Viveka Chudamani – Vers 61

Deutsche Übersetzung:

61. Für jemanden, der von der Schlange der Unwissenheit gebissen worden ist, ist das einzige Heilmittel die Erkenntnis der absoluten Wirklichkeit. Was nutzen die Veden und andere Schriften, Mantras und Arzneien dabei?

Sanskrit Text:

ajñāna-sarpa-daṣṭasya brahma-jñānauṣadhaṃ vinā |
kim u vedaiś ca śāstraiś ca kim u mantraiḥ kim auṣadhaiḥ || 61 ||

अज्ञानसर्पदष्टस्य ब्रह्मज्ञानौषधं विना |
किमु वेदैश्च शास्त्रैश्च किमु मन्त्रैः किमौषधैः || ६१ ||

ajnana-sarpa-dashtasya brahma-jnanaushadham vina |
kim u vedaish cha shastraish cha kim u mantraih kim aushadhaih || 61 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • ajñāna-sarpa-daṣṭasya : einem, der von der Giftschlange („Schlange“, Sarpa) der Unwissenheit (Ajnana) gebissen worden ist (Dashta)
  • brahma-jñānauṣadham : dem Heilmittel (Aushadha) der Erkenntnis des Absoluten (Brahmajnana)
  • vinā : außer („ohne“, Vina)
  • kim u : was nützen („was wohl“, Kim + U)
  • vedaiś : die heiligen Schriften (Veda)
  • ca : und (Cha)
  • śāstraiḥ : die Lehrtexte (Shastra)
  • ca : und
  • kim u : was nützen („was wohl“)
  • mantraiḥ : Zauberformeln, heilige Sprüche (Mantra)
  • kim : was nützen („was“)
  • auṣadhaiḥ : Arzneien, sämtliche Heilkräuter (Aushadha)     || 61 ||

Kommentar

Hier gebraucht Shankara ein weiteres Mal die Analogie von Schlange und Seil – einer der ältesten Analogien und einer der meist verwendeten Analogien im Vedanta.

Shankara gebraucht hier das alte Beispiel: Ein alter Mann geht eines Abends durch seinen Garten zu seinem Haus in Indien, in einer Region wo es viele Schlangen gibt. Er ist sieht dort etwas Rundes, Langes auf dem Weg und kann nicht mehr verhindern, darauf zu treten. Sofort springt er noch schnell zur Seite und spürt einen Schmerz in der Ferse. Er läuft zurück in sein Haus und sieht die Wunde. Anschließend ruft er seine Kinder und sagt ihnen: „Meine letzten Stunden sind gekommen!“. Der Priester wird gerufen und der Mann verliert langsam seine Stärke und sein Bewusstsein.
Dann kommt eine alte Frau, die eine Laterne dabei hat. Sie geht zu ihm und schaut sich die Ferse an. Im Anschluss geht sie durch den Ausgang zum Hintergarten, wo der alte Mann durchgegangen war. Mit ihrer Laterne sieht sie dort keine Schlange, sondern nur ein Seil. Sie schaut etwas zur Seite und sieht neben dem Seil einen Dornenbusch, wo auch etwas Blut ist. Der alte Mann war vor Angst vor der Schlange zur Seite gesprungen. Dabei hatte ein Dorn seine Ferse verletzt und jetzt denkt er, er würde sterben aufgrund eines Schlangenbisses. Sie geht zurück zu unserem alten Mann und sagt ihm: „Steh auf! Du stirbst nicht. Da ist nur ein Seil und keine Schlange!“
Sie schleift ihn an der Hand hinaus und er sieht, dass dort ein Seil und keine Schlange ist. Sofort kommt seine Lebenskraft zurück und er stirbt nicht und hat keine Angst mehr.

Das ist die Analogie zwischen Schlange und Seil – Rajjusarpa Nyaya. Das Seil war immer und die Schlange nie da.

Wie kann jetzt dieser Mann vor der Angst vor der Schlange gerettet werden?
Er muss erkennen, dass die Schlange nur ein Seil ist. Wie kommt er zu dieser Erkenntnis?

Er braucht das Licht der Erkenntnis und muss auch dort hinkommen. So ist die Erkenntnis das, was den Mann zur Erleuchtung, zur Klarheit und letztlich zum Überwinden von allen Verhaftungen, Ängsten, Ärger usw. führt.
Es würde nicht ausreichen, dass jemand ihm Ayurveda-Heilmittel geben würde oder dass ein Priester ihm die Schriften vorliest. Er wird von der Angst vor der Schlange geheilt werden, indem er erkennt, dass die Schlange immer ein Seil war.
Wie erreichst du die Gottverwirklichung, die Erleuchtung? – Indem du erkennst: Du bist das unsterbliche Selbst.
Es reicht nicht aus, ausschließlich Schriften zu lesen, zu meditieren, etwas für deine Gesundheit zu tun, Asanas und Pranayama zu üben. Diese Techniken sind insofern hilfreich, indem sie dir helfen zur Erkenntnis zu kommen. Die Praktiken haben insofern schon ihren Wert. Es hätte auch nicht ausgereicht, wenn die alte Frau dem Mann erzählt hätte. Sie musste ihn an die Hand nehmen, er bereit ihr zu folgen. Sie musste ein Licht anzünden und dann konnte der alte Mann zu Erkenntnis kommen.
Genauso ist es gut, dass du rausfinden willst, was die Welt ist, dass du dich führen lässt, dass Du dafür sorgst, dass Licht in dein Leben tritt, du dich sattvig ernährst und ein sattviges Leben führst, dass du etwas für deine Gesundheit tust, dass du Asanas und Pranayama übst und meditierst.
Das alles führt zum Licht. Patanjali sagt im Yoga Sutra: „Pranayama nimmt den Schleier weg, der das Licht verhüllt.“

Also übe Asanas und Pranayama, mache eine sattvige Ernährung, studiere die Schriften. Aber sei dir bewusst, dass dies Mittel zum Zweck – kein Selbstzweck – sind. Die Praktiken führen nicht direkt zur Erleuchtung, aber sie helfen dir, dass du alles tun kannst, was dir zu Erleuchtung helfen wird.

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