{"id":11924,"date":"2011-10-12T11:45:01","date_gmt":"2011-10-12T09:45:01","guid":{"rendered":"http:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/bhagavad-gita\/?p=11924"},"modified":"2015-05-02T18:32:51","modified_gmt":"2015-05-02T16:32:51","slug":"bhagavad-gita-indische-philosophie-darshanas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/bhagavad-gita\/bhagavad-gita-indische-philosophie-darshanas\/","title":{"rendered":"Indische Philosophiesysteme (Darshanas)"},"content":{"rendered":"<p>Zum besseren Verst\u00e4ndnis der <a title=\"Bhagavad Gita\" href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Buch\/bhagavad-gita\">Bhagavad Gita<\/a> kann es hilfreich sein, den Leser kurz in die sechs klassischen indischen Darshanas (Philosophiesysteme) einzuf\u00fchren. Ich m\u00f6chte den Leser jedoch warnen: Dieses Kapitel ist das schwierigste dieses Buches\u2026 Weniger philosophisch orientierte Leser sowie solche, die mit indischer <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/karma\/was-ist-karma\/7-prinzipien-spiritueller-philosophie.html\">Philosophie<\/a> bisher wenig zu tun hatten, k\u00f6nnen auch gleich zum n\u00e4chsten Kapitel springen\u2026<\/p>\n<p>Schon zu Krishnas Zeiten existierten sechs klassische Philosophiesysteme. Um seinem Sch\u00fcler <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Buch\/bhagavad-gita\/arjuna\/\">Arjuna<\/a> seine Lehren zu verdeutlichen, wechselt Krishna in der Bhagavad Gita h\u00e4ufig die Standpunkte. Deshalb lassen sich auch die verschiedensten Str\u00f6mungen in der Bhagavad Gita finden, auf die Krishna sich jeweils beruft. Diese Tatsache macht die Bhagavad Gita als Buch auch noch interessanter. Verschiedenste Vertreter unterschiedlicher philosophischer Richtungen, erheben den Anspruch, Krishna w\u00e4re in ihrer Philosophie verankert.<\/p>\n<p><strong>Die sechs klassischen Darshanas sind:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Purva Mimamsa<\/li>\n<li>Vaisheshika<\/li>\n<li>Nyaya<\/li>\n<li>Sankhya<\/li>\n<li>Yoga<\/li>\n<li>Uttara Mimamsa auch \u201eVedanta\u201c genannt<\/li>\n<\/ul>\n<h3>\u00a01. Die Purva Mimamsa Philosophie<\/h3>\n<p>Purva Mimamsa, \u201ePurva\u201c bedeutet \u201evorherig\u201c; \u201eMimamsa\u201c bedeutet \u201eEr\u00f6rterung\/Reflexion\u201c. Beides sind Sanskritausdr\u00fccke, die \u00fcbersetzt soviel wie \u201eEr\u00f6rterung oder Untersuchung des vorderen Teils der Veden\u201c, bedeuten. Als der Begr\u00fcnder dieser philosophischen Richtung gilt der Weise Jaimini. Die Purva Mimamsa war zu Krishnas Zeiten das popul\u00e4rste Philosophiesystem in Indien. Auch bis heute ist es im indischen Volksglauben mit das Popul\u00e4rste. Da <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Buch\/bhagavad-gita\/arjuna\/\">Arjuna<\/a> in diesem Glauben aufgewachsen, und in ihm fest verwurzelt ist, nimmt Krishna immer wieder Bezug auf dieses System. Nur so kann er Arjuna erreichen. Krishna selbst steht dieser <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/karma\/was-ist-karma\/7-prinzipien-spiritueller-philosophie.html\">Philosophie<\/a> recht ablehnend gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Das Purva Mimamsa System besagt: Ziel des Lebens ist, in den Himmel zu kommen, um dort ein sch\u00f6nes paradiesisches Leben zu f\u00fchren. Ein zweites Ziel ist es in jeder Inkarnation auf dieser Erde ein sch\u00f6nes, angenehmes Leben zu leben. Und um dorthin zu kommen m\u00fcssen wir \u201ePunyas\u201c ansammeln und \u201ePapas\u201c vermeiden oder s\u00fchnen. \u201ePunya\u201c kann man \u00fcbersetzen als \u201eVerdienst\u201c und \u201ePapa\u201c kann man \u00fcbersetzen als \u201eS\u00fcnde\u201c. Wahrscheinlich w\u00e4re es besser, \u201eVergehen\u201c zu sagen, da der christliche S\u00fcndenbegriff nicht ganz in \u00dcbereinstimmung mit dem S\u00fcndenbegriff in der Bhagavad Gita ist. Punya und Papa entstammen der Karmalehre.<\/p>\n<ul>\n<li>\u00a0Wir tun etwas Gutes und anschlie\u00dfend kommt etwas Gutes auf uns zur\u00fcck.<\/li>\n<li>Wir tun was Schlechtes. Konsequenz ist, dass etwas Schlechtes auf uns zur\u00fcckkommt.<\/li>\n<li>Wir verletzen jemanden, wir werden verletzt.<\/li>\n<li>Wir geben eine Spende, wir werden im n\u00e4chsten Leben reich &#8211; vielleicht auch schon in diesem Leben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das ist das Grundprinzip der Purva Mimamsa Philosophie.<\/p>\n<p>Weite Teile der Veden lehren diese Purva Mimamsa Philosophie. Insbesondere wird diese Lehre vom so genannten \u201eKarma Kanda\u201c der Veden unterst\u00fctzt. Im Karma Kanda wird beschrieben, welche Handlungen wir tun m\u00fcssen, um gutes Karma zu erzeugen. Demgegen\u00fcber steht der \u201eJnana Kanda\u201c. Im Jnana Kanda geht es darum, wie wir zum Wissen kommen. Die Veden selbst bestehen aus vier Teilen,<\/p>\n<ul>\n<li>den Samhitas,<\/li>\n<li>den <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Artikel\/Art-Artikel\/Art_Brahman.html\">Brahman<\/a>as,<\/li>\n<li>den Aranyakas und<\/li>\n<li>den Upanishaden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die ersten drei zusammen formen den Karma Kanda. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Veden wird also als Karma Kanda bezeichnet und ein kleiner Teil der Veden geh\u00f6rt zum Jnana Kanda.<\/p>\n<p>Der Karma Kanda nun bildet die Grundlage der Purva Mimamsa <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/karma\/was-ist-karma\/7-prinzipien-spiritueller-philosophie.html\">Philosophie<\/a>. Jede Handlung hat eine Konsequenz. Welche Handlung welche Konsequenz hat, wird im Karma Kanda nicht expliziert ausgef\u00fchrt. Dies kann man besser in den Puranas nachlesen. Dort steht in aller Ausf\u00fchrlichkeit geschrieben, welche Handlung in welchen Himmel f\u00fchrt, welches Vergehen dich in welche H\u00f6lle bringt; was mit dir im n\u00e4chsten Leben passiert, wenn du in diesem Leben jemanden umgebracht hast; was du tun musst, wenn du K\u00f6nig werden willst; wenn du eine Frau heiraten willst; ein Brahmane werden willst; wenn du \u00fcber jemanden negativ gesprochen hast; wenn du gestohlen, gelogen, geraubt, gemordet hast usw. Wer das nachlesen will, kann das in Swami Sivanandas Buch \u201eWhat becomes with the Soul after death\u201c oder Swami Vishnus Buch \u201eKarma und Krankheiten\u201c nachlesen. Da ist einiges davon beschrieben.<\/p>\n<p>Was gab es aber f\u00fcr M\u00f6glichkeiten, b\u00f6se Taten zu s\u00fchnen? Im Karma Kanda werden uns drei Mittel angeboten, etwas Konkretes zu erreichen, Punyas anzusammeln bzw. Papas wieder gut zu machen. Diese sind:<\/p>\n<ol start=\"1\">\n<li>Dana<\/li>\n<li>Tapas<\/li>\n<li>Puja und Homa.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Dana hei\u00dft gute Werke tun. Dana hei\u00dft geben. Indem wir eben einen Teil unseres Verm\u00f6gens anderen zur Verf\u00fcgung stellen, schaffen wir gutes Karma. Wenn wir jemandem etwas gestohlen haben, dann k\u00f6nnen wir es gut machen, indem wir ihm das wieder zur\u00fcckgeben, vorzugsweise mit Zinseszins. Wenn man also Mal w\u00e4hrend seines Lebens feststellt, dass man so viele schlechte Dinge getan hat, dann kann man probieren, es wieder gut zu machen.<\/p>\n<p>Tapas hei\u00dft Disziplin oder Askese. Tapas k\u00f6nnen wir machen, indem wir viel Fasten, indem wir auf dem Boden schlafen, indem wir im Ganges im kalten Wasser stehen, in dem wir ein Feuer anz\u00fcnden und uns in die Mitte begeben, in dem wir in der hei\u00dfen Sonne sitzen und \u00e4hnliche Praktiken machen. Krishna lehnt jede extreme selbstqu\u00e4lerische Praxis ab, und schimpft sogar an einigen Stellen in der Bhagavad Gita dar\u00fcber. Er \u00e4u\u00dfert sich immer wieder abwertend \u00fcber die Purva Mimamsa Philosophie. Er m\u00f6chte nichts mit ihr zu tun haben und unterstellt dieser <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/karma\/was-ist-karma\/7-prinzipien-spiritueller-philosophie.html\">Philosophie<\/a>, sie h\u00e4tte nichts mit spirituellem Leben zu tun. Vor allem, weil es in diesem System auch furchtbare Askesen gibt, die er gerade im 18. Kapitel und auch in anderen Kapiteln beschreibt. Dazu z\u00e4hlen z.B. tagelang auf einem Bein stehen oder die Fingern\u00e4gel nicht schneiden, bis sie irgendwann so lang werden, dass sie durch die Hand hindurch wachsen im Bogen.<\/p>\n<p>Es gibt ein sehr interessantes Buch \u201eDas spirituelle Feuer\u201c, erschienen im Mangalam Verlag, was die Lebensgeschichte eines Asketen in Indien beschreibt. Dieser hielt z.B. die Arme immer hochgehoben, so dass sie nicht mehr durchblutet wurden und die H\u00e4nde vermoderten und er hat weitere extreme Formen von Tapas praktiziert.<\/p>\n<p>Dann gibt es auch \u201ePuja\u201c und \u201eHoma\u201c. Puja und Homa sind Gottesverehrungs- und Feuerrituale. Beides sind die heute in Indien wohl verbreitesten Formen, um Papas zu vermeiden und Punyas anzuh\u00e4ufen. Dana und Tapas werden nicht mehr so h\u00e4ufig ausgef\u00fchrt. Wenn ihr in Indien zu einem Priester geht, sagt der vielleicht: \u201eIch will eine Puja f\u00fcr euch machen.\u201c Als westlicher spiritueller Aspirant findet man das irgendwie toll. Dann fragen sie, was f\u00fcr einen Wunsch du daf\u00fcr hast. F\u00fcr die Puja hat man einen bestimmten Wunsch. Durch die Puja sammelt man Punyas an und diese Punyas gehen dann (nach diesem Glauben) in die Wunscherf\u00fcllung hinein. Zum Schluss will der Priester dann nat\u00fcrlich auch noch eine Spende daf\u00fcr haben, dass das alles funktioniert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Buch\/bhagavad-gita\/arjuna\/\">Arjuna<\/a> ist nun in dieser Purva Mimamsa Philosophie aufgewachsen. Er argumentiert aus ihr heraus, er glaubt an sie. Sie ist seine Weltanschauung, seine religi\u00f6se \u00dcberzeugung. Arjuna kommt zu Beginn der Bhagavad Gita in einen gro\u00dfen ethischen Konflikt. Er wei\u00df nicht, was er tun soll. Er will vermeiden, Papa (S\u00fcnde) zu erzeugen. Er will Punya erzeugen. Er ist aber in einer Zwickm\u00fchle: Egal, wie er sich entscheidet, schafft er nach den Purva Mimamsa Prinzipien Papa: K\u00e4mpft er, werden Menschen sterben, k\u00e4mpft er nicht, werden ebenfalls Menschen sterben. Das ist eines der Grundprobleme des menschlichen Lebens. Wir k\u00f6nnen nicht leben, ohne anderen Leid zuzuf\u00fcgen. Betrachten wir mal folgende Situation:<\/p>\n<p>Du liegst im Bett und liest dieses Buch. Eigentlich nicht Schlimmes, k\u00f6nntest du meinen. Du entspannst dich, du l\u00e4sst dich von indischen Weisheiten inspirieren und tust etwas f\u00fcr deine spirituelle Entwicklung, bist v\u00f6llig versunken in diesen heiligen Wahrheiten. Doch gleichzeitig t\u00f6tet dein K\u00f6rper Tausende von Bakterien. Du sitzt oder liegst nur da, und Tausende von Lebewesen werden get\u00f6tet. Es sterben Zellen im K\u00f6rper usw. Das Fazit ist, du kannst nicht leben, ohne irgendwelche Papa im engeren Sinne zu begehen.<\/p>\n<p>Auch in der christlichen Theologie kennt man das Problem. Dort spricht man von der Urs\u00fcnde. Der Begriff der Ursache kann verschieden interpretiert werden. Zum einen spricht man von der so genannten \u201eUrabsonderung\u201c. Wenn wir uns von Gott getrennt f\u00fchlen, dann ist das die Urs\u00fcnde, mit der jeder Mensch schon geboren wird. Zum anderen kann man es so sehen: Wir entfernen uns von Gott, weil wir Vergehen im Leben begehen. Und da wir nicht umhin kommen, gegen Gottes Gebote zu versto\u00dfen, sind wir in der Urs\u00fcnde befangen. Die christliche Theologie befasst sich sehr ausf\u00fchrlich mit diesem Problem, worauf ich hier aber nicht n\u00e4her eingehen will.<\/p>\n<p>Krishna wendet sich nun gegen diesen philosophischen Ansatz. Sein Ansatz der Spiritualit\u00e4t sieht so aus, dass es nicht darum geht Dinge zu tun, um Punyas anzuh\u00e4ufen. Man sollte nicht Pujas oder Homas zelebrieren, um etwas Konkretes zu erreichen. Es ist nicht richtig Tapas zu tun, um etwas zu erreichen oder Spenden zu geben mit dem Hintergedanken, dann selbst mehr zu bekommen oder gutes Karma anzuh\u00e4ufen. All diese Handlungen sind aus W\u00fcnschen heraus geborene Handlungen. Sie f\u00fchren dazu, dass wir denken, wenn wir all das haben, dann werden wir gl\u00fccklich werden. Letztlich bleibt die Purva Mimamsa im Egoismus verhaftet.<\/p>\n<h3>\u00a02. Die Vaiseshika Philosophie<\/h3>\n<p>Vaishesika ist eine materialistische <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/karma\/was-ist-karma\/7-prinzipien-spiritueller-philosophie.html\">Philosophie<\/a>. Sie sagt, dass es das Ziel des Lebens ist, irgendwie Vergn\u00fcgen zu haben und gl\u00fccklich zu sein. Nach dieser Philosophie sind wir der physische K\u00f6rper und haben keine unsterbliche Seele. Die Seele ist nur ein Ausfluss des menschlichen K\u00f6rpers. Es gibt keine h\u00f6here Macht im Leben und kein Leben nach dem <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/reinkarnation-wiedergeburt\/leben-nach-dem-tod.html\">Tod<\/a>. Wir sollten unsere W\u00fcnsche und unsere Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllen, so gut es geht. Dabei sollten wir aber aufpassen, dass wir mit anderen Menschen nicht zu sehr in Konflikt geraten oder ethische und moralische Grenzen verletzen.<\/p>\n<p>Sicherlich ist das die \u201eoffizielle\u201c Philosophie unserer heutigen Zeit &#8211; die Philosophie, die in unseren <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/center.html\">Schulen<\/a> und auch in einigen psychologischen Richtungen propagiert wird. Wenn es uns gelingt, unsere W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, ohne in Konflikt mit anderen zu geraten, dann sind wir gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Viele Menschen stellen sich allerdings die Frage, wenn mit dem <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/reinkarnation-wiedergeburt\/leben-nach-dem-tod.html\">Tod<\/a> wirklich alles zu Ende ist, warum soll ich mich dann an ethische Richtlinien halten? Wenn es das Ziel des Lebens ist, W\u00fcnsche zu erf\u00fcllen und Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, reich zu werden und Ruhm zu erlangen, wozu brauche ich dann noch Ethik? Nach dem Tod h\u00e4tte es ja sowieso keine Konsequenz.<\/p>\n<p>Eine Philosophie, die sicherlich von ihren Gr\u00fcndern her durchaus die Wichtigkeit ethischer Richtlinien propagiert, wird missbraucht von Menschen, die dieser Philosophie nur teilweise folgen. Ein \u00e4hnliches Beispiel, das den Unterschied zwischen Theorie und praktischer Anwendung verdeutlicht, ist der Kommunismus. In der Theorie war der Kommunismus etwas sehr Sch\u00f6nes. Es geht zwar auch um die Bed\u00fcrfnis- und Wunscherf\u00fcllung aber er ist eben materialistisch. Marxismus\/Leninismus glauben an keine h\u00f6here Wirklichkeit. So hat er in den meisten bekannten Formen, wo er auf Materialismus beruht, zu Tyrannei und Menschenverachtung gef\u00fchrt. Wenn der Kommunismus auf spirituellen Prinzipien beruht hat, wie in Kl\u00f6stern und spirituellen Gemeinschaften, hat er durchaus funktioniert.<\/p>\n<p>Krishna wendet sich auch gegen die Vaishesika Philosophie. Im 16. Kapitel spricht er \u00fcber die \u201eSuras\u201c und die \u201eAsuras\u201c, die \u201eEngelswesen\u201c und die \u201eD\u00e4monen\u201c. Er bezeichnet die Verfechter einer rein materialistischen Weltanschauung als \u201ed\u00e4monisch\u201c. Dies mag uns heute etwas \u00fcbertrieben vorkommen. Ich komme sp\u00e4ter darauf zur\u00fcck.<\/p>\n<h3><strong>\u00a0<\/strong>3. Die Nyaya Philosophie<\/h3>\n<p>Nyaya bedeutet \u201eLogik\u201c. Die Nyaya <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/karma\/was-ist-karma\/7-prinzipien-spiritueller-philosophie.html\">Philosophie<\/a> gibt es in zwei verschiedenen Auspr\u00e4gungen, einmal in logikorientierter Auspr\u00e4gung, ein anderes Mal in der bhaktiorientierten Auspr\u00e4gung.<\/p>\n<p>Laut der logikorientierten Form werden Subjekt und Objekt der menschlichen Erkenntnis aufgrund der Gesetze der Natur untersucht.<\/p>\n<p>In der bhaktiorientierten Tradition hat Gott die Welt geschaffen, und der Mensch ist auf ewig von Gott getrennt. Dies verursacht Leiden f\u00fcr den Menschen, welche er aber durch spirituelle Praktiken und Hingabe an Gott mindern kann. Es ist die Philosophie der Hingabe und des Loslassen, eine dualistische Philosophie, die im Unterpunkt Uttara Mimamsa noch etwas n\u00e4her beschrieben wird.<\/p>\n<h3>4. Die Sankhya Philosophie<\/h3>\n<p>Die Sankhya <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/karma\/was-ist-karma\/7-prinzipien-spiritueller-philosophie.html\">Philosophie<\/a> ist eine dualistische Philosophie, die zwei absolute Prinzipien &#8211; Purusha und Prakriti &#8211; postuliert. Purusha gilt als unsere wahre Natur, unser wahres Selbst, als reines <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Buch\/MandukyaUpanishad\/6Bewusstsein.htm\">Bewusstsein<\/a>. Prakriti ist etwas vom Selbst Getrenntes. Prakriti ist unsere Natur, die aus den drei Gunas besteht. Laut Sankhya sind das zwei verschiedene Dinge, die immer von einander getrennt bleiben. Purusha (das Selbst) hat mit Prakriti (der Natur oder der Materie) nichts zu tun.<\/p>\n<p>Sankhya ist ein sehr hoch interessantes Philosophiesystem, dazu k\u00f6nnte man ein ganzes Buch schreiben. Nach dem Sankhyasystem ist es unsere wichtigste Aufgabe, uns von der Identifikation mit der Prakriti zu l\u00f6sen, uns vom Handeln zu l\u00f6sen und nach und nach zu Purusha, unserer wahren Natur zu kommen und uns in ihr zu verankern.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund geh\u00f6rt die Entsagung als ein wichtiger Bestandteil zur Sankhya Philosophie. Das Hineingehen in die Prakriti f\u00fchrt zur Verhaftung. Verhaftung f\u00fchrt zum Leiden. Leiden f\u00fchrt zur <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/reinkarnation-wiedergeburt.html\">Wiedergeburt<\/a>. Mit der Wiedergeburt inkarniert man sich in einen neuen K\u00f6rper. Man macht neue Erfahrungen. Mit diesen Erfahrungen kann man sich wieder identifizieren. So beginnt der Kreislauf von neuem.<\/p>\n<p>Krishna argumentiert oft vom Standpunkt der Sankhya Philosophie aus und setzt diese sowohl dem Purva Mimamsa Philosophiesystem als auch dem Yoga gegen\u00fcber.<\/p>\n<h3>\u00a05. Das Yoga Philosophiesystem<\/h3>\n<p>Yoga ist nun ein vielschichtiger Begriff und, wie so oft im Sanskrit, schwer zu definieren. Was Yoga wirklich ist, ist \u00e4u\u00dferst schwer in Worte zu fassen. Im indischen Sprachgebrauch wird das Wort \u201eYoga\u201c ganz unterschiedlich verwendet. Vom Wortstamm kommt es von \u201eYug\u201c. \u201eYug\u201c hei\u00dft \u201everbinden\u201c. Somit hei\u00dft Yoga Verbindung. Dies ist zumindest die w\u00f6rtliche Bedeutung. Wenn du jetzt im Sanskrit sagen w\u00fcrdest, stelle mal bitte eine Verbindung zwischen einem Auto und seinem Anh\u00e4nger her, dann hie\u00dfe das Autoanh\u00e4ngersamyogaha. \u00dcbrigens \u00e4hnlich wie Lateinisch \u201ejugare\u201c. Beides sind ja indogermanische Sprachen. \u201eJugare\u201c hei\u00dft auch \u201everbinden\u201c.<\/p>\n<p>Yoga in einem Sinne als Philosophiesystem wird meistens bezogen auf Patanjali. Patanjali war der Autor des Yoga Sutra. Da die Bhagavad Gita aber sicher vor Patanjali datiert werden kann, kann sich Krishna nicht auf Patanjalis System bezogen haben. Trotzdem erw\u00e4hnt Krishna st\u00e4ndig das Wort Yoga. Yoga ist ein praktisches System, welches dazu f\u00fchren will, die individuelle Seele mit der kosmischen Seele zu verbinden bzw. diese Einheit herzustellen.<\/p>\n<p>Wenn Inder, besonders in der heutigen Zeit, von Yoga sprechen bezieht es sich oft auf das \u201eRaja Yoga\u201c. Besonders bei den intellektuellen Indern. In den 6 Philosophiesystemen gilt Yoga als das Raja Yoga von Patanjali. Wenn Krishna in der Bhagavad Gita einfach von Yoga spricht, meint er meistens den Karma Yoga. Ansonsten gebraucht er das Wort Yoga in Verbindung mit je einem anderem Wort: \u201eJnana Yoga\u201c, \u201eSankhya Yoga\u201c etc. Insbesondere als \u00dcberschrift f\u00fcr jedes der 18 Kapitel der Bhagavad Gita wird immer das Wort \u201eYoga\u201c in Verbindung mit einem anderen Sanskrit Begriff gebraucht. Eine einfache Definition von Yoga w\u00e4re:<\/p>\n<p>Yoga ist ein praktisches System, um zur Einheit zu kommen.<\/p>\n<h3>\u00a06. Die Uttara Mimamsa Philosophie auch Vedanta genannt<\/h3>\n<p>\u201eUttara\u201c hei\u00dft \u201eh\u00f6chstes\u201c, \u201eherausragend\u201c. Uttara Mimamsa gilt als das gro\u00dfartigste aller Philosophiesysteme.<\/p>\n<p>Uttara Mimamsa ist gleichbedeutend mit Vedanta. \u201eVedanta\u201c hei\u00dft das \u201eEnde (Anta) des Wissens (Veda)\u201c. Uttara Mimamsa wurde von Shankaracharya (indischer Meister 788-820 n.Chr.) popularisiert in der Form von Kevala Adwaita Vedanta. Aus diesem System stammen u.a. die Ausdr\u00fccke:<\/p>\n<ul>\n<li><a>Brahman<\/a> (das Absolute)<\/li>\n<li>Maya (T\u00e4uschung)<\/li>\n<li>Iswhara (pers\u00f6nlicher Gott)<\/li>\n<li>Atman (Selbst)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Brahman gilt als die h\u00f6chste allumfassende Wirklichkeit, bei der Natur und Welt eins sind. Es gibt keine Dualit\u00e4t, wie im Sankhya System. Das Ziel des Lebens ist es, Wissen \u00fcber seine wahre Natur zu erreichen, nicht wie in der Purva Mimamsa <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/karma\/was-ist-karma\/7-prinzipien-spiritueller-philosophie.html\">Philosophie<\/a> das Ansammeln von Punyas.<\/p>\n<p>Maya bedeutet Illusion.<\/p>\n<p>Iswhara gilt als eine Manifestation Brahmans.<\/p>\n<p>Atman ist eins mit Brahman. In Shankaracharyas Philosophie hei\u00dft \u201eAtman\u201c \u201edieses Selbst, das unbewegt, ewig, unendlich und unver\u00e4nderlich ist\u201c.<\/p>\n<p>Wenn Krishna nun von Atman spricht, ist aber nicht immer das h\u00f6chste Selbst gemeint. Oft ist darunter das Selbst im Sinne von \u201eIch\u201c zu verstehen.<\/p>\n<p>Neben Kevala Adwaita Vedanta gab es in Indien besonders im Mittelalter eine Reihe von theistischen oder auch deistischen Bhaktistr\u00f6mungen, wo die Verehrung eines pers\u00f6nlichen Gottes eine ganz pers\u00f6nliche Rolle spielt.<\/p>\n<p>Bei den anderen vorherig beschriebenen Systemen ist es anders. In der Purva Mimamsa gibt es zwar eine Verehrung Gottes. Aber Gott wird verehrt, um etwas von ihm zu bekommen. In Vaishesika und Nyaya gibt es keinen Gott. Ebenfalls gibt es keinen Gott in der Sankhya Philosophie. Es ist ein atheistisches System. Im Yoga gibt es einen Gott. Allerdings wird er dort verehrt mit dem Ziel, mit ihm zu verschmelzen &#8211; Yoga als Vereinigung. Im Uttara Mimamsa System ist Iswhara einfach eine Manifestation von <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Artikel\/Art-Artikel\/Art_Brahman.html\">Brahman<\/a>. Wir verehren Gott. \u00dcber die Verehrung Gottes kommen wir zum h\u00f6chsten Selbst.<\/p>\n<p>So hat es dualistische Philosophiesysteme im indischen Mittelalter gegeben, die dann entweder als \u201eNyaya Nr. 2\u201c oder auch als \u201eDwaita Vedanta\u201c bezeichnet werden. Diese Philosophiesysteme besagen, dass Gott die Welt geschaffen hat. Wir wissen nicht genau, wie er sie geschaffen hat, aber er hat sie geschaffen. Er hat auch die Einzelseelen geschaffen und steht letztlich hinter allen Handlungen. Die Ursache des Leidens ist, dass wir uns von Gott entfernt haben und letztlich Gott nicht sp\u00fcren. Das Ziel des Lebens ist es, Gott nahe zu kommen und st\u00e4ndig in Gottes Gegenwart zu leben. Also nicht eins zu werden mit Gott, sondern ihm sehr nahe zu sein. Das Mittel, um da hinzukommen, ist Bhakti. \u00dcber Hingabe gelangen wir zu Gott. Jnana Yoga oder andere Yogawege k\u00f6nnen auch noch helfen Gott nahe zu kommen. Aber das Hauptmittel um Gott nahe zu sein ist Bhakti. Dies hat gro\u00dfe Gemeinsamkeiten mit den modernen christlichen Str\u00f6mungen. Die sind oft eine gewisse Mischung aus Nyaya Nr. 2 und einer materialistischen Weltanschauung. Manche sagen auch, dass Gott mit der Welt nichts zu tun hat. Die Verehrung Gottes ist f\u00fcr uns pers\u00f6nlich gut, f\u00fcr die \u00d6ffnung unseres Herzens, f\u00fcr unser Seelenheil. Bei den Dwaitas gibt es nicht die allumfassende Wahrheit. Es ist nicht so, dass wir eins mit Gott sind, sondern wir sind von Gott auf ewig getrennt und die Vorstellung mit Gott Einswerden zu wollen, gilt als Ausdruck von Gr\u00f6\u00dfenwahn. Das kann einem Yoga \u00dcbenden auch mal von einem Christen vorgeworfen werden: Es sei Ausdruck von menschlichem Gr\u00f6\u00dfenwahn, zu meinen, Gott und Mensch seien eins. Etwas \u00c4hnliches sagte auch ein indischer Meister namens Shri Prabhupada, der Begr\u00fcnder der westlichen Hare Krishna Begr\u00fcndung, der ein Dualist ist. Er nannte die Advaita Vedantins \u201eMayavadis\u201c. Als Mayavadis gelten diejenigen Menschen, die die Maya propagieren und behaupten, diese Welt sei Illusion und die individuelle Seele sei eins mit Brahman.<\/p>\n<h3>\u00a0Fazit:<\/h3>\n<p>Viele indische Schriften sind mehrdeutig interpretierbar. Auch die Bhagavad Gita z\u00e4hlt dazu. Wenn sie nur von einem Standpunkt aus interpretierbar w\u00e4re, g\u00e4be es nicht so viele Kommentare. Man kann sie vom Dwaita Standpunkt aus interpretieren und auch vom Adwaita Standpunkt. Der Adwaita Standpunkt entspricht unserer Tradition. Als Sch\u00fcler von Swami Sivananda gehe ich in diesem Kommentar zur Bhagavad Gita von der Kevala Adwaita <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/karma\/was-ist-karma\/7-prinzipien-spiritueller-philosophie.html\">Philosophie<\/a> aus im <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Buch\/MandukyaUpanishad\/6Bewusstsein.htm\">Bewusstsein<\/a>, dass man die Bhagavad Gita auch von anderen Standpunkten aus interpretieren kann. Es gibt auch Mischungen von Dwaita und Adwaita, auf die ich aber nicht n\u00e4her eingehen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Die Erl\u00e4uterung der philosophischen Hintergr\u00fcnde sollte dem Leser helfen, die Bhagavad Gita differenzierter zu verstehen. Krishna nimmt auf die verschiedenen Philosophiesysteme immer wieder Bezug. Er verdammt das Purva Mimamsa System in relativ klaren Worten. Auch auf Vaishesika und Nyaya ist er nicht gut zu sprechen, er bezeichnet sie als asurisch (d\u00e4monisch). Den Sankhyas billigt er zu, zur Verwirklichung zu gelangen, betont aber gleichzeitig, dass der Weg der Sankhyas nur f\u00fcr sehr wenige Leute ist. Sie sei hart und schwierig zu erreichen. Er postuliert Yoga als Weg der Handlung, als Weg der Hingabe, auch als ein Erkenntnisweg. Schlie\u00dflich spricht Krishna von <a href=\"https:\/\/www.yoga-vidya.de\/Yoga--Artikel\/Art-Artikel\/Art_Brahman.html\">Brahman<\/a>, Atman, Maya und dem h\u00f6chsten Ziel der Einheit von Selbst und von Brahman, also \u00fcber Kevala Adwaita Vedanta.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Bhagavad Gita kann es hilfreich sein, den Leser kurz in die sechs klassischen indischen Darshanas (Philosophiesysteme) einzuf\u00fchren. Ich m\u00f6chte den Leser jedoch warnen: Dieses Kapitel ist das schwierigste dieses Buches\u2026 Weniger philosophisch orientierte Leser sowie solche, die mit indischer Philosophie bisher wenig &hellip; <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/bhagavad-gita\/bhagavad-gita-indische-philosophie-darshanas\/\" class=\"more-link\"><span class=\"morelink-icon\">Weiterlesen<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[837,830],"tags":[809,810,28,808,35],"class_list":["post-11924","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-darshanas","category-hintergrundinfos","tag-darshana","tag-darshanas","tag-kommentar-sukadev","tag-philosophie","tag-schriften"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/bhagavad-gita\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11924","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/bhagavad-gita\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/bhagavad-gita\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/bhagavad-gita\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/bhagavad-gita\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11924"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/bhagavad-gita\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11924\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/bhagavad-gita\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11924"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/bhagavad-gita\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11924"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/schriften.yoga-vidya.de\/bhagavad-gita\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11924"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}