Viveka Chudamani – Vers 18

Deutsche Übersetzung:

18. Die Weisen sagen: Um zur Selbstverwirklichung/ Gotteserfahrung zu erlangen, sind vier Voraussetzungen/ Anforderungen nötig –wenn sie fehlen, wird das Ziel nicht erreicht.

Sanskrit Text:

sādhanāny atra catvāri kathitāni manīṣibhiḥ |
yeṣu satsv eva san-niṣṭhā yad-abhāve na sidhyati || 18 ||

साधनान्यत्र चत्वारि कथितानि मनीषिभिः |
येषु सत्स्वेव सन्निष्ठा यदभावे न सिध्यति || १८ ||

sadhanany atra chatvari kathitani manishibhih |
yeshu satsv eva san-nishtha yad-abhave na sidhyati || 18 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • sādhanāni : Mittel (zum Erreichen des Ziels, Sadhana)
  • atra : in diesem Zusammenhang („hierbei“, Atra)
  • catvāri : vier (Chatur))
  • kathitāni : werden genannt (Kathita)
  • manīṣibhiḥ : von den Weisen (Manishin)
  • yeṣu : bei deren („wenn diese“, Yad)
  • satsu : Anwesenheit („anwesend sind“, Sat)
  • eva : nur (Eva)
  • san-niṣṭhā : vollkommene Gewissheit (Nishtha) bezüglich der Wahrheit („des Seienden“, Sat)
  • yad-abhāve : bei deren (Yad) Abwesenheit (Abhava)
  • na : nicht (Na)
  • sidhyati : wird erlangt (sidh)     || 18 ||

Kommentar

Dieser Vers ist die Einleitung zu einem wichtigen Konzept von Shankaracharya, nämlich die Sadhana Chatushtaya, die vier Eigenschaften, die ein Aspirant entwickeln sollte.
Nur wenn diese vier Eigenschaften vorhanden sind, kannst Du mittels Jnana Yoga die Gottverwirklichung erreichen. Wenn Du diese vier Eigenschaften nicht besitzt, wird es eher schwierig und Du solltest Dich um die Entwicklung dieser Eigenschaften bemühen. Swami Vishnu-devananda sagte dazu: „Fortschritte auf dem spirituellen Weg erkennst Du weniger anhand von Kundalini-Erweckungs- oder anderen Ekstase-Erfahrungen oder weniger daran, wie heiß Deine Wirbelsäule ist, wie lange Du bewegungslos sitzen oder die Luft anhalten kannst. Sondern Dein persönlicher Fortschritt zeigt sich im Wachstum in dieser vier Sadhana Chatushtayas, also in dieser Vierheit des Sadhanas.

Was sind diese vier Sadhana Chatushtayas?

vairagya“ – „Anhaften“.
Frage Dich, wie sehr Du angehaftet, wie häufig Du identifiziert bist? Wenn Du an etwas verhaftet bist, wirst Du leicht „aus der Ruhe gebracht“.

Viveka“ – „Unterscheidungskraft“
Wie häufig stellst Du Dir folgende vier Fragen:
Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?“
Wie häufig wirst Du Dir bewusst, dass ein Zustand vorüber geht, nicht ewig ist, dass die Welt, wie Du sie wahrnimmst, nicht wirklich wirklich ist? Es gibt eine höhere Wirklichkeit.
Wie häufig kannst Du auch in schwierigen Situationen Gemütsruhe bewahren?
Und wie intensiv ist Dein Streben nach Befreiung?

Diese Fragen kannst Du Dir stellen – am besten gleich jetzt:
Wie verhaftungslos bist Du? – Wie leicht bist Du zu kränken? Leicht gekränkt zu sein, bedeutet verhaftet zu sein. Wie leicht kannst Du Dinge loslassen, die verschwinden? Wie leicht kommst Du über Verluste hinweg. Wie schnell kannst Du Kritik überwinden?
Dies sind alles Voraussetzungen für „Vairagya“.

Wie sehr übst Du die zweite Eigenschaft „Viveka“, übersetzt Unterscheidungskraft“? – Wie sehr klappt es intellektuell? Wie häufig stellst Du Dir die Fragen: „Wer bin ich? Wie häufig machst Du dir bewusst, dass die Welt nicht das ist, wie Du sie wahrnimmst? Wie häufig verstehst Du, dass es eine höhere Wirklichkeit, die hinter jedem ist, gibt? Wie häufig kannst Du auch in schwierigen Situationen Gemütsruhe bewahren? Und überlegst Du immer wieder, was Dich mehr zur Erleuchtung führt und was Du für die Befreiung tun kannst?
Die Viveka Chudamani von Shankaracharya ist insgesamt betrachtet ein Werk zum Thema Unterscheidungskraft.

Shankaracharya sagt in den ersten Versen immer wieder: Der spirituelle Weg ist keine intellektuelle Überlegung und keine reine Glaubenssache, sondern eine Bewusstseinsveränderung. Dazu braucht es Voraussetzungen. Genau darüber wird er in den nächsten Versen genauer sprechen.

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