Viveka Chudamani – Vers 77

Deutsche Übersetzung:

77. Sinnesobjekte (vishaya) sind in ihrer Wirkung noch verheerender als das Gift (visha) einer schwarzen Kobra. Gift tötet den, der es einnimmt, wogegen die Sinnesobjekte sogar den töten, der mit den Augen schaut.

Sanskrit Text:

doṣeṇa tīvro viṣayaḥ kṛṣṇa-sarpa-viṣād api |
viṣaṃ nihanti bhoktāraṃ draṣṭāraṃ cakṣuṣāpy ayam || 77 ||

दोषेण तीव्रो विषयः कृष्णसर्पविषादपि |
विषं निहन्ति भोक्तारं द्रष्टारं चक्षुषाप्ययम् || ७७ ||

doshena tivro vishayah krishna-sarpa-vishad api |
visham nihanti bhoktaram drashtaram chakshushapy ayam || 77 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • doṣeṇa : in seiner schädlichen Wirkung („Schlechtigkeit“, Dosha)
  • tīvraḥ : (ist) verheerender („scharf“, Tivra)
  • viṣayaḥ : ein Sinnesobjekt (Vishaya)
  • kṛṣṇa-sarpa-viṣāt : als das Gift (Visha) einer Kobra („schwarzen Schlange“, Krishnasarpa)
  • api : sogar (Api)
  • viṣam : ein Gift (Visha)
  • nihanti : tötet, richtet zu Grunde (ni + han)
  • bhoktāram : den, der es einnimmt („den Genießer“, Bhoktri)
  • draṣṭāram : den, der es (nur) anschaut („den Betrachter“, Drashtri)
  • cakṣuṣā : mit Augen („mit dem Auge“, Chakshus)
  • api : sogar
  • ayam : das (Sinnesobjekt, Ayam)     || 77 ||

Kommentar

Im 77. Vers beschreibt Shankaracharya die Sinnesobjekte. Er sagt die Sinnesobjekte sind wie Gift. Dies ist gleichzeitig auch ein Wortspiel, denn visham heißt Gift und vishaya ist ein Sinnesobjekt. Er spielt also hier mit den Worten. Ein visham tötet jemanden, der es einnimmt. Das Gift der schwarzen Kobra z.B. ist tödlich, sei es durch Schlangenbiss oder auch durch Einnahme wenn ein Mensch durch Vergiften mittels des isolierten Giftes getötet wird. Shankara sagt aber auch, nicht nur das Gift tötet, sondern eben auch die Sinnesobjekte.
Durch Sinnesobjekte verlierst du deinen Verstand. Durch Sinnesobjekte vergisst du, worum es dir eigentlich ging. Durch Sinnesobjekte kann es passieren, dass du das nicht tust, was du eigentlich tun wolltest. Und so sagt Shankara: Pass auf wenn du Sinnesobjekte in der Nähe hast, das kann zu Problemen führen.
Sinnesobjekte selbst führen dich in Probleme. Du isst z.B. Sachen, die nicht gesund sind, oder du kaufst Sachen, die du dir nicht leisten kannst, oder du verliebst dich und gefährdest dadurch deine gute langjährige Beziehung… es gibt so viele Sinnesobjekte.
Aber die Sinnesobjekte bringen dir nicht nur in dem Moment Probleme, wenn du sie genießt, sondern auch schon vorher. Du hörst, dass jemand anders etwas Schöneres hat als du und sofort wirst du eifersüchtig. Du hörst, dass jemand etwas über dich gesagt hat, es muss ja gar nicht der Wahrheit entsprechen, aber schon bist du auf 180. Oder du liest in der Zeitung oder im Internet irgendetwas, prompt willst du es haben. Shankara will dir hier sagen: Pass auf. Sei nicht Sklave der Sinnesobjekte. Und wenn du plötzlich etwas hörst oder liest – du musst es nicht gleich haben. Du musst nicht alles besitzen.

Dazu gibt es eine schöne Geschichte:
Es war einmal ein Minister im alten Indien, der eitel war. Und da Menschen seines Amtes sehr vornehme Kleidung tragen konnten, hatte der Minister wertvolle Kleidung aus edlem Tuch in leuchtenden Farben, auf denen Edelsteine aufgenäht waren. Er trug Ketten und Ringe und einen wunderschönen Turban. Auch sein Pferd hatte eine wunderschöne Schabracke. Und in all seiner Pracht ritt er auf seinem großartigen Pferd jeden Tag durch die Stadt zum Palast. Dabei achtete er darauf, dass möglichst viele ihn sehen konnten. In dieser Stadt gab es auch einen Bettler. Als er merkte, dass er alt wurde und sein Tod nahte, bat er darum, dass der Minister an sein Totenbett käme, er wolle ihm danken. Normalerweise hatte der Minister nichts mit Bettlern zu tun, aber er war neugierig, warum dieser ihm seinen Dank erweisen wolle. Er ging also zu ihm und der Bettler sprach: „Minister, ich möchte dir danken, dass du mich so reich beschenkt hast.“ Der Minister war verwirrt und sagte ganz offen: „Normalerweise bin ich keiner dem man dankt, denn ich bin nicht als großzügiger Mensch bekannt. Wie kommst du dazu, mir danken zu wollen?“ Da lächelte der Bettler und sagte: „Jeden Morgen und jeden Abend bist du durch den Park geritten, wo ich gebettelt habe, in all deiner Pracht und Herrlichkeit. Jeden Morgen und jeden Abend habe ich diese Schönheit bewundert. Du warst jeden Morgen und jeden Abend Grund meiner Freude. Ich danke dir dafür.“

Die Frage ist also, wer hat sich mehr an der schönen Kleidung des Ministers erfreut? Der Bettler, dem nichts gehört hat, oder der Minister?
Und so kannst du dich auch selbst fragen, bist du jemand, der sich erfreuen kann, wenn jemand anders etwas Großartiges hat, oder wird in dir Eifersucht und Neid geweckt? Wenn du hörst, dass jemand eine tollere Yogamatte hat, bessere Yogakleidung, einen tolleren Meditationsstein oder -Kissen, kannst du dich einfach daran erfreuen oder denkst du „muss ich auch haben“?
Wenn du etwas Schönes siehst, kannst du dich einfach daran erfreuen oder willst du es haben?

Es sind also nicht die Sinnesobjekte selbst, die dich töten oder die Ruhe des Geistes rauben, sondern es ist deine Reaktion darauf.

Abschluss:
In diesem Sinne werde dir heute oder morgen vielleicht besonders bewusst: Wie reagierst du auf Sinnesobjekte? Kannst du dich einfach an ihnen erfreuen? Dann ist nichts Falsches an den Sinnesobjekten. Oder willst du sie sofort haben oder macht das etwas mit deinem Geist?

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