Viveka Chudamani – Vers 31

Deutsche Übersetzung:

31. Unter den vielen Wegen, die zur Befreiung führen, ist bhakti (Hingabe) das wichtigste. Liebevolle Hingabe an Gott (bhakti) bedeutet, unablässig über das wahre Selbst/wahre Natur (svarupa) zu meditieren.

Sanskrit Text:

mokṣa-kāraṇa-sāmagryāṃ bhaktir eva garīyasī |
sva-sva-rūpānusandhānaṃ bhaktir ity abhidhīyate || 31 ||

मोक्षकारणसामग्र्यां भक्तिरेव गरीयसी |
स्वस्वरूपानुसन्धानं भक्तिरित्यभिधीयते || ३१ ||

moksha-karana-samagryam bhaktir eva gariyasi |
sva-sva-rupanusandhanam bhaktir ity abhidhiyate || 31 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • mokṣa-kāraṇa-sāmagryām : aus der Gesamtheit (Samagri) der Ursachen (Karana) für die Erlösung (Moksha)
  • bhaktiḥ : Hingabe (Bhakti)
  • eva : gewiss (Eva)
  • garīyasī : (ist) die bedeutendste (Gariyams)
  • sva-sva-rūpānusandhānam : das Erforschen („Richten der Aufmerksamkeit“, Anusandhana) der eigenen (Sva) Wesensnatur (Svarupa)
  • bhaktiḥ : Hingabe
  • iti : so (Iti)
  • abhidhīyate : wird genannt (abhi + dhā)     || 31 ||

Kommentar

Im Viveka Chudamani wird vor allen Dingen Jnana Yoga propagiert, die Selbsterkenntnis. Shankara wußte selber nach Jahren der Praxis im Unterrichten seiner Schule Schüler, dass auch Bhakti sehr hilfreich ist, und kam zu einem ähnlichen Entschluss wie Patanjali.

Patanjali schreibt im Yoga Sutra über die verschiedenen Wege zur Erleuchtung und betont, dass „Ishvara pranidhana“ schnell zur Erleuchtung führt.
Jeder, der sich mit Spiritualität beschäftigt, weiß und erfährt, dass die Hingabe, Liebe zu Gott ein sehr machtvolles Mittel ist, um die Erleuchtung zu erlangen.
Shankaracharya vertrat im Gegensatz zu vielen seiner Anhänger, die ausschließlich Jnana Yoga als Weg der Erkenntnis fokussierten, die Ansicht, dass es viele Wege zur Erleuchtung gibt.

Es gibt viele Wege zur Erleuchtung: Shankara sagt: „mokśhakāraṇasāmagryāṁ“. Das bedeutet übersetzt „aus der Gesamtheit der Ursachen, „sāmagry“, für die Befreiung, „mokśhakāraṇa“.

Es gibt viele Wege und mögliche Ursachen zur Gottverwirklichung, wovon „bhaktir eva garīyasī“ am bedeutendsten ist. Die Hingabe an Gott ist mit der wichtigste, bedeutendste Weg zur höchsten Erleuchtung.

In der zweiten Hälfte des 31. Verses wird Bhakti als das Erforschen der eigenen Wesensnatur benannt. Das kann auf zwei Weisen interpretiert werden. Nach der klassischen Interpretation der Vedantis bedeutet Bhakti mit Mitgefühl und Hingabe herauszufinden: „Wer bin ich?“.
Im Rahmen der anderen Interpretation führt die Selbst-Hingabe an Gott auch zur Erkenntnis. Das bedeutet, wenn wir uns voller Hingabe an Gott wenden, werden wir das höchste Selbst erfahren.

Liebe zu Gott führt auch zur Selbsterkenntnis. Oder im Sinne der OM- Interpretation – Wir können uns mit höchster Hingabe der Erforschung des Selbst widmen. Das ist ebenfalls die Gottes Hingabe.

Wie können wir Gott dienen? – Mit großer Hingabe, wodurch wir das höchste Selbst erfahren. Zudem können wir mit großer Hingabe und Intensität unsere Aufmerksamkeit auf das höchste Selbst richten, was ebenfalls als Bhakti verstanden wird.

Was heißt es, unsere Aufmerksamkeit auf das höchste Selbst zu richten? – Sich bewusst sein, dass hinter allem die eine höchste Wirklichkeit steht. Es gibt ein einziges „Atman“, ein Selbst.

Wenn wir in die Natur gehen und unsere Aufmerksamkeit auf die Schönheit des Himmels und der Bäume richten, spüren wird dort das Wirken des Selbst. Wenn wir uns einem Menschen zuwenden, können wir uns bewusst machen, dass in seinem Herzen das gleiche Göttliche existiert. Wenn wir Schönheit wahrnehmen, wissen wir, dass dahinter ebenfalls das gleiche Göttliche steckt.
Selbst wenn wir tief in uns selbst hinein spüren, finden wir auch dort das gleiche Göttliche.

Zwischen der Erforschung des Selbst und Bhakti, die Hingabe, besteht kein Unterschied. Sie sind Eins.
Nimm das als Anlass an diesem oder nächsten Tag oder heute, je nachdem, ob du diese Hörsendung morgens, mittags oder kurz vorm Schlafengehen anhörst, hinter allem das gleiche Selbst zu sehen. Verinnerliche dir: „Ich will das Selbst tief in mir, in jedem einzelnen Menschen, als Wirkungsgrund für alles sehen. Ich will mich Gott ganz hingeben und das Göttliche überall sehen.“

In einem Vers der Shankaracharya Strotram heißt es „Ishvaro gururaatmeti muurtibheda vibhaagine“. Das bedeutet übersetzt „Gott selbst und Guru sind alle Verkörperungen des gleichen Prinzip. Sie sind nicht unterschiedlich.“

Übe Bhakti, die Hingabe an Gott, in dem Bewusstsein, dass Gott dein höchstes Selbst ist. Gott ist das Selbst in allen Wesen und das Selbst hinter dem ganzen Universum.

Der Körper hat Zellen. Jeder Zelle ist wie ein Einzelwesen. Der Körper hat Organe. Jedes Organ besteht aus Einzelzellen, die Einzelwesen sind. Jedes Organ hat eine eigene Bewusstheit und ist ein eigenes Lebewesen. Der Körper ist als Ganzes ein ganzes Lebewesen.

Aber das Bewusstsein in jeder einzelnen Zelle ist gleichzeitig auch das Bewusstsein hinter jedem Organ, von dem die Zelle ein Teil ist. Und das Bewusstsein hinter jeder Zelle ist gleichzeitig das Bewusstsein hinter dem ganzen Körper.

Die Zelle kann in sich hinein schauen und sagen „Aham Brahmasmi“ – „Ich dieses Brahman“. Die Zelle kann jede andere Zelle anschauen und sagen „Tat Twam Asi“ – „Das bist auch du.“ Und die Zelle kann sagen: „Das Bewusstsein in deinem ganzen Körper ist mein eigenes Selbst. Ayam Atma Brahman.“ – „Dieses Selbst ist Brahman oder Brahman ist das Selbst.“

Gleichermaßen kannst du auch sagen: „In mir selbst ist dieses Göttliche. In jedem Gegenüber ist das Göttliche. Hinter der ganzen Natur ist das Göttliche.“

Es existiert ein Bewusstsein hinter dem gesamten Universum. Dieses Bewusstsein ist auch das Bewusstsein hinter jedem Teil des Universums. Jede Einzelseele ist eins mit dem Kosmischen: „Ayam Atma Brahman.“ – „Dieses Selbst ist eins mit Brahman.“ Oder „Jivo Brahaivanaparah“ – „Meine individuelle Seele ist nichts anderes als die kosmische Seele.“
Die individuelle Seele meines Gegenübers ist das Gleiche wie die kosmische Seele. Habe große Hingabe an das Göttliche überall und im Bewusstsein, dass alles ein einziges Selbst ist. Erforsche das Selbst mit großer Hingabe.

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