Viveka Chudamani – Vers 16

Deutsche Übersetzung:

16. Wer Kenntnis, Weisheit, Vernunft und Unterscheidungskraft besitzt, ist reif /geeignet/bereit, das Wissen des Selbst (Atma-vidya) zu empfangen.

Sanskrit Text:

medhāvī puruṣo vidvān ūhāpoha-vicakṣaṇaḥ |
adhikāry ātma-vidyāyām ukta-lakṣaṇa-lakṣitaḥ || 16 ||

मेधावी पुरुषो विद्वानूहापोहविचक्षणः |
अधिकार्यात्मविद्यायामुक्तलक्षणलक्षितः || १६ ||

medhavi purusho vidvan uhapoha-vichakshanah |
adhikary atma-vidyayam ukta-lakshana-lakshitah || 16 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • medhāvī : ein intelligenter, weiser (Medhavin)
  • puruṣaḥ : Mann (Purusha)
  • vidvān : kenntnisreich, gelehrt (Vidvams)
  • ūhāpoha-vicakṣaṇaḥ : geschickt (Vichakshana) in der Auslegung („Prüfung“ des vedantischen Standpunktes, Uha) und der Widerlegung (des gegnerischen Standpunktes, Apoha)
  • adhikārī : ein qualifizierter Schüler (Adhikarin)
  • ātma-vidyāyām : für die Erkenntnis des Selbst (Atmavidya)
  • ukta-lakṣaṇa-lakṣitaḥ : ist gekennzeichnet (Lakshita) durch die genannten (Ukta) Merkmale („Definition“, Lakshana)     || 16 ||

Kommentar

Shankaracharya erklärt im 16. Vers des Viveka Chudamani, dass man zum Jnana Yoga auch eine gewisse Klugheit braucht. Vorher sollte man etwas Weisheit haben. Jnana Yoga ist nicht für jeden geeignet.

Welche Voraussetzungen braucht es, um für den Weg des Jnana Yoga geeignet zu sein?
Als erste Vorraussetzung für die Jnana Yoga Praxis benennt Shankaracharya „medhaviedavita“. Das heißt wörtlich übersetzt „intelligent, klug, weise“. Das bedeutet, um zum Jnana Yoga befähigt zu sein, musst Du im Alltag klug sein. Ein hoch emotionaler Mensch, der sich von seinen Trieben und Emotionen beherrschen lässt und sein Handeln und Denken nicht über Klugheit und Weisheit steuern kann, wird es schwerer fallen im Jnana Yoga etwas zu erreichen. Für ihn ist Bhakti Yoga empfehlenswerter. Wenn Du Jnana Yoga üben willst, musst Du in der Lage sein, die Dinge klar zu sehen. Das bedeutet nicht, dass Du notwendigerweise einen hohen IQ haben musst, um Jnana Yoga zu praktizieren. Aber für die Jnana Yoga Praxis ist es notwendig, eine gewisse Klugheit zu haben und sich nicht von Emotionen und Trieben beherrschen zu lassen.

Als zweite Voraussetzung für Atma Vidya gibt Shankaracharya „Vidyan“ an. Das bedeutet wörtlich übersetzt „ein kenntnisreicher Mensch“. Um auf dem Weg des Jnana Yoga voranzuschreiten, ist demnach eine gewisse Bildung notwendig und hilfreich.

Die dritte Vorraussetzung laut Shankaracharya ist „uhāpohavicakśhaṇaḥ“ und wird wörtlich übersetzt als „Jemand, der in der Auslegung und Widerlegung geschickt ist“. Das bedeutet, dass zum Vedanta auch letztlich Auslegung, Widerlegung und so weiter gehören. Du musst demnach für abstrakte Gedankengänge bereit sein. Bist du das? – Dann können die nächsten Verse kommen.

Wenn Dir das mehr als intellektuelle Gymnastik und irgendwie komisch vorkommt, dann ist es für Dich besser, andere Yogawege zu üben. Es gibt viele Möglichkeiten, die Gottverwirklichung zu erreichen.

Vielleicht willst Du Dich aber jetzt schon innerlich vorbereiten:
Nimm Dir vor, am heutigen Tag öfters zu überprüfen, Deinen Standpunkt zu hinterfragen und einen Moment innezuhalten. Wenn Du Dich zum Beispiel gekränkt fühlst, dann halte einen Moment inne. Wenn Du dich ärgerst, dann bleibe, bevor Du reagierst, ein Moment ruhig. Wenn Du etwas siehst, was Du unbedingt machen oder haben willst, dann bleibe ebenfalls einen Moment ruhig.

Sei ein „Medhavie“, ein Mensch von Klugheit und Weisheit. Hinterfrage und betrachte verschiedene Standpunkte. Überlege und frage Dich, was Deine Standpunkte sind, die Du vielleicht unreflektiert übernommen hast, und ob Du etwas ändern kannst. Erforsche, wie Du etwas mit anderen Standpunkten ansehen kannst.
Sei neugierig. Vedanta bedeutet nicht „Glauben“, und dass Du die Dinge einfach akzeptierst. Vedanta heißt, dass Du bereit bist, Dich und Deine Überzeugungen immer wieder in Frage zu stellen. Vedanta ist ein philosophischer Weg.

Dann sagt er „adhikāry“. Wenn Du die eben erläuterten Eigenschaften hast, dann bist du ein „Ad-hikāry“, wörtlich übersetzt „ein geeigneter, qualifizierter Schüler“.

Wozu bist Du geeignet? – Für „Atmavidyāyā“, das bedeutet wörtlich übersetzt „die Erkenntnis des Selbst“.

Wenn Du diese Kennzeichen alle hast, hast Du einiges schon erreicht. Shankaracharya wird in den nächsten Versen noch näher beschreiben, was Du brauchst, um für den Weg des Jnana Yoga geeignet zu sein. Du kannst dich darauf freuen und Dich bis dahin immer wieder selbst bemühen, diese Kennzeichen zu erwerben.

Om Shanti Shanti Shanti.

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