wissens sein. Ebenso kann unsere Schlu\u00dffolgerung falsch sein. Man kann auf falsche Weise intellektuelle Schl\u00fcsse ziehen oder man kann jemandem trauen, der etwas Unwahres sagt.<\/p>\n<p>Und gerade auf dem spirituellen Weg erfahren wir vor allem am Anfang das meiste durch Aussagen anderer, also von spirituellen <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Meister\" target=\"_blank\">Meister<\/a>n, deren Sch\u00fclern oder aus B\u00fcchern. Aus logischer Schlu\u00dffolgerung oder direkter Wahrnehmung herauszubekommen, wie die <em>asanas<\/em> gehen, ist nicht m\u00f6glich. Dazu m\u00fc\u00dfte man schon selbstverwirklicht sein, so da\u00df sie von alleine aus einem herauskommen. Aber im Normalfall geht man in eine <a href=\"http:\/\/mein.yoga-vidya.de\/profile\/Yogastunden\" target=\"_blank\">Yogastunde<\/a> und bekommt die <em>asanas<\/em> erkl\u00e4rt, in welcher Reihenfolge sie zu \u00fcben, wie lange sie zu halten sind und worauf zu achten ist \u2013 und das ist zun\u00e4chst einmal eine Zeugenaussage und Beobachtung. Dann \u00fcbt man selbst und das f\u00fchrt nat\u00fcrlich zu eigener Erfahrung, so da\u00df eine direkte Wahrnehmung hinzukommt. Man stellt fest: \u201eDas tut mir gut.\u201c Und dann kommt vielleicht noch die Schlu\u00dffolgerung dazu: \u201eDas tut mir gut, also mu\u00df der Yogalehrer irgendwie Recht haben und in Ordnung sein.\u201c<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Teil des Wissens auf dem spirituellen <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/yoga-anfaenger\/yoga-wissen\/yoga-wege.html\" target=\"_blank\">Weg<\/a> bekommen wir von gro\u00dfen Meistern und manchmal auch von weniger gro\u00dfen Meistern, also \u00fcber mehr oder weniger kompetente Aussagen anderer. Dabei mu\u00df man besonders aufpassen, wem man traut. Das ist einer der Gr\u00fcnde, warum Spiritualit\u00e4t manchmal in Verruf kommt. Es gibt gen\u00fcgend Leute, die das Vertrauen der Sch\u00fcler ausnutzen und mi\u00dfbrauchen \u2013 man denke zum Beispiel an die Massenselbstmorde einiger Gemeinschaften in Amerika oder die Giftgasanschl\u00e4ge in Japan vor einiger Zeit. Diese Leute sind von ihren Ideen \u00fcberzeugt. Ob der <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Meister\" target=\"_blank\">Meister<\/a> jeweils davon \u00fcberzeugt ist, wei\u00df man nicht. Er kann bewu\u00dft verf\u00fchren oder eine Wahrnehmungsverzerrung haben. Und weil es schon immer Pseudomeister gegeben hat, geben die Yogis Kriterien an, die man pr\u00fcfen und beachten mu\u00df, bevor man einen Meister annimmt. Und je h\u00f6her der Anspruch des Meisters \u2013 also wenn er von sich sagt, er sei selbstverwirklicht \u2013, desto h\u00f6her mu\u00df man die Me\u00dflatte anlegen. Umgekehrt, wenn ein Meister die Selbstverwirklichung erreicht hat, dann verlangt er von seinen Sch\u00fclern mit Recht bedingungslosen Gehorsam. Wenn er sich dagegen selbst auch nur als einfacher Aspirant auf dem Weg bezeichnet, kann man ihm einige Fehler durchgehen lassen. Dabei mu\u00df der Sch\u00fcler auch immer \u00fcberlegen, was von dem Gesagten tats\u00e4chlich Weisheit ist und was auf Unvollkommenheit und menschlichen Irrtum des Lehrers zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.<\/p>\n<p>In jedem Fall, auch bei denjenigen, von denen es hei\u00dft, sie seien selbstverwirklicht, mu\u00df man Pr\u00fcfungen anwenden. Man wei\u00df es zwar nie ganz genau, denn es hei\u00dft \u201eIt takes one to know one\u201c, man mu\u00df also selbst verwirklicht sein, um zu erkennen, ob jemand anderes dies ebenfalls ist. Trotzdem gibt es einige Indizien, an denen man erkennen kann, ob jemand weiterentwickelt ist oder nicht. Das ist Aufgabe der <em>buddhi<\/em>. Man darf das Herz nicht zu fr\u00fch sprechen lassen, sondern mu\u00df erst ein paar kritische Fragen stellen:<\/p>\n<ol>\n<li>Der Lehrer\/die Lehrerin mu\u00df sich auf alte Schriften beziehen, die man auch selbst nachlesen kann \u2013 nicht irgendwelche obskuren Schriften, die er\/sie angeblich irgendwo in einer H\u00f6hle gefunden hat und die leider niemandem zug\u00e4nglich sind. Wenn ein Lehrer sagt: \u201eGestern ist mir <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Bilder\/Galerien\/Krishnatext.html\" target=\"_blank\">Krishna<\/a> erschienen und hat gesagt, die <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Buch\/bhagavad-gita\/\" target=\"_blank\">Bhagavad Gita<\/a> und die Upanishaden bzw. die Evangelien waren nur f\u00fcr das fr\u00fchere Zeitalter, er verk\u00fcndet jetzt das neue Evangelium\u201c \u2013 dann renne lieber weg!<br \/>\nMan mu\u00df also pr\u00fcfen, auf welche Schriften sich das Ganze bezieht. Denn es gibt eigentlich nichts Neues auf dieser Erde. Der Fortschrittsglaube ist einer der Irrt\u00fcmer unserer westlichen Zivilisation. Die westliche Psychologie hat vielleicht noch ein paar Sachen entdeckt, die uns die Grundlagen der Spiritualit\u00e4t etwas erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, aber sobald es zu tiefer Spiritualit\u00e4t kommt, hat sie gegen\u00fcber <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Patanjali\" target=\"_blank\">Patanjali<\/a>, <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Buddha\" target=\"_blank\">Buddha<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Artikel\/Art-Artikel\/art_upanishaden.html\" target=\"_blank\">Upanishaden<\/a> oder den altchristlichen Meistern nichts Neues zu bieten.<\/li>\n<li>Die zweite Pr\u00fcfung bezieht sich auf das ethische Verhalten. Wenn ein Meister toleriert, da\u00df Gewalt angewendet wird, dann sollte man ihm nicht trauen! Man sollte sein ethisches Verhalten, die Einhaltung von <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Yama\" target=\"_blank\"><em>yama<\/em><\/a><em>s<\/em> und <em><a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Niyama\" target=\"_blank\">niyama<\/a>s<\/em> (ethische Prinzipien, siehe zweites Kapitel), Nichtverletzen, Achtung der Menschenw\u00fcrde und Menschenrechte pr\u00fcfen. Man sollte schauen, inwieweit er verantwortungsvolle Ratschl\u00e4ge gibt und welche Folgen diese f\u00fcr die Sch\u00fcler haben.<\/li>\n<li>Das dritte Kriterium ist, ob der Meister\/die Meisterin selbst praktiziert, was er\/sie predigt. Manchmal \u00fcben Meister andere Praktiken als die Sch\u00fcler, aber sie sollten f\u00fcr sich selbst nicht zu viele Ausnahmen von den f\u00fcr andere aufgestellten Regeln machen.<\/li>\n<li>Er\/sie sollte grunds\u00e4tzlich ein einfaches Leben f\u00fchren. Wenn der Meister in Luxus lebt und die Sch\u00fcler am Hungertuch nagen, dann stimmt irgend etwas nicht.<\/li>\n<li>Der Meister mu\u00df dem Sch\u00fcler die Verantwortung f\u00fcr den spirituellen Weg geben. Er mu\u00df dem Sch\u00fcler klar sagen, da\u00df er nicht die Arbeit f\u00fcr ihn tun kann, sondern da\u00df er selbst praktizieren mu\u00df. Ein Lehrer, der sagt: \u201eIch mache alles f\u00fcr dich, du brauchst nichts zu tun\u201c, ist unglaubw\u00fcrdig. Es gibt Lehrer, die behaupten: \u201eDu brauchst nur bei mir zu sein, ich erwecke dir die <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/kundalini-yoga.html\" target=\"_blank\"><em>kundalini<\/em><\/a>, alles andere geschieht von selbst.\u201c Allerdings darf man hier auch nicht nur nach dem ersten Eindruck urteilen, sondern mu\u00df unterscheiden, was zun\u00e4chst einmal plakativ gesagt wird. Um Menschen ansprechen zu k\u00f6nnen, mu\u00df man letztlich vereinfachen, man kann nicht alles in die erste Information hineinschreiben. So gibt es auch <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Meister\" target=\"_blank\">Meister<\/a>, von denen gesagt wird, sie erwecken die <em>kundalini<\/em>. Aber wenn man genauer hinschaut, raten sie einem, zu meditieren, anderen zu dienen, das Herz zu \u00f6ffnen, Liebe zu entwickeln u.s.w. Jeder kann selbst beurteilen, wie sich die Leute entwickelt haben, die eine Weile bei einer Organisation oder einem Meister gewesen sind, und kann sich \u00fcberlegen, ob das die Richtung ist, in die er sich selbst auch entwickeln m\u00f6chte.Swami Sivananda\n<p>hat humorvoll den \u201eSB 40\u201c-Test empfohlen, um einen selbstverwirklichten Meister zu pr\u00fcfen. \u201eSB\u201c f\u00fcr \u201eshoe beating\u201c und \u201e40\u201c f\u00fcr 40 Mal. Wenn jemand von sich sagt, \u201eIch bin ein gro\u00dfer Meister\u201c, dann soll man einen alten Schuh nehmen und ihn 40 Mal damit schlagen \u2013 nicht zu stark, aber schon merkbar! Wenn er dann immer noch l\u00e4chelt und sagt, \u201eIch bin ein selbstverwirklichter Meister\u201c, dann ist er es tats\u00e4chlich. <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/yoga-anfaenger\/yoga-wissen\/yoga-tradition\/swami-vishnu-devananda.html\" target=\"_blank\">Swami Vishnu<\/a> hat immer, wenn er uns das erz\u00e4hlte, hinzugef\u00fcgt: \u201eAber ich bin kein selbstverwirklichter Meister!\u201c<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>All das mu\u00df man beachten und pr\u00fcfen, weil eben auf dem spirituellen Weg vor allem am Anfang viel auf <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Vertrauen\" target=\"_blank\">Vertrauen<\/a> basiert. Je niedriger der Anspruch des Lehrers, desto mehr kann man durchgehen lassen, aber man mu\u00df immer darauf achten, da\u00df es authentisch ist.<\/p>\n<p>Eine andere Quelle des Wissens ist die direkte Wahrnehmung. Es gibt drei Arten der direkten Wahrnehmung:<\/p>\n<p>Die <strong>sinnliche Wahrnehmung<\/strong> \u00fcber die<em> jnana indriyas<\/em>, die Sinnesorgane: Sehen, H\u00f6ren, Riechen, Schmecken, F\u00fchlen. Sie k\u00f6nnen zu Sinnest\u00e4uschungen f\u00fchren oder auch zu Fehlinterpretationen.<\/p>\n<p>Die unterbewu\u00dfte oder <strong>instinktive Intuition<\/strong>, d.h., irgendwelche Ahnungen oder Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Diese Ahnungen und Gef\u00fchle k\u00f6nnen echt sein, sie k\u00f6nnen aber auch t\u00e4uschen, wenn sie gef\u00e4rbt oder gefiltert sind. Auf der Ebene des Unterbewu\u00dftseins sind wir nicht auf die sinnliche Wahrnehmung angewiesen. Wir k\u00f6nnen Gedanken wahrnehmen, in die Vergangenheit und in die Zukunft gehen.<\/p>\n<p>Daneben gibt es auch noch eine h\u00f6here Form der Intuition, n\u00e4mlich die <strong>\u00fcberbewu\u00dfte Intuition<\/strong>, die wirklich aus dem <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Purusha\" target=\"_blank\"><em>purusha<\/em><\/a>, dem Selbst, kommt.<\/p>\n<p>Sie kann auch vom <em><a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Guru\" target=\"_blank\">guru<\/a><\/em> kommen oder in Form einer Vision von einem gro\u00dfen <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Meister\" target=\"_blank\">Meister<\/a>, der einem klar sagt, was zu tun ist. Vielleicht hat man auch die Vision einer Manifestation Gottes wie Jesus, Krishna oder <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Bilder\/Galerien\/Shivatext.html\" target=\"_blank\">Shiva<\/a>. Oder man sp\u00fcrt einfach: Das ist meine Aufgabe, so ist es.<\/p>\n<p>Diese \u00fcberbewu\u00dfte Intuition kommt dann, wenn <em>buddhi<\/em> und <em>ahamkara<\/em> zur Ruhe kommen. Eine \u00fcberbewu\u00dfte Intuition erkennen wir im Gegensatz zu einer Ahnung daran, da\u00df sie uns zu unserem eigenen Selbst bringt, uns f\u00fcr unser eigenes Selbst \u00f6ffnet. Und das Selbst, der <em>purusha<\/em>, ist <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Sat-cit-ananda\" target=\"_blank\"><em>sat-chit-ananda<\/em><\/a>, Sein, Wissen und Gl\u00fcckseligkeit. \u00dcberbewu\u00dfte Intuition ist immer verbunden mit einem Gef\u00fchl der Ausdehnung, der Unendlichkeit und der Verbundenheit als einem Aspekt des reinen Seins (<em>sat<\/em>), sowie mit reinem Wissen (<em>chit<\/em>), das man vorher nicht hatte und das kein intellektuelles, sondern intuitives, direktes Wissen ist, und schlie\u00dflich mit Wonne, Liebe, Licht (<em>ananda<\/em>), auch mit Kraft und Energie. Es kann sein, da\u00df das eine oder andere Gef\u00fchl st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt ist, aber im Prinzip sollte von allen dreien etwas dabei sein; dann ist es um so weniger vom Unterbewu\u00dftsein gefiltert. Wenn nur ein Aspekt stark f\u00fchlbar ist, dann ist es vielleicht schon gefiltert und nicht ganz klar. Dann ist es eher eine instinktive Intuition. Wenn wir eine solche \u00fcberbewu\u00dfte Intuition haben, sollten wir ihr folgen. Wir m\u00fcssen nur aufpassen, wie wir sie interpretieren. Auch wenn wir wissen, was wir machen sollen, ist noch l\u00e4ngst nicht klar, auf welche Weise. Und es hei\u00dft auch nicht, da\u00df diese Intuition dann alles f\u00fcr uns macht. Um sie umzusetzen, mu\u00df man anschlie\u00dfend seinen Verstand und seine F\u00e4higkeiten benutzen.<\/p>\n<p>Als ich zum Beispiel vor etwa neun Jahren gerade die <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/center.html\" target=\"_blank\">Yogazentren<\/a> von Swami Vishnu-devananda verlassen hatte und mich im Sivananda-Ashram in Rishikesh aufhielt, wu\u00dfte ich nicht so recht, was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen sollte. Ich hatte dann eine Vision von Swami Sivananda, in der er mir klar gesagt hat, ich solle nach Deutschland zur\u00fcckkehren, in Frankfurt ein Yogazentrum er\u00f6ffnen, in f\u00fcnf Jahren werde es einen <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Ashram\" target=\"_blank\"><em>ashram<\/em><\/a> (w\u00f6rtl. \u201eEinsiedelei\u201c; Yoga-Seminarhaus, Ort, wo <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/yoga.html\" target=\"_blank\">Yoga<\/a> gelebt und gelehrt wird) geben und dann w\u00fcrde sich auch noch einiges andere entwickeln. Ich war vorher jahrelang in Amerika gewesen und wollte eigentlich nicht mehr nach Deutschland zur\u00fcck. Aber nach dieser Vision hatte ich keine Wahl. Wenn <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/de\/yogi\/sivananda.html\" target=\"_blank\">Swami Sivananda<\/a> mir das sagt, dann mache ich es nat\u00fcrlich. Gut, die Vision war klar. Aber als ich dann nach <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/center\/frankfurt\/start.html\" target=\"_blank\">Frankfurt<\/a> kam, war es bei weitem nicht so, da\u00df alles von selbst gegangen w\u00e4re. Ich mu\u00dfte mit Maklern Kontakt aufnehmen, verschiedene Objekte anschauen, Mietvertr\u00e4ge abschlie\u00dfen, nach einem halben Jahr waren alle Finanzreserven ersch\u00f6pft. Aber Schritt f\u00fcr Schritt ging es dann doch voran und etwa f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter entstand dann tats\u00e4chlich das Haus <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/\" target=\"_blank\">Yoga Vidya<\/a>. Aber auch das kam nicht von selbst. Sondern es kam auch wieder diese Intuition, jetzt ist es Zeit, sich um einen <em>ashram<\/em> zu k\u00fcmmern. Dann mu\u00df wieder der Intellekt arbeiten und alles in die <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/yoga-anfaenger\/yoga-wissen\/yoga-wege.html\" target=\"_blank\">Wege<\/a> leiten. Es reicht nicht aus, nur eine solche Wahrnehmung zu haben, sondern es m\u00fcssen Taten folgen. Aber man kann loslassen, beten und bekommt dann F\u00fchrung auch bei der praktischen Umsetzung.<\/p>\n<p>Joseph Campbell, der in Amerika die alten Mythen durch eine eigene, sehr popul\u00e4re Fernsehsendung salonf\u00e4hig gemacht hat, sagt: \u201eFollow your bliss\u201c, also folge dem, was ein Gef\u00fchl der Freude und Wonne in dir ausl\u00f6st.<\/p>\n<p>Wenn wir auf dem Weg fortschreiten, nimmt diese h\u00f6here Intuition irgendwann den Hauptstellenwert ein, wie wir Entscheidungen treffen. Swami Vishnu hatte sehr viele solcher Eingebungen und hat danach gehandelt. Manchmal kam es dabei auch zu Fehlschl\u00e4gen. Also selbst bei jemand wie ihm ist das nicht immer ganz sicher. Wobei man nicht sagen kann, ob er wirklich daneben gelegen hat oder ob es ihn nur zu einer bestimmten Erfahrung f\u00fchren sollte und uns alle damit auch. Er hatte auch keine Schwierigkeiten, sofort loszulassen, wenn er gemerkt hat, da\u00df etwas nicht geht. Und dann kam bald die n\u00e4chste Geschichte! Aber er hat eben dadurch, da\u00df er der Intuition gefolgt ist und ihr vertraut hat, immer mehr Zugang zum G\u00f6ttlichen bekommen.<\/p>\n<p>Die direkte Wahrnehmung umfa\u00dft also die sinnliche Wahrnehmung, die instinktive und die \u00fcberbewu\u00dfte Intuition. An sp\u00e4terer Stelle, sowohl am Ende des 1. wie auch im 3. Kapitel sagt <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Patanjali\" target=\"_blank\">Patanjali<\/a>, nur die unmittelbare Wahrnehmung aus der Intuition heraus ohne den Umweg \u00fcber die Sinne ist die eigentliche, richtige direkte Wahrnehmung. Sinneswahrnehmung an sich ist irriges Verstehen, birgt Fehlerquellen in sich. Wir k\u00f6nnen die Wahrheit nicht \u00fcber Sinne wahrnehmen, auch nicht \u00fcber das Denken. Selbst wenn uns Meister davon erz\u00e4hlen, verstehen wir sie immer noch nicht. Es braucht die direkte Wahrnehmung,<a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/ Pratyaksha\"> <em>pratyaksha<\/em><\/a>, die eigene, unmittelbare Erfahrung der Wahrheit. Wahrnehmung im \u00fcberbewu\u00dften Zustand, in samadhi, unter Ausschaltung der Sinne und Gedanken, l\u00e4\u00dft uns die Wirklichkeit direkt wahrnehmen.<\/p>\n<p>In <em>manas<\/em> werden die einfachen Gedanken widergespiegelt. Intuition kommt dann, wenn <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Ahamkara\" target=\"_blank\"><em>ahamkara<\/em><\/a> und <em>buddhi<\/em> durchl\u00e4ssig sind. Ein Ziel mu\u00df also sein, unser Ego auszud\u00fcnnen. Und auch unser Intellekt mu\u00df mal Ruhe geben, denn im Grunde genommen steht er uns im Weg \u2013 wie auch das <em>chitta<\/em> \u2013 , wenn wir zu <em>purusha<\/em>, unserem Selbst, kommen wollen. Nur dann kann wahrhafte Intuition oder direkte Wahrnehmung der Wirklichkeit entstehen.<\/p>\n<p>Die<em> buddhi<\/em> hat besonders wichtige Funktionen.<\/p>\n<p>Als niedrige <em>buddhi<\/em> hilft uns die praktische Vernunft bei der Bew\u00e4ltigung unserer Alltagsaufgaben. Wenn wir zum Beispiel ein Bild aufh\u00e4ngen wollen, m\u00fcssen wir \u00fcberlegen, wie wir das am besten machen: Aus was f\u00fcr einem Material besteht die Wand, kann ich einfach einen Nagel einschlagen oder brauche ich eine Bohrmaschine oder Spezialn\u00e4gel, wen k\u00f6nnte ich fragen, wo bekomme ich die n\u00f6tigen Werkzeuge und Hilfsmittel u.s.w. Man benutzt also das logische Denken, um etwas zu erreichen. Die meisten Menschen benutzen ihren Intellekt nur daf\u00fcr. Wenn sie etwas haben wollen, wird der Intellekt in Bewegung gesetzt, um es zu bekommen.<\/p>\n<p>Aber der h\u00f6here Intellekt ist ein anderer, n\u00e4mlich <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Viveka\" target=\"_blank\"><em>viveka<\/em><\/a>, die Unterscheidungskraft. Sie ist sehr wichtig auf dem spirituellen Weg. <em>Viveka<\/em> gibt es auf verschiedenen Ebenen: zum einen die grundlegende Unterscheidungskraft zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen, dem Ewigen und dem Verg\u00e4nglichen, zwischen dem, was uns gl\u00fccklich macht und dem, was uns Leid bringt. Was ist wirklich wichtig angesichts der Tatsache, da\u00df wir irgendwann diesen physischen K\u00f6rper verlassen? Was macht mich wirklich gl\u00fccklich? Manche Menschen laufen ihr Leben lang hinter dem Gl\u00fcck her, ohne nachzudenken. Ein <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Yogi\" target=\"_blank\">Yogi<\/a> denkt zuerst nach und begibt sich dann auf die Suche. Dazu benutzen wir die Unterscheidungskraft der <em>buddhi<\/em>. Sie ist auch dazu da, die anderen Quellen der Wahrnehmung zu \u00fcberpr\u00fcfen. Und, wie bereits erw\u00e4hnt, setzen wir die Unterscheidungskraft ein, ehe wir uns einem <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Meister\" target=\"_blank\">Meister<\/a> anvertrauen.<\/p>\n<p>Wenn wir schlie\u00dflich einen Meister gefunden haben, der vollkommen ist, m\u00fcssen wir bei allem, was er sagt, \u00fcberlegen und unterscheiden lernen, was es \u00fcberhaupt bedeutet. Manchmal interpretiert man auch zuviel in eine Aussage oder eine Handlung hinein. Swami Vishnu hat gerne die Geschichte erz\u00e4hlt, in der ein Meister zum Baden an den Flu\u00df ging. Um seine Kleider vor den vielen Affen, die dort waren, zu sch\u00fctzen, verbarg er sie unter einem Sandh\u00fcgel. Kurz danach kamen seine Sch\u00fcler ebenfalls zum Flu\u00df. Sie hatten nicht gesehen, da\u00df der Meister seine Kleider vergraben hatte. Sie sahen nur den Sandh\u00fcgel und hielten dies f\u00fcr eine besondere rituelle Handlung. Also gingen sie alle hin und bauten ebenfalls Sandh\u00fcgel. Als der Meister nach seinem Bad aus dem Flu\u00df kam, dauerte es eine ganze Weile, bis er den richtigen H\u00fcgel mit seinen Kleidern wiedergefunden hatte \u2026.<\/p>\n<p>Ist der Meister nicht ganz so perfekt, m\u00fcssen wir unsere Unterscheidungskraft einsetzen, um zu beurteilen, was von dem, was er tut und lehrt, tats\u00e4chlich eine Manifestation von <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Weisheit\" target=\"_blank\">Weisheit<\/a> ist und was einfach nur menschliche Unzul\u00e4nglichkeiten sind, die er noch hat.<\/p>\n<p>Auch bei einer h\u00f6heren Erfahrung, einer Intuition, Inspiration oder Vision, m\u00fcssen wir mit unserer Unterscheidungskraft nochmals \u00fcberlegen, ist es tats\u00e4chlich eine Intuition oder einfach nur eine Emotion, was hat es zu bedeuten und wie setze ich es im richtigen Sinn am besten um.<\/p>\n<p>Der Intellekt spielt also immer eine gro\u00dfe Rolle. Er kann uns aber auch in die Irre f\u00fchren.<\/p>\n<p>Wie zum Beispiel im 2. Kapitel der <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Buch\/bhagavad-gita\/\" target=\"_blank\">Bhagavad Gita<\/a>, wo Arjuna (der Sch\u00fcler) <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Bilder\/Galerien\/Krishnatext.html\" target=\"_blank\">Krishna<\/a> (dem Lehrer) genau erkl\u00e4rt, warum er nicht k\u00e4mpfen sollte und nicht k\u00e4mpfen will. Gleichzeitig ist er aber trotzdem nicht sicher und sagt zu Krishna: \u201eOh Krishna, bitte, ich wei\u00df nicht, was richtig ist und was meine Pflicht ist. Nimm mich an, der ich mich dir hingebe. Nimm mich als Sch\u00fcler an, ich nehme zu dir <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Zuflucht\" target=\"_blank\">Zuflucht<\/a>.\u201c Aber nachdem er so darum gebeten hat, belehrt und gef\u00fchrt zu werden, sagt er paradoxerweise: \u201eIch will nicht k\u00e4mpfen\u201c. Der Sch\u00fcler geht zum Meister: \u201eBitte sage mir, was ich tun soll, aber ich mache lieber das \u2026\u201c \u2013 Und Krishna l\u00e4chelt liebevoll. Das machen Meister oft. Man kommt ganz verzweifelt zu ihnen, und sie l\u00e4cheln einfach und sagen dann etwas sehr Einfaches. In den wenigsten F\u00e4llen geben sie eine eindeutige Antwort.<\/p>\n<p>Ich kann mich noch an meine vielleicht erste \u201egro\u00dfe\u201c spirituelle Krise erinnern. Ich hatte ja recht fr\u00fch, mit 16 Jahren, begonnen zu meditieren. Mit 17 entdeckte ich den <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/yoga.html\" target=\"_blank\">Yoga<\/a> und habe dann viel praktiziert. Meistens bin ich schon um vier Uhr oder fr\u00fcher aufgestanden, habe vor der <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/meditation.html\" target=\"_blank\">Meditation<\/a> zwei Stunden <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Pranayama\" target=\"_blank\"><em>pranayama<\/em><\/a> ge\u00fcbt, nach der Meditation nochmals <em>asanas<\/em> und <em>pranayama<\/em>, tags\u00fcber studiert und bei Arbeiten im Yogazentrum, in das ich eingezogen war, mitgeholfen, und abends wieder meditiert. Aber nach ein paar Jahren war ich mit meinem spirituellen Fortschritt unzufrieden. Ich fing an zu denken: Ich praktiziere so viel, aber die Selbstverwirklichung l\u00e4\u00dft auf sich warten. Ich sp\u00fcre weder die <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/kundalini-yoga.html\" target=\"_blank\"><em>kundalini<\/em><\/a> noch mache ich tiefe Meditationserfahrungen \u2013 w\u00e4hrend andere oft von ihren wunderbaren Erfahrungen erz\u00e4hlten! Schlie\u00dflich begann ich an allem zu zweifeln, an meiner eigenen Praxis, ob ich wohl den richtigen Weg gew\u00e4hlt hatte usw. Die Leiterin des Zentrums wu\u00dfte von meinen Zweifeln und empfahl mir, Swami Vishnu zu fragen. Gut, als also Swami Vishnu das n\u00e4chste Mal nach M\u00fcnchen kam, gingen wir wie immer alle zu ihm, es wurde <a href=\"http:\/\/mein.yoga-vidya.de\/page\/yoga-vidya-satsang\" target=\"_blank\"><em>satsang<\/em><\/a> (Zusammensein mit Weisen, mit Gleichgesinnten auf dem spirituellen Weg) gehalten, gemeinsam meditiert und gesungen und anschlie\u00dfend sprach er mit den Teilnehmern. Da sagte die Leiterin zu mir: \u201eSo, und jetzt fragst du ihn!\u201c Ich war damals ziemlich sch\u00fcchtern und wagte eigentlich kaum, mit Swami Vishnu zu reden. Naja, jedenfalls habe ich ihm dann meine Probleme in Kurzform geschildert. Da hat er zuerst einmal gelacht und zu den anderen gesagt: \u201eHier ist ein Junge, der keinen inneren Frieden findet. Was machen normalerweise Jungen in seinem Alter? Sie gehen in die Disko, rauchen, betrinken sich oder nehmen Drogen (alles Sachen, die ich nie im Leben gemacht habe!), aber er sucht die L\u00f6sung im Yoga!\u201c Ich war leicht irritiert und habe mich ausgelacht und nicht ernstgenommen gef\u00fchlt. Aber dann hat er mir noch gesagt: \u201eWas du machst, ist richtig. Du mu\u00dft nur <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Geduld\" target=\"_blank\">Geduld<\/a> \u00fcben.\u201c Dann hat er die Geschichte vom Mangobaum erz\u00e4hlt, der viele Jahre braucht, bis er Fr\u00fcchte tr\u00e4gt und den man nicht zwingen kann, schneller zu wachsen. Aber ich solle alle Praktiken so fortsetzen wie bisher. Vielleicht k\u00f6nne ich ja einmal in der Woche einen Morgenspaziergang machen statt zu meditieren. Am n\u00e4chsten Morgen ging ich nat\u00fcrlich gleich hinaus. Es regnete in Str\u00f6men, aber dieser meditative Spaziergang in der morgendlichen Stille ist mir als ein wunderbares Erlebnis in Erinnerung geblieben!<\/p>\n<p>Es ist eben auch die Kunst, wenn Sch\u00fcler einen um Rat fragen \u2013 und wenn man l\u00e4nger Yoga praktiziert oder gar unterrichtet, wird man \u00f6fter um Rat gefragt \u2013, da\u00df man zwar Mitgef\u00fchl zeigt, aber trotzdem versucht, das Ganze von einer h\u00f6heren Warte aus zu sehen, um einen \u00fcbergeordneten Ratschlag geben zu k\u00f6nnen. Dem anderen ist nicht gedient, wenn man selbst vor lauter Mitgef\u00fchl auch traurig und niedergeschlagen wird.<\/p>\n<p>Und so sagt Krishna im 11. Vers des 2. Kapitels der Bhagavad Gita zu Arjuna: \u201eWeise Worte sprichst du, oh Arjuna, doch nicht zu Beklagende beklagst du. Die Weisen klagen nicht um Leben oder Tod der Wesen, denn in Wahrheit waren weder du noch ich noch diese F\u00fcrsten jemals nicht, noch werden jemals wir nicht sein in dem, was hierauf folgt.\u201c Er holt Arjuna aus seiner Froschperspektive heraus, in der er nur die engen W\u00e4nde des Froschbrunnens sieht. Nat\u00fcrlich sagt er ihm nicht nur: Es ist egal, was du machst, es spielt keine Rolle. Sondern er erkl\u00e4rt ihm anschlie\u00dfend 16 Kapitel lang, nach welchen Grunds\u00e4tzen und wie er handeln kann, ohne Verhaftung und ohne Ego. Und ganz zum Schlu\u00df sagt er: Es spielt in Wirklichkeit doch keine Rolle, was du machst. Opfere einfach alles nur <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Artikel\/Art-Artikel\/art_gott.html\" target=\"_blank\">Gott<\/a>.<\/p>\n<p>Bei allen drei Arten des Wissenserwerbs m\u00fcssen wir aufpassen. Unser Geist f\u00fchrt uns in die Irre. Auch unser logisches Denken kann uns in die Irre f\u00fchren.<\/p>\n<p>Viele Menschen benutzen ihr logisches Denken nicht, um tats\u00e4chlich zu Schlu\u00dffolgerungen zu kommen, sondern um ihre emotional bedingten Haltungen und Einstellungen zu rechtfertigen. Ein typisches Beispiel sind hypnotische Experimente. Jemand f\u00fchrt eine Handlung aus, die ihm unter Hypnose suggeriert wurde, und findet dann im Nachhinein eine logische, vern\u00fcnftige Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum er das tut. Unser Geist ist oft nicht wirklich rational. Wir benutzen unser logisches Nachdenken selten dazu, wirklich die Wahrheit \u00fcber die Dinge herauszufinden, sondern eher, um etwas irgendwie rational erscheinen zu lassen, das eigentlich nicht rational ist.<\/p>\n<p>Da wir jetzt einiges \u00fcber korrektes Wissen gelernt haben, wissen wir nat\u00fcrlich auch das Gegenteil, n\u00e4mlich was <a href=\"https:\/\/wiki.yoga-vidya.de\/Viparyaya\" target=\"_blank\"><em>viparyaya<\/em><\/a>, also inkorrektes Wissen, Irrtum, ist.<\/p>\n\n<\/div><h2 class=\"tabtitle\">Audio<\/h2>\n<div class=\"tabcontent\">\n\n<p>.\/.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsche \u00dcbersetzung: Direkte Wahrnehmung, Schlu\u00dffolgerung und Aussagen anderer f\u00fchren zu rechtem Wissen. Sanskrit Text: pratyak\u1e63a-anum\u0101na-\u0101gam\u0101\u1e25 pram\u0101\u1e47\u0101ni ||7|| \u0930\u0924\u094d\u092f\u0915\u094d\u0937\u093e\u0928\u0941\u092e\u093e\u0928\u093e\u0917\u092e\u093e\u0903 \u092a\u094d\u0930\u092e\u093e\u0923\u093e\u0928\u093f \u0965\u096d\u0965 pratyaksha anumana agamah pramanani ||7|| Wort-f\u00fcr-Wort-\u00dcbersetzung: pratyak\u1e63\u0101 = direkte Wahrnehmung anum\u0101na = Schlu\u00dffolgerung \u0101gama\u1e25 = Zeugnis, \u00dcberlieferung, Aussage anderer, Schriftwissen pram\u0101\u1e47a = Gegenst\u00e4ndliche Wahrnehmung, richtige Wahrnehmung, richtiges Wissen &nbsp; Schauen wir zuerst das korrekte Wissen &hellip; <a href=\"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/1-kapitel-vers-7\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Kapitel 1, Vers 7<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[214,3],"tags":[15],"class_list":["post-3774","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-1-kapitel-verse-1-10","category-samadhi-pada","tag-1-kapitel-7-vers"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3774","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3774"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3774\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3955,"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3774\/revisions\/3955"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3774"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3774"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/patanjali-raja-yoga-sutra\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3774"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}