Viveka Chudamani – Vers 69

Deutsche Übersetzung:

69. Der erste Schritt zur Befreiung ist die völlige Losgelöstheit (vairagya) gegenüber allen vergänglichen Dingen. Darauf folgen Gedankenstille (shama), Selbstbeherrschung (dama), Duldsamkeit (titiksha) und vollständiger Verzicht auf alle eigennützigen Handlungen.

Sanskrit Text:

mokṣasya hetuḥ prathamo nigadyate
vairāgyam atyantam anitya-vastuṣu |
tataḥ śamaś cāpi damas titikṣā
nyāsaḥ prasaktākhila-karmaṇāṃ bhṛśam || 69 ||

मोक्षस्य हेतुः प्रथमो निगद्यते
वैराग्यमत्यन्तमनित्यवस्तुषु |
ततः शमश्चापि दमस्तितिक्षा
न्यासः प्रसक्ताखिलकर्मणां भृशम् || ६९ ||

mokshasya hetuh prathamo nigadyate
vairagyam atyantam anitya-vastushu |
tatah shamash chapi damas titiksha
nyasah prasaktakhila-karmanam bhrisham || 69 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • mokṣasya : der Befreiung, Erlösung (Moksha)
  • hetuḥ : Ursache (Hetu)
  • prathamaḥ : als erste (Prathama)
  • nigadyate : wird genannt (ni + gad)
  • vairāgyam : Gleichgültigkeit („Leidenschaftslosigkeit“, Vairagya)
  • atyantam : vollkommene (Atyanta)
  • anitya-vastuṣu : in Bezug auf vergängliche (Anitya) Dinge (Vastu)
  • tataḥ : dann, daraufhin (Tatas)
  • śamaḥ : Gemütsruhe (Shama)
  • ca : und (Cha)
  • api : auch (Api)
  • damaḥ : Selbstbeherrschung (Dama)
  • titikṣā : Duldsamkeit (Titiksha)
  • nyāsaḥ : das Aufgeben (Nyasa)
  • prasaktākhila-karmaṇām : sämtlicher (Akhila) ritueller Handlungen (Karman), denen man anhaftet („verhaftet ist“, Prasakta)
  • bhṛśam : ohne zu Zögern (Bhrisha)     || 69 ||

Kommentar

Shankara schreibt:
„Der erste Schritt zur Befreiung ist die völlige Losgelöstheit – vairagya, gegenüber allen vergänglichen Dingen, darauf folgen Gedankenstille – shama, Selbstbeherrschung – dama, Duldsamkeit – titiksha, und vollständiger Verzicht auf alle eigennützigen Handlungen.“

Das sagt der Meister wieder und wieder: „Bereite dich vor, ich werde dich lehren. Aber du musst noch einiges tun.“

Er sagt: „Entwickle vairagya – Losgelöstheit! Lerne es verhaftungslos zu sein!“
Wenn du Wünsche hast und dich darüber ärgerst, wenn du sie nicht bekommst. Wenn du über andere schimpfst, aber sie dich nicht beachten. Wenn Du Dich darüber beschwerst, dass du nicht das bekommst, was dir zusteht, mangelt es dir an Vairagya. Entwickle vairagya – lasse los.

Es gibt eine schöne Geschichte von Janaka und seinem Meister Ashtavakra.
Janaka war bei Ashtavakra in die Lehre gegangen. Zum Abschluss der Lehrzeit sagte Janaka: „Es ist üblich am Ende einer Lehrzeit dem Meister etwas zu geben!“. „Aber großer Meister, ich habe so viel von dir bekommen. Ich weiß nicht, was ich dir geben soll! Gibt es irgendetwas, was du brauchst. Ich werde es dir geben. Du weißt, ich bin der König des Landes. Ich kann Dir alles geben, was du willst!“.
Ashtavakra lächelte und sagte: „Wirklich alles? Ich darf mir auswählen, was ich will?“. Janaka sagte: „Ja, mein Wort gilt!“. Ashtavakra erwiderte: „Okay, dann überschreibe mir dein Königreich!“.
Janaka erstarrte einen Moment lang und sagte dann: „Mein Wort gilt!“

Ashtavakra ließ seine Schüler kommen, die eine Urkunde mit folgendem Inhalt aufsetzten: „Hiermit überschreibe ich meinem Guru das Königreich. Er regiert ab jetzt das Königreich!“ Er gab einen Siegelring auf das Wachs und ein königliches Emblem dazu. Und dann sagte Ashtavakra: „Okay, jetzt kannst du gehen!“.
Als Janaka gegangen war, blieb Ashtavakra keinen Moment lang sitzen und rief Janaka zurück: „Oh Janaka, was will ich mit deinem Königreich. Es gehört mir, aber ich mache dich zum Regierenden. Ich übergebe dir das Königreich, regiere das Königreich, aber unter zwei speziellen Aufgaben: Erstens, sage niemand, dass dir das Königreich nicht mehr gehört. Du regierst das Königreich, als ob du der König bist. Als zweites, es kann jederzeit geschehen, dass ich komme und das Königreich selbst übernehme.“

Damit ging Janaka wieder zurück ins Königreich. Er regierte das Königreich so gut er konnte, sogar besser als er das sonst gemacht hatte, denn für seinen Guru wollte er das Königreich besonders gut regieren.
Er erzählte niemandem davon, dass das Königreich seinem Guru gehörte und einmal im Jahr kam Ashtavakra vorbei und sagte: „Ich überlege, ob ich vielleicht doch König werden sollte. Oh nein, noch nicht!“

So kam er Jahr für Jahr wieder und Janaka lernte vollkommene Verhaftungslosigkeit und wurde so zum Gottverwirklichten.

So kannst du auch jetzt schon sagen: „Nichts gehört mir, alles, was da ist, ist eine Leihgabe oder von begrenzter Dauer. Jederzeit kann es von dir genommen werden. Nichts gehört dir!“
Entwickle Vairagya – Gott ist der Herrscher und hat dir das Ganze nur gegeben, um damit Gutes zu bewirken. Nicht du bist derjenige, dem es gehört, alles gehört Gott. Daher brauchst du auch nicht verhaftet zu sein: Gott hat’s gegeben, Gott nimmt es wieder!

Vairagya ist wichtig. „anityavastuśhu“ – gegenüber allen nicht ewigen Dingen, sie vergehen sowieso. Darauf folgt „shama“ – Gemütsruhe. Kultiviere Gemütsruhe, aus vairagya kommt Gemütsruhe.
Wann immer du aus der Gemütsruhe kommst, dann weißt du, irgendwo war eine Identifikation. Aus vairagya entwickelt sich Gemütsruhe.

Dann folgt „dama“ – Selbstbeherrschung. Selbst wenn du nicht immer Gemütsruhe bewahren kannst, mindestens übe Selbstbeherrschung. Folge nicht einfach deiner Gier, deinen Wünschen und Emotionen – Selbstbeherrschung.

Und dann sagt er noch: „nyāsaḥ!“. „titikśhā“ – Duldsamkeit, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, wenn Dinge nicht so angenehm sind. Es heißt Ruhe auch gegenüber „dukha“ – Leiden, das kommt. Wenn es zu warm wird, mache nicht gleich das Fenster auf. Lerne ruhig zu sein. Wenn es zu kalt wird, nicht gleich die Heizung aufdrehen. Wenn es regnet, lasse es regnen. Wenn Menschen dich beschimpfen, bleibe gleichmütig.
„titikśhā“ – auch in widrigen Umständen „shama“ beibehalten.

Dann sagt er noch: „Verzicht auf alle Handlungen, an die du verhaftet bist!“
Im Text steht nicht nur Verzicht auf alle eigennützigen Handlungen, sondern „nyāsaḥ“ – aufgeben, von „prasaktākhilakarmaṇāṁ“ – alle Karmas, an die du verhaftet bist, ohne zu zögern.
Wenn du also merkst, es gibt irgendetwas, woran du verhaftet bist, dann gib es auf.
Wenn du ein Kleidungsstück besonders magst, dann gib es in die Altkleidersammlung. Wenn du ein Lieblingstopf hast, gib ihn jemand anders. Einfach, Nein – notwendig, ja!
Wenn du zur Gottverwirklichung kommen willst, dann setzte etwas um.

Vielleicht kannst du jetzt auch gleich überlegen: „Was gibt es, woran ich verhaftet bin? Und könnte ich das nicht jemand anders geben?“

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