Viveka Chudamani – Vers 63

Deutsche Übersetzung:

63. Wie kann einer die Befreiung alleine durch das Reden über Brahman erreichen, ohne dass die sichtbare Welt transzendiert und die wahre Natur des Selbst erkannt wird?

Sanskrit Text:

akṛtvā dṛśya-vilayam ajñātvā tattvam ātmanaḥ |
brahma-śabdaiḥ kuto muktir ukti-mātra-phalair nṛṇām || 63 ||

अकृत्वा दृश्यविलयमज्ञात्वा तत्त्वमात्मनः |
ब्रह्मशब्दैः कुतो मुक्तिरुक्तिमात्रफलैर्नृणाम् || ६३ ||

akritva drishya-vilayam ajnatva tattvam atmanah |
brahma-shabdaih kuto muktir ukti-matra-phalair nrinam || 63 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • akṛtvā : ohne bewirkt zu haben („nicht gemacht habend“, a+ kṛ)
  • dṛśya-vilayam : die Auflösung (Laya) der Welt der objektiven Wirklichkeit („des Sichtbaren“, Drishya)
  • ajñātvā : ohne erkannt zu haben („nicht erkannt habend“, a + jñā)
  • tattvam : die Wirklichkeit („das Sosein“, Tattva)
  • ātmanaḥ : des Selbst (Atman)
  • brahma-śabdaiḥ : durch die Wiederholung des Wortes („die Worte“, Shabda) „das Absolute“ (Brahman)
  • kutaḥ : wie („woher“, Kutas)
  • muktiḥ : (kommt dann) die Erlösung, Befreiung (zustande, Mukti)
  • ukti-mātra-phalaiḥ : durch die Wirkung („Früchte“, Phala) bloßer (Matra) Worte („Rede“, Ukti)
  • nṛṇām : von Menschen (Nri)     || 63 ||

Kommentar

Wie kommt man zur Befreiung?
Shankara spricht viel darüber: „Wir kommen zur Befreiung durch Studium der Schriften, durch Reflektieren und Nachdenken.“ Aber er warnt uns und sagt: „Befreiung kommt nicht allein durch intellektuelles Nachdenken. Intellektuelles Nachdenken reicht nicht aus. Du musst wirklich die sichtbare Welt transzendieren und die wahre Natur des Selbst erkennen.“

Es reicht nicht aus, dass du über Brahman nur redest oder Vorträge hältst. Es ist zwar gut, Vorträge zu halten. Manchmal lernt man besonders viel, wenn man selbst lehrt. Wenn man etwas einmal liest, behält man es zu 10 %. Wenn man es zweimal liest zu 20 %. Wenn man darüber etwas schreibt zu 40 %. Wenn man darüber spricht zu 80%. Aber wenn du etwas wirklich behalten willst, dann ist es gut darüber zu sprechen, etwas zu lehren.

Aber mit Vedanta ist es etwas anders. Es mag sein, wenn du Vortrag über Vedanta gibst, dass du das intellektuell besser verstehst, aber – und das sagt Shankaracharya – um intellektuelles Verstehen geht es gerade nicht, sondern es geht darum, dass du es wirklich verwirklichst.

Und woran erkennst du, ob du die sichtbare Welt transzendiert hast?
Daran, ob du verhaftungslos bist. Kannst du Gleichmut bewahren?
Wenn dich etwas aufregt, was jemand anders tut, dann hast du diese sichtbare Welt nicht transzendiert. Wenn du Angst davor hast, was andere über dich denken, dann hast du die sichtbare Welt nicht transzendiert. Wenn du dir starke Sorgen um deine Gesundheit machst und um dein psychisches Gleichgewicht, dann hast du das wahre Selbst nicht erkannt.

Achte immer wieder darauf, transzendiere die sichtbare Welt und erkenne dein wahres Selbst.
Shankara macht hier eine lange Einleitung. Er sagt wieder und wieder: „Reines Üben der Praktiken reicht nicht aus. Das Lesen von Schriften reicht nicht aus, Konzepte verstehen reicht nicht aus, Vorträge geben reicht nicht aus. Erkenne, wer du wirklich bist, und transzendiere diese Welt.“

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