Viveka Chudamani – Vers 293

Deutsche Übersetzung:

293. Die Welt ist ihrem ganzen Wesen nach eine Täuschung. Und auch das Ego ist unwirklich, weil es vergänglich ist. Wie kann dann das kleine vergängliche Ich auf den Gedanken kommen, es wisse alles?

Sanskrit Text:

sarvātmanā dṛśyam idaṃ mṛṣaiva
naivāham arthaḥ kṣaṇikatva-darśanāt |
jānāmy ahaṃ sarvam iti pratītiḥ
kuto’ham-ādeḥ kṣaṇikasya sidhyet || 293 ||

सर्वात्मना दृश्यमिदं मृषैव
नैवाहमर्थः क्षणिकत्वदर्शनात् |
जानाम्यहं सर्वमिति प्रतीतिः
कुतो ऽहमादेः क्षणिकस्य सिध्येत् || २९३ ||

sarvatmana drishyam idam mrishaiva
naivaham arthah kshanikatva-darshanat |
janamy aham sarvam iti pratitih
kuto’ham-adeh kshanikasya sidhyet || 293 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • sarvātmanā : (ist) vollkommen (Sarvatmana)
  • dṛśyam : wahrnehmbare Universum (Drishya)
  • idam : dieses (Idam)
  • mṛṣā : unwirklich (Mithya)
  • eva : gewiss (Eva)
  • na : nicht (Na)
  • eva : ebenso (Eva)
  • aham : das Ego (Aham)
  • arthaḥ : (ist) ein (reales) Ding (Artha)
  • kṣaṇikatva-darśanāt : weil es sich unstet („augenblicksweise“, Kshanika) zeigt (Darshana)
  • jānāmi : weiß, erkenne (jñā)
  • aham : ich (Aham)
  • sarvam : alles (Sarva)
  • iti : des Inhalts („so“, Iti)
  • pratītiḥ : die Vorstellung (Pratiti)
  • kutaḥ : wie (Kutas)
  • aham-ādeḥ : Egos (Aham) usw. (Adi)
  • kṣaṇikasya : des momenthaften (Kshanika)
  • sidhyet : könnte zutreffen (sidh)     || 293 ||

Kommentar

Ist es dir schon mal so gegangen, dass du bemerkst, dass du auf etwas sehr stolz bist? Du merkst, dass das Ego besonders stark ist, dass eine Einbildung besonders stark ist. Vielleicht hast du gerade eine Yogastunde gegeben und die Teilnehmer haben dich sehr gelobt? Vielleicht hat dein Chef dir eine besondere Anerkennung gegeben. Vielleicht warst du derjenige, der am meisten Kunden geworben hat? Vielleicht ist es dir gelungen andere mit einem Vortrag zu begeistern?
Wie gehst du damit um?

Hören wir, was Shankara im 293. Vers schreibt: „Die Welt ist ihrem ganzen Wesen nach eine Täuschung. Und auch das Ego ist unwirklich, weil es vergänglich ist. Wie kann dann das kleine vergängliche Ich auf den Gedanken kommen, es wisse alles?“

Die Welt ist eine Täuschung. Ob Menschen dich loben oder tadeln ist alles eine Täuschung. Es ist wie ein großes Impro-Theater, wie ein großer Traum. Es spielt nicht die große Rolle. Sei dir dessen bewusst. Du spielst eine Rolle. Du spielst eine wichtige Rolle im kosmischen Drama. Du bist das unsterbliche Selbst.
Du hast jetzt ein Ego und das identifiziert sich mit Etwas. Ich hatte ja schon davon gesprochen, dass die Weise, wie wir in Probleme kommen, damit beginnt, dass du vergisst, wer du wirklich bist (avidya). Dann folgt Asmita (d.h. Identifikation). Aus Asmita kommen Raga und Dvesha (Mögen und Nichtmögen) und schließlich die Angst vor dem Vergehen (Abhinivesha).
Das Ego selbst merkt, dass es auf schwachen Beinen steht. Intuitiv weißt du, dass du nicht das bist, womit du dich identifizierst. Deshalb strebst du danach, dass andere dich als solches anerkennen, dass andere dich loben, dass andere dich für das anerkennen für das, womit du dich identifizierst. Und dann freust du dich natürlich über Lob und Anerkennung. Das bestätigt dich, aber es bestätigt die Identifikation. Sei dir bewusst, dass alles nur eine Täuschung ist. Das Ego ist vergänglich. Das kleine Ich weiß nicht alles. Es weiß nur Begrenztes und es wird immer jemanden geben, der auf begrenzte Weise mehr weiß als du oder weniger weiß als du. Jemand, der besser ist als du und jemand, der schlechter ist als du. Die Vergleiche bringen dich nicht weiter. Das Ego vergleicht, versucht besser zu sein als andere oder mindestens ausreichend gut. Das Ego hat Angst davor, nicht ausreichend gut zu sein. Aber du bist das unsterbliche Selbst. Du bist nicht das Ego. Du bist Sat-Chid-Ananda. Sei dir dessen bewusst und lebe daraus.

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