Viveka Chudamani – Vers 84

Deutsche Übersetzung:

84. Wer durch die Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse danach strebt, das Selbst zu erfahren, ähnelt einem, der den Fluss überquert und nach einem Krokodil greift, was er für ein Stück Holz hält.

Sanskrit Text:

śarīra-poṣaṇārthī san ya ātmānaṃ didṛkṣati |
grāhaṃ dāru-dhiyā dhṛtvā nadīṃ tartuṃ sa gacchati || 84 ||

शरीरपोषणार्थी सन्य आत्मानं दिदृक्षति |
ग्राहं दारुधिया धृत्वा नदीं तर्तुं स गच्छति || ८४ ||

sharira-poshanarthi san ya atmanam didrikshati |
graham daru-dhiya dhritva nadim tartum sa gachchhati || 84 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śarīra-poṣaṇārthī : mit der Unterhaltung („Ernährung“, Poshana) seines Körpers (Sharira) beschäftigt (Arthin)
  • san : ist („seiend“, Sat)
  • yaḥ : wer (Yad)
  • ātmānam : (und so sein) Selbst (Atman)
  • didṛkṣati : zu erkennen wünscht („zu sehen wünscht“, dṛś)
  • grāham : ein Krokodil (Graha)
  • dāru-dhiyā : mit der Vorstellung (Dhi) es sei ein Stück Holz (Daru)
  • dhṛtvā : indem er ergreift („ergriffen habend“, dhṛ)
  • nadīm : einen Fluss (Nadi)
  • tartum : zu überqueren (tṛ)
  • saḥ : der (Tad)
  • gacchati : geht daran (gam)     || 84 ||

Kommentar

Nehme an, du bist auf einem Fluss in Indien. Du hast einen Fährmann angeheuert und ihr fahrt zusammen über den Fluss. Plötzlich kommt ein Sturm auf und du kenterst. Du schwimmst, aber du merkst, der Fluss ist breit. Du kannst nicht allein dort bleiben. Also suchst du. Wo kannst du dich festhalten? Und du siehst dort zwei Baumstämme angeschwommen und du entscheidest dich für einen der irgendwo ein bisschen weicher aussieht und kleiner. Du greifst ihn fest und dann merkst du, es ist ein Krokodil. Krokodil merkt, es ist ein Mensch. Krokodil frisst Mensch. Du bist vorbei. Mindestens auf der physischen Ebene.
So ähnlich sagt er, wir haben in dieser Welt die Möglichkeit nach Sinnesobjekten zu streben oder wir haben die Möglichkeit nach Gott zu streben. Zu glauben, dass du nach Gott streben kannst und dabei hauptsächlich nach Sinnesbefriedigungen zu gehen, das funktioniert nicht. Jesus hat mal gesagt: Du kannst nur einem Herrn dienen. Gott oder dem Mammon. Oder auch in der jüdischen Bibel steht: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Ich interpretiere diesen Vers ja so: Du solltest nichts anderes verehren als Gott. Du solltest nicht das Geld verehren. Du solltest nicht deine Familie verehren und so weiter. Verehre nur Gott. Natürlich, du hast dein Dharma. Du hast eine Familie und es ist ok Gott in der Familie zu verehren. Und du hast auch einen Job und du kannst auch deinen Job tun als Dienst an Gott. Und du hast vielleicht ein Engagement in einer eigenen Yogaschule, vielleicht als Yogalehrer, vielleicht als jemand der hilft. Tu dies alles als Dienst an Gott. Und wenn du alles, was du tust, Gott widmest, dann ist alles ok. Aber wenn du glaubst, dass du durch den Dienst an Gott letztlich besonders großartige Belohnungen bekommen musst, dann bist du am irren.
Manche Menschen sagen, warum geschieht mir was Schlimmes? Ich war doch ein so guter Mensch. Zwar gibt es auch das Gesetz des Karma. Aber das Gesetz des Karma geht über mehrere Leben. In diesem Leben ist es nicht so, dass die die freundlich sind immer nur freundlich behandelt werden. Glaube nicht, dass die Belohnung für ein spirituelles Leben notwendiger Weise Gesundheit, Erfolg und Freundlichkeit anderer ist. Hänge nicht an äußerem Erfolg. Hänge nicht an äußeren Belohnungen. Hänge nicht an Anerkennung. Darum geht es auf dem spirituellen Weg nicht. Viel mehr halte dich fest an einem guten Baum. Also wenn du jetzt in dieser Not bist, dann schaue einen Moment. Wo kannst du dich festhalten? Nicht am Krokodil, sondern an einem festen Baumstamm. Der führt dich dann ans Ufer. Und der feste Baumstamm das ist die Spiritualität. Das sind die Lehren des Meisters. Das sind die spirituellen Praktiken. Aber eben mache die spirituellen Praktiken ohne Verhaftung. Leider gibt es so viele Menschen die zwar auf dem spirituellen Weg sind, aber nicht dafür bereit sind, an ihren Verhaftungen zu arbeiten. Vielleicht ist das ein Grund, warum Shankaracharya so viele Verse darüber erzählt. Und das Viveka Chudamani das manche sagen, das ein Spätwerk von Shankaracharya ist, vielleicht betont er es deshalb so viel, weil er festgestellt hat, dass viele seiner Schüler am Anfang interessiert sind, wollen alles wissen, Vedanta studieren, machen aber kaum Fortschritte. Gefangen in den Emotionen. Gefangen in den Wünschen. Gefangen in den Begierden. Leicht kränkbar, wenn man ihnen nicht dankt und so weiter. Schnell enttäuscht, wenn Dinge nicht so laufen, wie sie es gern hätten. So wirst du nicht frei. Daher betont Shankaracharya: Ja, übe spirituelle Praktiken. Aber sei nicht verhaftet. Sei nicht wie ein Mann oder eine Frau, der oder die  versucht, sich an einem Krokodil festzuhalten, um einer Überschwemmung zu entgehen. Halte dich an einem guten Baumstamm fest oder an einem Floss. Das sind die Lehren des Meisters, die spirituelle Praktiken und das Vertrauen in Gott.

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