Viveka Chudamani – Vers 54

Deutsche Übersetzung:

54. Das Wesen der Absoluten Wirklichkeit muss man mit dem Auge wahrer Einsicht selber erfahren. Man kann es nicht durch den Bericht eines Gelehrten (pandita) verstehen. Die Schönheit des Mondes (chandra-svarupa) muss man mit eigenen Augen gesehen haben. Wie könnte man sie durch die Augen anderer sehen?

Sanskrit Text:

vastu-sva-rūpaṃ sphuṭa-bodha-cakṣuṣā
svenaiva vedyaṃ na tu paṇḍitena |
candra-svarūpaṃ nija-cakṣuṣaiva
jñātavyam anyair avagamyate kim || 54 ||

वस्तुस्वरूपं स्फुटबोधचक्षुषा
स्वेनैव वेद्यं न तु पण्डितेन |
चन्द्रस्वरूपं निजचक्षुषैव
ज्ञातव्यमन्यैरवगम्यते किम् || ५४ ||

vastu-sva-rupam sphuta-bodha-chaksusha
svenaiva vedyam na tu panditena |
chandra-svarupam nija-chaksushaiva
jnatavyam anyair avagamyate kim || 54 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vastu-sva-rūpam : das Wesen („die eigene Form“, Svarupa) eines Dinges (Vastu)
  • sphuṭa-bodha-cakṣuṣā : Auge (Chakshus) reiner (Sphuta) Erkenntnis (Bodha)
  • svena : durch das eigene (Sva)
  • eva : nur, allein (Eva)
  • vedyam : muss erkannt werden (Vedya)
  • na : nicht (Na)
  • tu : aber, jedoch (Tu)
  • paṇḍitena : durch einen Gelehrten (Pandita)
  • candra-svarūpam : das Wesen (Svarupa) des Mondes (Chandra)
  • nija-cakṣuṣā : durch das eigene (Nija) Auge (Chakshus)
  • eva : nur, allein
  • jñātavyam : muss erkannt werden (Jnatavya)
  • anyaiḥ : von anderen (Anya)
  • avagamyate : kann es erkannt werden (ava + gam)
  • kim : etwa („was?“, Kim)     || 54 ||

Kommentar

Hier fordert uns Shankara auf: „Verwirkliche das Selbst und verwirkliche das Selbst selbst.“

Hoffe nicht darauf, dass ein Meister für dich die Arbeit übernimmt. Shankara sagte zwar ein paar Verse vorher, dass ein Meister voller Mitgefühl sei und dir auf dem spirituellen Weg helfen möchte. Er kann dir Gnade erweisen, Segen und Energie geben und dir helfen, Einsicht zu bekommen. Aber du selbst musst den Weg gehen. Vertraue nicht darauf, dass andere den Weg für dich gehen. Du musst selbst gehen. Ebenso müssen deine Familienangehörigen letztlich selbst spirituell wachsen und ihr Wachstum liegt nicht in deiner Verantwortung. Genauso deine Schüler und Schülerinnen – Wenn du Yogalehrer oder Yogalehrerin bist, kannst du ihnen Inspiration schenken, aber den Weg müssen sie selbst gehen.

In Indien sowie in anderen Religionen gibt es manchmal die Aussage, dass die Meister einiges für dich tun. In Indien gibt es auch die Tradition, in denen der Meister plötzlich dafür bezahlt wird, etwas für andere zu tun.
Im Jahre 1981 oder 1982 wurde ich zusammen mit anderen aus dem Yogazentrum in das Haus eines indischen Kaufmanns in München eingeladen. Dort haben wir Mantras gesungen und zusammen mit dem Kaufmann meditiert. Im Haus war auch ein Swami, ein kleiner, unscheinbarer, älterer Mann mit orangefarbener Kleidung. Auf mein Nachfragen bekam ich die Information, dass er der Haus-Swami war. Er kam aus Indien und wurde von dieser indischen Kaufmannsfamilie dafür bezahlt, dass er für Sie meditiert. Sie seien zwar spirituell, aber hätten selber zu wenig Zeit dafür, und gäben dem Swami das, was er braucht. Somit meditiere er jeden Tag mehrere Stunden, rezitiere die Mantras und das helfe der Kaufmannsfamilie spirituell. Zudem kümmere er sich ein bisschen um die Kinder, spiele mit ihnen und gebe dem Älteren auch eine spirituelle Unterweisung.
Das fand ich sehr lustig. Ein solcher Swami verbreitet natürlich schöne angenehme Schwingung und hilft bei der Erziehung der Kinder.
Vielleicht ist die eigene Praxis dem Kaufmannsehepaar ein Dorn im Auge. Der Swami wird selbstverständlich nicht dazu führen, dass die beiden zu Erleuchtung hinkommen. Jeder muss den Weg zur Erleuchtung selbst gehen.

Das findet man ebenso im Katholizismus. Zum Beispiel gibt es dort die Aussage, dass man von den Verdiensten der Heiligen profitiert. Wenn du die Heiligen verehrst, dann öffnest du natürlich dein Herz, Bhakti, und führt dazu, dass du die Gnade Gottes erfährst.
Die evangelischen Christen glauben, dass Jesus für die Vergebung der Sünden gestorben ist.
Die Kreuzigung Jesus bedeutet aber nicht, dass alle Gläubigen darüber erlöst sind. Sie müssen daran glauben, Gottesliebe entwickeln, damit sie die Gnade durchdringt.
Der Gottesverehrer selbst muss selbstständig etwas tun – mindestens die Schriften lesen, Glauben haben, spirituell praktizieren, Gottesliebe entwickeln. Diese Gottesliebe zieht die Gnade Gottes an.

Ein „Brahmavidya Guru“ – „ein Lehrer, der die Weisheit über Brahman hat“, kann dir helfen, dich inspirieren, dir Segen vermitteln, hat eine Ausstrahlung, aber du muss selbst die richtigen Fragen stellen, analysieren, meditieren und wirst dadurch die höchste Weisheit finden. Suche die richtige Weisheit, aber schiebe nicht deinen Mangel an spirituellen Wissen auf andere.

Überlege, ob du in letzter Zeit andere für deinen spirituellen Fortschritt verantwortlich gemacht hast – Umstände, Menschen, Lehrer, Familie, was auch immer.

Höre auf damit. Du selbst bist verantwortlich für deinen spirituellen Fortschritt. Gnade ist da, aber du musst dich dafür öffnen. Spiritueller Fortschritt ist letztlich das Zusammenspiel aus eigener Anstrengung, Gnade des Gurus und Gnade Gottes. Die Gnade Gottes und die Gnade des Gurus sind in jedem Fall da. Es liegt an dir, dich mit eigener Anstrengung zu bemühen.

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