Viveka Chudamani – Vers 313

Deutsche Übersetzung:

313. Wenn sich die Anlagen und Triebe entfalten, entwickeln sich die Wirkungen. Und wenn sich die Wirkungen entfalten, entwickeln sich stets auch die Anlagen und Triebe. So hört für den Menschen der Kreislauf von Geburt und Tod nie auf.

Sanskrit Text:

vāsanā-vṛddhitaḥ kāryaṃ kārya-vṛddhyā ca vāsanā |
vardhate sarvathā puṃsaḥ saṃsāro na nivartate || 313 ||

वासनावृद्धितः कार्यं कार्यवृद्ध्या च वासना |
वर्धते सर्वथा पुंसः संसारो न निवर्तते || ३१३ ||

vasana-vriddhitah karyam karya-vriddhya cha vasana |
vardhate sarvatha pumsah samsaro na nivartate || 313 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vāsanā-vṛddhitaḥ : aufgrund der Stärkung (Vriddhi) eines geistigen Eindrucks, Verlangens (Vasana)
  • kāryam : eine Wirkung (Karya)
  • kārya-vṛddhyā : durch das Gedeihen (Vriddhi) einer Wirkung (Karya)
  • ca : und (Cha)
  • vāsanā : ein geistiger Eindruck, Verlangen (Vasana)
  • vardhate : wächst, gedeiht (vṛdh)
  • sarvathā : in beiden Fällen („jedenfalls“, Sarvatha)
  • puṃsaḥ : des Menschen (Pums)
  • saṃsāraḥ : der Daseinswandel (Samsara)
  • na : nicht (Na)
  • nivartate : hört auf (ni + vṛt)     || 313 ||

Kommentar

Ursache und Wirkungen – hier spricht Shankara besonders über die Verhaftungen, die Identifikationen und die Emotionalität. Erinnerst du dich?
Der erste Schritt von allen Problemen ist Avidya. Du hast vergessen, wer du wirklich bist.
Der zweite Schritt ist Asmita, du identifizierst dich. Du identifizierst dich mit deinem Körper, deiner Psyche, deinen Vorstellungen, mit deinen Wünschen, deinen Anteilen usw. Daraus entstehen dann Raga und Dvesha, Mögen und Nichtmögen, und daraus wiederum entsteht Abhinivesha in einem engeren Sinn die Furcht vor dem Vergehen. In einem weiteren Sinne die starke Emotionalität. Letztlich entstehen aus Wünschen und Abneigungen die Grundemotionen, Angst, Ärger und Niedergeschlagenheit. All das könnte man zu Abhinivesha hinzufügen.
Nehmen wir mal an, dass du dich ärgerst. Du könntest jetzt überlegen, über was du dich ärgerst. Du kannst dich zum Beispiel darüber ärgern, dass dein Partner oder deine Partnerin unordentlich ist. Er oder sie lässt Socken herumliegen. Er oder sie räumt das Geschirr nicht auf. Er oder sie putzt das Badezimmer nicht, nutzt die falsche Zahnbürste, macht Stapel von Zeitschriften irgendwo auf einer der Badezimmerschränke usw. Du kannst dich darüber aufregen oder du kannst mit deinem Partner, deiner Partnerin darüber sprechen, ihr könnt Vereinbarungen treffen usw. Du könntest aber auch überlegen, welche Identifikation dahinter steckt. Vielleicht steckt die Identifikation mit der Vorstellung „Man muss ordentlich sein“ dahinter. Oder auch mit einem bestimmten Aspekt deiner Psyche, die sogenannte Ordnung. Es gibt ja in der westlichen Psychologie das Konzept der Big Five, die fünf Persönlichkeitsfaktoren und einer davon ist Ordentlichkeit. Du identifizierst dich jetzt mit diesem Aspekt der Ordentlichkeit und damit auch mit der Vorstellung, dass alle ordentlich sein müssen. Indem du diese Vorstellung hast, entstehen entsprechende Probleme. Von daher würdest du sagen: „Okay, da muss ich etwas tun. Ich sollte mich damit weniger identifizieren.“ Und dann gibt es zwei Möglichkeiten.

Die eine Möglichkeit wäre, dass du die Identifikation und Unwissenheit überwindest. Du würdest dir bewusst machen, dass du das unsterbliche Selbst bist und du auch im Selbst deines Partners bist. Ich bin überall. Und ob etwas ordentlich oder unordentlich ist, ist nicht weiter relevant. In dem Moment, wo du dich über die Unordentlichkeit aufregst, kannst du dich ausdehnen, deine Bewusstheit ausdehnen und sagen, dass du das unsterbliche Selbst bist. Anstatt in die Emotion hineinzugehen, gehst du in die Bewusstheit des Unendlichen. Und wenn du deinen Partner siehst, über den du dich aufregst, dann kannst du Herzensverbindung herstellen und die Einheit spüren.

Die zweite Möglichkeit wäre, dass du dir bewusst bist, dass du zu Ärger und besonders zu ungerechtfertigtem Ärger neigst. Dann kannst du dir vornehmen, um zu hohem Wissen zu kommen, sollte ich die Ärgerlichkeit überwinden. Und um diese zu überwinden wirst du dich darum kümmern, dass du bewusst sagst, ich will Gelassenheit entwickeln. Du machst den festen Vorsatz dich innerhalb eines Monats nicht mehr aufregen zu wollen über die Unordnung, die dein Partner macht. Du wirst es einen Monat lang aushalten, wenn da mal Socken rumliegen, Bücher im Badezimmer liegen oder anders. Ignoriere es einen Monat und übe Gleichmut. Du wirst feststellen, dass danach weniger Identifikation ist.

Warum überwindest du diesen Ärger? Um zum Wissen, zur Glückseligkeit zu kommen. Sei dir daher bewusst, dass es gut ist, wenn Menschen dich ärgerlich machen. Da ist deine Identifikation und Shankara sagt eben, das du entweder an der Ursache oder der Wirkung beginnen sollst. Oder mache beides gleichzeitig. Überwinde Identifikation und erfahre, dass du das unsterbliche Selbst bist, und arbeite auch daran, dass du dich nicht mehr aufregst. Beides gehört zusammen.

Jetzt kannst du überlegen, ob dieses Beispiel das Richtige für dich ist. Ob du dich über die Unordentlichkeit deines Partners aufregst oder gibt es ein anderes Beispiel, über das du dich aufregst?
Es kann ja auch sein, dass du dich darüber aufregst, dass dein Nachbar seinen Hund frei rumlaufen lässt oder vieles anderes. Und dann nimm dir fest vor, dass du diesen einen konkreten Ärger überwinden willst. Dazu werde ich mir das vornehmen. Und ich werde es von zwei Seiten angehen. Zum einen über Nichtidentifikation und zum anderen bewusstes „daran Arbeiten“ den konkreten Ärger zu transformieren in Gelassenheit, Toleranz und Ruhe.

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