Viveka Chudamani – Vers 78

Deutsche Übersetzung:

78. Wer sich von den schweren Fesseln der Begierde an Sinnesobjekten mühselig/unter großer Anstrengung befreit, erfüllt die Voraussetzungen zur Befreiung, kein anderer, selbst wenn er alle sechs philosophische Schulen kennt (shatshastravedin).

Sanskrit Text:

viṣayāśā-mahā-pāśād yo vimuktaḥ su-dustyajāt |
sa eva kalpate muktyai nānyaḥ ṣaṭ-śāstra-vedy api || 78 ||

विषयाशामहापाशाद्यो विमुक्तः सुदुस्त्यजात् |
स एव कल्पते मुक्त्यै नान्यः षट्शास्त्रवेद्यपि || ७८ ||

vishayasha-maha-pashad yo vimuktah su-dustyajat |
sa eva kalpate muktyai nanyah shat-shastra-vedy api || 78 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • viṣayāśā-mahā-pāśāt : mächtigen (Mahat) Fessel (Pasha) des Verlangens (Asha) nach den Sinnesobjekten (Vishaya)
  • yaḥ : wer (Yad)
  • vimuktaḥ : befreit ist (Vimukta)
  • su-dus-tyajāt : von der äußerst (Su) schwer abzustreifenden („aufzugebenden“, Dustyaja)
  • saḥ : der (Tad)
  • eva : nur, allein (Eva)
  • kalpate : taugt (kḷp)
  • muktyai : für die Befreiung, Erlösung (Mukti)
  • na : nicht (Na)
  • anyaḥ : ein anderer (Anya)
  • ṣaṭ-śāstra-vedī : er ein Kenner (Vedin) aller sechs (Shash) philosophischen Systeme („Lehren“, Shastra) wäre
  • api : sogar, selbst wenn (Api)     || 78 ||

Kommentar

Shankara spricht hier nochmals über die Sinnesobjekte. Dies alles im Kontext seiner Aussage: „Du bist nicht der Körper, und damit auch nicht die Sinne, die damit zu tun haben.“
Über den Körper hast du Sinne, mit den Sinnen kommen Wünsche, und wenn du dich von den Wünschen beherrschen lässt, dann gibt es Probleme.
Zu sagen „Aham Brahmasmi“ (ich bin nicht beschränkt auf den physischen Körper) und dann zu schimpfen wenn dein Essen nicht gut ist, oder wenn dir jemand weniger geschenkt hat als jemand anders – dann stimmt da etwas nicht.

Du bist das unsterbliche Selbst, du bist nicht der Körper. Und du solltest dich befreien von der Sklaverei der Sinne. Werde dir immer wieder bewusst, wann du etwas wünschst, wann du etwas haben willst, wann du neidisch bist, wann du dich über etwas ärgerst, wann du vor etwas Angst hast.

Shankara geht letztlich immer wieder zum ganzheitlichen Yoga zurück. Er sagt zwar was zur Befreiung führt, nämlich jnana (Erkenntnis), atman jnana (Erkenntnis des Selbst) oder brahman jnana (Erkenntnis von Brahman). Aber um dort hinzukommen ist es notwendig, sehr viel dafür zu tun sich nicht von den Sinnen beherrschen zu lassen. Daher sagt er hier: Befreie dich von den Fesseln der Begierde an Sinnesobjekte.

Interessant sind dabei 3 Dinge:
Erstens gibt es die Sinnesobjekte, sie sind neutral. Dann kannst du Begierden daran haben, das ist auch noch nichts Schlimmes. Nur wenn du Fesseln daran hast.

Ich sage auch gerne: Wünsche sind Handlungsempfehlungen mit Energie. Und die meisten Wünsche sind ja sinnvoll. Wenn ich z.B. Durst habe, ist das etwas Gutes. Der Körper sagt mir: Du hast jetzt einige Vorträge gehalten, du hast viel gesprochen, du brauchst etwas Wasser. Wenn ich jetzt aber daran gefesselt bin – „Ich brauche jetzt unbedingt Wasser, ich muss sofort die Aufnahme unterbrechen, sonst geht gar nichts mehr.“ – dann bin ich gefesselt. Wenn ich aber weiß – aha da ist Durst – kann ich überlegen: Ist es jetzt sinnvoll etwas Wasser zu mir zu nehmen oder sollte ich lieber die Aufnahme zu Ende führen? Handlungsempfehlung mit Energie – du kannst ihr folgen oder auch nicht.

Abschluss:
Vielleicht magst du dieses Konzept heute einmal überlegen. Wann immer du einen Wunsch hast, insbesondere sinnliche Wünsche oder auch andere, nimm sie als Handlungsempfehlung mit Energie und fühle dich frei, ihnen zu folgen oder auch nicht.

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