Viveka Chudamani – Vers 21

Deutsche Übersetzung:

21. Vairagya ist Leidenschaftslosigkeit, Wunschlosigkeit und Verhaftungslosigkeit. Es ist das Aufgeben des Verlangens gegenüber Sinnesobjekten, die durch Sehen und Hören entstanden sind. Sich von der Genusswelt(bhoga) des Unbeständigen/ Vergänglichen (anitya) zu lösen und zum Brahman zu streben.

Sanskrit Text:

tad vairāgyaṃ jihāsā yā darśana-śravaṇādibhiḥ |
dehādi-brahma-paryante hy anitye bhoga-vastuni || 21 ||

तद्वैराग्यं जिहासा या दर्शनश्रवणादिभिः |
देहादिब्रह्मपर्यन्ते ह्यनित्ये भोगवस्तुनि || २१ ||

tad vairagyam jihasa ya darshana-shravanadibhih |
dehadi-brahma-paryante hy anitye bhoga-vastuni || 21 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • tad : das (Tad)
  • vairāgyam : (ist) Gleichgültigkeit („Leidenschaftslosigkeit“, Vairagya)
  • jihāsā : das Verlangen (ist), aufzugeben (Jihasa)
  • yā : was (Yad)
  • darśana-śravaṇādibhiḥ : mit (den Sinnen wie) Sehen (Darshana), Hören (Shravana) usw. (Adi)
  • dehādi-brahma-paryante : beginnend (Adi) beim Körper (Deha) und endend (Paryanta) beim (Schöpfergott) Brahma
  • hi : gewiss, wahrlich (Hi)
  • anitye : in Bezug auf vergängliche (Anitya)
  • bhoga-vastuni : Objekte (Vastu) der Erfahrung (Bhoga)     || 21 ||

Kommentar

Vairagya ist die zweite der großen Eigenschaften, die ein Schüler kultivieren sollte, um die Gottverwirklichung, die Erleuchtung zu erreichen, wahres Wissen zu bekommen.
Vairagya stammt von dem Wort „raga“, welches wörtlich übersetzt „mögen, Wunsch, Verhaftung“. Vairagya heißt dagegen „Abwesenheit von Wunsch, Verhaftung und Gier“ und ist der Zustand, in dem „Raga“ abwesend ist – die Abwesenheit von Wünschen, Gier, Verhaftung.

Vairagya kann auch übersetzt werden als „Gleichgültigkeit“. Die Gleichgültigkeit wird hier positiv verstanden und bedeutet nicht, dass man keinen Enthusiasmus hat, Gutes zu bewirken.
Aber zum Beispiel ist es nicht wichtig, ob man gutes oder weniger schmeckendes Essen bekommt, ob die Leute freundlich oder unfreundlich sind, ob Menschen mit einem zusammen wirken wollen oder nicht.
Vairagya kann auch als „Leidenschaftslosigkeit“ interpretiert werden. Allerdings mag ich diesen Ausdruck nicht gerne, da man auch Vairagya haben kann und trotzdem voller Enthusiasmus und Begeisterung – voller Leidenschaft – sein. Leidenschaft heißt auch die Bereitschaft, für ein Ideal zu leiden. In diesem Sinne ist Leidenschaft etwas Gutes. Aber natürlich gibt es auch die Leidenschaft, die davon abhängig ist, dass man etwas Äußeres oder von einem Menschen etwas Konkretes bekommt. Diese Form der Leidenschaft ist nicht dem spirituellen Fortschritt förderlich.

Vairagya kann auch übersetzt werden als „Wunschlosigkeit, Verhaftungslosigkeit, Abwesenheit von Gier“. Insbesondere heißt „jihāsā“ übersetzt „das Verlangen aufzugeben“. Es geht darum, Verlangen aufzugeben. Vairagya ist – das Aufgeben des Verlangens.

Was soll man aufgeben? – „darśanaśravaṇādibhiḥ“, alles das, was über die Sinne kommt, wie sehen, hören und so weiter.
„Darśana“ heißt in diesem Fall übersetzt „alles, was man sehen kann“, „śravaṇā“ „alles, was man hören kann“ und „adi“ steht für „alles andere auch“.

Wir wollen insbesondere das, was die Sinne betrifft und durch die sinnliche Wahrnehmung kommt, aufgeben. Zum Beispiel wollen wir das Verlangen nach schöner Kleidung oder einer schönen Wohnung, das, was wir sehen können, das Verlangen nach einem schönen Lächeln und schöner Aufmerksamkeit, aufgeben – aber auch alles was wir hören können, den Wunsch nach Lob, nach Anerkennung, und dass freundlich über einen, zu einem gesprochen wird.
Natürlich wollen wir auch den Wunsch nach besonders gutem Essen, etwas besonders Gutes zu riechen, aufgeben – oder eine besonders freundliche Berührung durch andere Menschen oder einen konkreten anderen Menschen.
Den Wunsch nach allem Genannten gilt es aufzugeben. Shankaracharya sagt nicht, dass das wir alles Vergnügen aufgeben sollen. In diesem Vers sagt er nur das Verlangen.

Wenn jemand freundlich zu Dir ist, wenn du gutes Essen hast, wenn Du von deinem Partner liebevoll umarmt wirst, wenn Du irgendetwas Schönes siehst, genieße es.
Aber beobachte, ob es Genuss oder eher Verhaftung war – wenn Du es zum Beispiel nicht hast.
Wenn es beispielsweise das Abendessen anders als erwartet nicht gut schmeckt, dann gilt es, das loszulassen. Oder wenn jemand nicht freundlich zu Dir gesprochen hat und Du deshalb enttäuscht bist, ist dies „Raga“ – Verhaftung.

Gib all das auf. Wann immer jemand nicht so freundlich zu Dir spricht, bedanke Dich innerlich bei ihm, da er Dir zu Vairagya verhilft. Wann immer das Essen zu salzig ist oder nicht gut schmeckt, bedanke Dich dafür, es hilft Dir zu Vairagya.
Wann immer etwas nicht so ausgeht, wie Du es gerne hättest, danke dafür und nehme es als Gelegenheit zu Vairagya.

Swami Vishnu-devananda sagte einmal: „Yogis können sich immer freuen! Zum einen kann man sich freuen, wenn die Dinge so ausgehen, wie man sie gerne hätte. Aber angenommen die Dinge gehen nicht so aus, wie man es gerne hätte, freut man sich trotzdem für die Lektion in Vairagya.“

Überwinde „Raga“, alle Verhaftungen, den Wunsch nach Sinnesvergnügen.

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