Viveka Chudamani – Vers 6

Deutsche Übersetzung:

6. Auch wenn die heiligen Schriften rezitiert, die Götter angerufen und durch Rituale verehrt werden, gibt es – ohne die Erfahrung der Selbstverwirklichung – keine Befreiung für das Individuum, auch nicht innerhalb von 100 Lebensaltern Brahmas*.

Sanskrit Text:

vadantu śāstrāṇi yajantu devān
kurvantu karmāṇi bhajantu devatāḥ |
ātmaikya-bodhena vināpi muktiḥ |
na sidhyati brahma-śatāntare’pi || 6 ||

वदन्तु शास्त्राणि यजन्तु देवान्
कुर्वन्तु कर्माणि भजन्तु देवताः |
आत्मैक्यबोधेन विनापि मुक्तिः
न सिध्यति ब्रह्मशतान्तरे ऽपि || ६ ||

vadantu shastrani yajantu devan
kurvantu karmani bhajantu devatah |
atmaikya-bodhena vinapi muktih
na sidhyati brahma-shatantare’pi || 6 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vadantu : lass sie rezitieren („sie sollen hersagen“, vad)
  • śāstrāṇi : die gelehrten Schriften (Shastra)
  • yajantu : lass sie opfern („sie sollen opfern“, yaj)
  • devān : den Göttern (Deva)
  • kurvantu : lass sie ausführen („sie sollen ausführen“, kṛ)
  • karmāṇi : Opferrituale (Karman)
  • bhajantu : lass sie verehren („sie sollen verehren“, bhaj)
  • devatāḥ : die Gottheiten (Devata)
  • ātmaikya-bodhena : die Erkenntnis (Bodha) der Identität mit dem Selbst (Atmaikya)
  • vinā : ohne (Vina)
  • api : aber, doch (Api)
  • muktiḥ : Befreiung, Erlösung (Mukti)
  • na : nicht (Na)
  • sidhyati : gelingt (sidh)
  • brahma-śatāntare : innerhalb von einhundert (Shata) Lebensaltern („Perioden“, Antara) Brahmas*
  • api : selbst, auch (Api)     || 6 ||

*Anmerkung: Allein ein einziger „Tag“ Brahmas (1 Kalpa) entspricht 432 Millionen (nach anderen Angaben 4,32 Milliarden) Jahren menschlicher Zeitrechnung. Eine einzige „Nacht“ Brahmas dauert ebenso lange. Ein Tag und eine Nacht Brahmas entsprechen in der hinduistischen Kosmologie einem vollständigen Schöpfungszyklus des gesamten Universums und einer anschließenden Ruhephase im nichtmanifesten Zustand. Ein ganzes „Lebensalter“ Brahmas dauert somit eine unvorstellbar lange Zeit, in der das Universum sich in ständigem Wechsel entfaltet und wieder „auflöst“, was innerhalb eines „Jahres“ Brahmas allein 365 mal geschieht.

Kommentar

Shankaracharya erklärt im 6. Vers der Viveka Chudamani, dass Praktiken alleine nicht ausreichen. Vielmehr geht es um Selbstverwirklichung, Gottverwirklichung.
Spirituelle Dinge zu tun, ist gut, reicht aber nicht aus. Eine ähnliche Auseinandersetzung findet man zum Beispiel im Christentum. Dort wird die Frage betrachtet, wie man die Erlösung erreicht. Erfährt man die Erlösung durch ausreichenden Besuch des Gottesdienstes, Lesen der Bibel, Wiederholen des Vater Unsers oder durch das Praktizieren von ausreichend viel Nächstenliebe?

Die Theologen und Martin Luther verneinen dies, denn es reiche nicht aus, nur etwas zu tun. Martin Luther hätte gesagt, dass es die Gnade Gottes brauche.
Wie erfahren wir die Gnade Gottes? Die Antwort lautet: „Durch den Glauben.“
Wie kommen wir zum Glauben? Die Antwort lautet: „In dem wir die Schrift lesen.“

Alle Praktiken im Bhakti Yoga, im Yoga der Hingabe, sollen dazu beitragen, das Herz zu berühren, zu öffnen, Liebe zu erfahren. Und aus dieser Liebe heraus kommt die Erfahrung Gottes. Und aus der Erfahrung Gottes heraus, kommt die Gottverwirklichung.

Shankara vertritt kein Bhakti Yoga, sondern Vedanta, Jnana Yoga. Seiner Ansicht nach dienen die Praktiken zur Reinigung, Klärung des Geistes und das sich Lösen von Identifikationen, vom Ego. Die spirituellen Praktiken, wie zum Beispiel das Lesen der Schriften, Ausführen von Rituale, Verehrung Gottes, dienen demnach für den Geist zur Vorbereitung. Sie allein führen nicht zur Befreiung.
Sondern die Transformation des Bewusstseins ist die Grundlage für die Befreiung und führt zu „Atman Jnana“, zur Selbstverwirklichung, Gottverwirklichung.

Daraus ergibt sich die Aufforderung, nicht rein mechanisch zu praktizieren. Denn mechanisches Praktizieren reicht nicht aus. Leider sieht man das unter spirituellen Aspiranten, die ernsthaft praktizieren, oft. Sie praktizieren mechanisch, setzten sich hin für Meditation, üben Asanas, Pranayama, wiederholen Mantras, aber üben nicht diese Sehnsucht nach Befreiung, verbinden nicht wirklich das Herz, nicht wirklich das ganze Bewusstsein mit der Praxis.

Ich möchte Dich hiermit motivieren und an Dich appellieren, täglich zu meditieren, die Meditation mit Intensität, Konzentration, Hingabe zu praktizieren, Mantras mit Intensität, Konzentrationen, Hingabe zu wiederholen, Asanas und Pranayama mit Intensität, Konzentration, Hingabe und auch im Alltag Gott zu verehren und Dich dann zu fragen: „Wer bin ich? Was ist ewig? Was ist wirklich? Was ist wahres Glück?“.

Löse dich von Identifikation und erkenne mehr und mehr, wer du tatsächlich bist.

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