Viveka Chudamani – Vers 33

Deutsche Übersetzung:

33. Der Meister versteht die Schriften, ist frei von Sünden, nicht von Wünschen/ Begierden geplagt, ein wahrer Kenner der Absoluten Wirklichkeit (brahmavid). Er ruht in der höchsten Wahrheit, gütig und still wie eim Feuer ohne Brennholz, wie ein Meer bedingungsloser Barmherzigkeit/ Güte, ist ein Freund jener Aufrichtigen, die sich ihm anvertrauen.

Sanskrit Text:

śrotriyo’vṛjino’kāma-hato yo brahma-vittamaḥ |
brahmaṇy uparataḥ śānto nirindhana ivānalaḥ |
ahetuka-dayā-sindhur bandhur ānamatāṃ satām || 33 ||

श्रोत्रियो ऽवृजिनो ऽकामहतो यो ब्रह्मवित्तमः |
ब्रह्मण्युपरतः शान्तो निरिन्धन इवानलः |
अहेतुकदयासिन्धुर्बन्धुरानमतां सताम् || ३३ ||

shrotriyo’vrijino’kama-hato yo brahma-vittamah |
brahmany uparatah shanto nirindhana ivanalah |
ahetuka-daya-sindhur bandhur anamatam satam || 33 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śrotriyaḥ : gelehrt, mit den Veden vertraut (Shrotriya)
  • avṛjinaḥ : nicht trügerisch, ohne Hinterlist (Avrijina)
  • akāma-hataḥ : frei von Begierden (Akamahata)
  • yaḥ : einer, der (Yad)
  • brahma-vit-tamaḥ : ein vorzüglicher („bester“, -tama) unter den Kennern des Absoluten (Brahmavid)
  • brahmaṇi : im Absoluten (Brahman)
  • uparataḥ : verschwunden (Uparata)
  • śāntaḥ : innerlich still, friedvoll (Shanta)
  • nirindhanaḥ : das durch keinen Brennstoff mehr genährt wird (Nirindhana)
  • iva: wie (Iva)
  • analaḥ : ein Feuer (Anala)
  • ahetuka-dayā-sindhuḥ : ein Ozean (Sindhu) grundlosen (Ahetuka) Mitgefühls (Daya)
  • bandhuḥ : ein Freund (Bandhu)
  • ānamatām : der sich ihm zuneigenden (ā + nam)
  • satām : Aufrichtigen („Guten“, Sat)     || 33 ||

Kommentar

Mit dem 33. Vers beginnt der zweite Teil des Viveka Chudamani und der vorherige Vers 32 kann als Übergang betrachtet werden. Die ersten 32 Verse beschreiben die Grundlagen und beantworteten die Fragen: „Wer ist bereit, höchstes Wissen zu empfangen, welche Voraussetzungen sollst du entwickeln, welche Eigenschaften kultivieren, um von den Lehrern des Jnana Yoga, des Vedanta zu profitieren?“

Im zweiten Teil wird die Frage betrachtet: „Welche Eigenschaften muss ein Lehrer haben, damit du zu ihm gehen kannst?“

Es gibt natürlich nicht nur große, sondern auch scheinheilige Lehrer. Daher ist für einen Schüler auch wichtig zu einem richtigen Lehrer zu gehen, der die Schriften versteht, „śrotriya“.
Die Schriften sind wichtig. Wenn du im Vedanta zu einem Lehrer gehst, der dich unterrichten soll, damit du auf dem Weg des Vedanta voranschreitest, dann sollte der Meister die Schriften kennen.
Du kannst dies prüfen und den Meister fragen, ob er die Bhagavad Gita, die Upanishaden, Brahma Sutra, die Schriften von Shankaracharya kennt. Das ist das Mindeste, was ein Meister des Vedantas kennen sollte.
Falls er diese Schriften nicht kennt, scheint er nicht sehr geeignet zu sein für Vedanta Unterricht.

Als zweite Eigenschaft eines Lehrers steht im 33. Vers „frei von Sünden“.
Was bedeutet „frei von Sünden“? – avṛjinaḥ bedeutet eigentlich nicht „frei von Sünden“, sondern „ohne Hinterlist“. Der Meister ist nicht trügerisch, kein Scheinheiliger. Er verlangt nicht das von anderen, was er nicht von sich verlangt. Er gibt nicht vor zu sein, was er nicht ist.
Angenommen du hörst von einem Swami, dass er alle möglichen, komischen Dinge tut. Dann stimmt etwas nicht. Prüfe daher, bevor du bei einem Meister viel lernst.
Je höher der Anspruch des Meisters ist, umso perfekter muss er selbst sein. Wenn ein Meister sagt, dass er auch noch auf dem spirituellen Weg ist, wirst du ihm eher Fehler verzeihen können.
Sei vor allem ein bisschen vorsichtiger bei jemanden, von dem gesagt wird, dass er die Gottverwirklichung erreicht hat. Wenn du keinen selbstverwirklichen Meister findest, dann gehe wenigstens zu jemanden, der offen ist und nicht vorgibt verwirklicht zu sein.

Das dritte Charakteristikum ist „akamahatha“ und bedeutet übersetzt „jemand, der frei ist von Begierden“. Natürlich hat jeder Mensch bestimmte Wünsche. Das gehört zum Menschsein dazu und geht damit einher, dass man einen Körper hat.
Auch die großen Gottverwirklichten Meister wie Ramakrishna oder Ramana Maharishi hatten ihre Lieblingsspeise.
Allerdings waren sie nicht daran verhaftet. Wenn du ein Meister hast, der gänzlich aus dem Gleichgewicht kommt, nur weil er nicht bekommt, was er gerne hätte, lässt vermuten, dass etwas nicht stimmt.
„akamahatha“ – „Jemand, der zwar vielleicht die eine oder andere Begierde hat, aber nicht von seinen Begierden beherrscht wird und sich davon frei machen kann“.

Exkurs: Erzählung über Swami Vishnu – „akamahatha“

Mitte der 80er Jahre habe ich einen Yogazentrum in Paris geleitet und mein Meister Swami Vishnu kam dort zu Besuch. Auf meine Frage, ob man etwas Besonderes für den Meister tun könnte, antwortete seine Assistentin, dass er gerne Idli und Papadam und außerdem Pakora und Masala Dosa mag.
Ich kannte diese indische Gerichte nicht und auch kein anderer im Zentrum wusste etwas dazu. Der Meister will es, also mussten wir es besorgen und sind sogar zu einem indischen Restaurant gegangen. Dort wurde uns gesagt, dass diese Gerichte südindisch klingen würden und sie nicht weiterhelfen könnten.
Damals gab es noch kein Internet, nur Gelbe Seiten und in Paris gab es nur nordindische Restaurants. Schließlich gelang es uns, doch jemanden aus Südindien zu finden, welcher mit großer Hingabe das Essen für den großartigen Swami Vishnu gekocht. Als der Meister kam, waren wir ganz stolz, dass wir das großartige Essen organisiert hatten. Als Swami Vishnu das Essen sah, lachte er und sagte: „Ich bin sehr glücklich, dass ihr mir dieses Essen zubereitet habt. Ich liebe dieses Essen. Kennt ihr dieses Gericht?“ Wir antworteten, dass wir dieses Essen nicht kennen würden und noch nie gegessen hätten. Daraufhin meinte Swami Vishnu: „Ihr müsst alle etwas haben.“
Danach hat er alles an uns verteilt und uns fast gedrängt, dass wir es essen müssten.
Für ihn selbst blieben anschließend nur noch ein halber Egli und eine kleine Ecke Masala Dosa übrig. Es bereitete ihm so viel Freude, dass er uns das Essen anbieten konnte.
Dadurch merkten wir, dass er das Essen zwar liebte, aber nicht verhaftet war. Es bereitete ihm mehr Freude, sein Essen an andere zu verteilen, als es selbst zu verzehren. Das ist ein Beispiel dafür, dass ein Meister Wünsche haben mag, aber nicht daran verhaftet ist. Und im Zweifelsfall macht es ihm mehr Freude, andere glücklich zu machen, als selbst das zu bekommen, was er will.

Weiter sagt Shankara im 33. Vers „brahmavittamaḥ“ – „tamaḥ“ heißt übersetzt „der Beste“. In „brahmavittamaḥ“ beinhaltet „utamah“, „der Beste“.
Er ist der Beste unter den Kennern des Absoluten. Dieses Charakteristikum können wir zunächst nicht beurteilen. Du musst selber Meister sein, um einen anderen beurteilen zu können. Prüfe, ob derjenige, den du als ein Meister ansiehst, über Brahman spricht und darüber etwas weiß und nicht nur verwirklicht ist, sondern auch logisch erklären kann.
Er ist „brahmaṇy uparataḥ“ – „im Absoluten verschwunden, er ist im Brahman“.
Er kann in der Meditation tief gehen und die Einheit mit Brahman erfahren.
Er ist „śānta“ – „innerlich still und friedvoll“.
Das wirst du auch in seiner Gegenwart bemerken. Große Meister strahlenden Frieden aus. In ihrer Gegenwart erfährst du tiefen Frieden.
„nirindhana“ – „Er wird durch keinen Brennstoff genährt“. „ivānalaḥ“ – „und er ist trotzdem wie ein Feuer“. Ein Meister strahlt Energie, Licht, Liebe aus, ohne dass man ihm Liebe schenken muss. Ein großer Meister ist jemand, der Liebe, Energie, Feuer ausstrahlt, aber dafür nichts braucht. Du selbst brauchst vielleicht Liebe von anderen, um Liebe zu geben, und musst vielleicht etwas dafür tun. Ein Meister leuchtet aus sich selbst und braucht keinen Brennstoff.

Er ist „ahetukadayāsindhur“ – „ein Ozean von grundlosem Mitgefühl“.
Ein Meister strahlt Liebe und Mitgefühl aus. Er braucht nichts, er strahlt es einfach aus. Somit kannst du auch dieses Mitgefühl erfahren und ausstrahlen.
„bandhur ānamatāṁ satām“ – Der Meister ist ein Freund, „ ein bandhu“, für jeden Aufrichtigen, der sich ihm zuneigt, „ānamatāṁ satām“.
Ein Meister ist selbstverständlich ein Freund für alle und nicht nur der Freund von denjenigen, die sich ihm zuwenden. Wer sich dem Meister zuwendet, spürt in ihm einen Freund.

Das wurde mir immer bewusst, wenn ich mit großen Meistern zusammen war. Zunächst hatte ich große Hochachtung und war schüchtern, befangen. Sowie ich begann mit ihnen zu sprechen, fühlte ich mich ihnen immer sehr nahe. Es brauchte nicht viel, nur ein paar Worte, und ich fühlte mich vollständig angenommen. Der Meister ist der Freund von allen. Als solchen kannst du ihn spüren.

Zusammenfassung
Wenn du also einen Meister suchst, dann suche einen, der mit den Veden, Upanishaden, Bhagavad Gita usw. vertraut ist und die Schriften des Yogaweges kennt, den er lehrt, „śrotriya“.

Zudem sollte der Meister nicht trügerisch sein, sondern ethisch sein. Prüfe das.

Er sollte frei von Begierden und Wünschen und nicht von ihnen beherrscht sein – „akamahatha“.

Er sollte eine Ruhe, Friedfertigkeit und Energie ausstrahlen – „brahmaṇy uparataḥ śānto nirindhana ivānalaḥ“.

Und du solltest das Gefühl haben, mit ihm wie mit einem Freund verbunden zu sein – „bandhur ānamatāṁ satām“.

Das sind die Eigenschaften eines Meisters, von dem du lernen kannst.

Abschluss
Das Viveka Chudamani ist der Grundtext für unsere Yogalehrer-Ausbildung bei Yoga Vidya. Alle spirituellen Themen in der Yogalehrer-Ausbildung sind durch Viveka Chudamani inspiriert. Viveka Chudamani studieren wir meistens im September im Rahmen einer 9- tägigen Yogalehrer-Weiterbildung bei Yoga Vidya Bad Meinberg.

Viveka Chudamani wird oft in einigen Büchern unter dem Ausdruck Kronjuwel der Unterscheidung erwähnt. Auf unserer Internetseite www.yoga-vidya.de findest du das vollständige Viveka Chudamani mit Sanskrit Text, Devanagari, Umschrift, mit deutscher, Wort- für- Wort Übersetzung, Kommentar in Audio-, Video. Und Textformat. Damit kannst du Viveka Chudamani in der Tiefe studieren.

Um die Viveka Chudamani zu verstehen, ist ein systematisches Studium von Vedanta hilfreich. Bei Yoga Vidya haben wir eine Reihe von Seminaren zum Thema Vedanta. Wenn du auf unsere Internetseiten gehst und dort nach Vedanta Seminare suchst, wirst du fündig werden. Wenn Yoga ganz neu für dich ist, ist das Yoga-Meditation-Einführung-Seminar ein gutes Seminar oder die Yoga-Ferienwoche und im Anschluss ein Vedanta-Seminar, danach die Yogalehrer-Ausbildung und die Yogalehrer-Weiterbildung auf dem Gebiet des Vedanta, und vielleicht sogar die Vedanta-Kursleiterausbildung bei www.yoga-vidya.de

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