Viveka Chudamani – Vers 123

Deutsche Übersetzung:

123. Von der ersten Modifikation der Urnatur (mahat) bis zum grobstofflichen Körper ist alles Maya, bzw. ihre Auswirkung. Erkenne daher das Wesen dessen, was nicht das Selbst ist – dieses Nicht- Selbst, als unwirklich wie eine Fata Morgana in der Wüste.

Sanskrit Text:

māyā māyā-kāryaṃ
sarvaṃ mahad-ādi-deha-paryantam |
asad idam anātma-tattvaṃ
viddhi tvaṃ maru-marīcikā-kalpam || 123 ||

माया मायाकार्यं
सर्वं महदादिदेहपर्यन्तम् |
असदिदमनात्मतत्त्वं
विद्धि त्वं मरुमरीचिकाकल्पम् || १२३ ||

maya maya-karyam
sarvam mahad-adi-deha-paryantam |
asad idam anatma-tattvam
viddhi tvam maru-marichika-kalpam || 123 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • māyā : Täuschung, Illusion (Maya)
  • māyā-kāryam : (und) eine Auswirkung (Karya) der Täuschung
  • sarvam : (ist) alles (Sarva)
  • mahad-ādi-deha-paryantam : von („angefangen mit“, Adi) der ersten Modifikation der Urnatur („das Große“, Mahat) bis zum („endend mit“, Paryanta) grobstofflichen Körper (Deha)
  • asat : als unwirklich (Asat)
  • idam : dies (Idam)
  • anātma-tattvam : von der Natur („So-Sein“, Tattva) des Nicht-Selbst (Anatman)
  • viddhi : erkenne („wisse“, vid)
  • tvam : du (Tvam)
  • maru-marīcikā-kalpam : wie (Kalpa) eine Fata Morgana (Marichika) in der Wüste (Maru)     || 123 ||

Kommentar

Warum bist du all das eigentlich nicht? Darüber möchte ich etwas sprechen. Warum bist du das Nicht-Selbst nicht? Das Selbst ist der Wahrnehmende. Das was wahrgenommen werden kann, das bist du nicht. Du bist das Bewusstsein, das wahrnimmt. Du bist nicht das was wahrgenommen werden kann. Bin ich die Uhr? Klar, ich bin nicht die Uhr. Warum bin ich nicht die Uhr? Ich schaue die Uhr an. Ich sehe die Uhr, ich fühle die Uhr, ich kann sie auch hören, ich könnte sie auch riechen und schmecken. Daher nehme ich die Uhr wahr. Ich bin nicht die Uhr. Ob es die Uhr gibt oder nicht. Ob die Uhr kaputt geht oder nicht. Ich bleibe der gleiche. Ich bin nicht die Uhr. Jetzt kommt ahamkara, die Identifikation. Mamadva, das Mein-Gefühl. Ich sage das ist nicht irgendeine Uhr, das ist meine Uhr. Warum ist es meine Uhr? Ich könnte sagen: Ich habe die Uhr gekauft oder geschenkt bekommen. Also ist es meine Uhr. Warum ist es meine Uhr? Angenommen ich hätte sie geklaut oder gefunden. Ich könnte immer noch sagen: Es ist meine Uhr. Es gibt vielleicht juristische Definitionen was mein und nicht mein ist. Mein ist letztlich eine innere Überzeugung. In dem Moment wo ich sage: Meine Uhr. Will ich zwei Dinge machen. Erstens möchte ich Bestätigung dafür bekommen, dass es meine Uhr ist. Zweitens will ich, dass die Uhr nicht verschwindet. Daraus folgt drittens die Angst die verschwindet und viertens Trauer und Ärger, wenn sie verschwindet. Also wenn ich sage: Meine Uhr. Vielleicht definierte ich mich gerade über diese tolle Uhr. Und dann sagt jemand: Wow, tolle Uhr. Dann freue ich mich. Wenn jemand sagt: Du bist doch Yogi, warum hast du so eine Digitaluhr? Dann fühle ich mich vielleicht gekränkt. Wenn ich sehe, das Armband ist irgendwo eingerissen, die geht bald kaputt, ist jetzt schon alt, was mach ich? Ich habe Angst sie zu verlieren. Angenommen ich verliere sie oder jemand zertritt sie, was durchaus passiert und man als Yogalehrer die Uhr irgendwo liegen lässt. Dann ist es schlimm. Identifikation.
Wenn du aber weißt, ich bin nicht die Uhr. Die Uhr gehört mir nicht. Die Uhr ist mir vorrübergehend anvertraut worden, für einen gewissen Zeitraum den ich nicht kenne. Letztlich habe ich es bekommen, nutze es, gehe sorgsam damit um, weil es nicht mir gehört irgendwann wird es mir wieder weggenommen. So wie es im Buch Hiob steht: Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, gepriesen sei Gott. Genauso, bin ich diese Kleidung? Nein, ich bin nicht die Kleidung. Aber ich kann sie sehen, ich kann sie ausziehen. Ich selbst verändere mich nicht durch die Kleidung. Man sagt zwar Kleider machen Leute, aber nicht wirklich das Ich. Es hat vielleicht einen Einfluss auf die anderen, wie ich auf sie wirke, wie ich mich selbst fühle. Trotzdem, ich bin nicht die Kleidung. Wenn ich sie ausziehe bin ich nicht wirklich eine anderer Mensch. Ich bin immer noch ich. Auch wenn sich vielleicht manche Gefühle ändern. Ich bin das unsterbliche Selbst. Wenn ich mich jetzt identifiziere. Meine Kleidung, so wunderschönes Gewand, habe ich in Rishikesh vor zwei Jahren gekauft, ich war sogar beim Schneider der mir das angefertigt hat, weil es selbst in Indien nicht leicht ist schöne gelbe Hemden zu finden. Mein Hemd. Dann irgendwie mit der falschen Temperatur gewaschen oder mit einem roten Pullover und das Hemd ist hin. Indische Hemden haben seitlich in der Höhe von Türklinken ihre Tasche. In Indien gibt es keine Türklinken wie in Deutschland, deshalb gibt es dort auch nicht diese Gefahr. Dann geht man an einer Türklinke vorbei und es macht krrr und die Tasche zusammen mit dem Hemd ist eingerissen und kaputt. Wer bin ich wenn das Hemd kaputt geht? Immer noch der gleiche. Identifikation mit dem Hemd führt zu Problemen. Genauso auch, bin ich meine Kinder. Nein ich bin nicht meine Kinder. Meine Kinder sind letztlich unsterbliches Selbst. Manifestiert über jiva, individuelle Seele. Schon tausende von Inkarnationen. Jetzt inkarniert in einem Körper welcher die Gene von meinem Partner /Partnerin und mir haben. Mir anvertraut. Ich habe Aufgaben. Mit der Aufgabe kommt Verantwortung und Liebe. Aber nicht mein Kind. Unsterbliche Seele als Individuum gespiegelt. Dieses Mal in einem Körper mit mir vorübergehend in Verbindung. Wenn ich sage: Mein Kind. Dann will ich natürlich nicht, dass es die selben Fehler macht wie ich. Ich will es anders machen als meine Eltern, ich will es besser machen, das Kind soll es besser haben als ich. Natürlich soll es nicht so werden wie ich, sondern irgendwie besser oder was auch immer. Mein Kind. Manche leben dann ihr eigenes Leben über ihre Kinder. So verhindern sie, dass das Kind seinen Weg geht. Es ist nicht dein Kind. Es ist ein unsterbliches Selbst, das sich manifestiert mit einem Karma und einem Dharma mit deiner Persönlichkeit usw. Du hast Aufgaben, du kannst daran Teil haben. Du wirst Emotionen haben, die mit dem Kind in Verbindung sind. Aber evtl. wird dieses Kind früher als du von dieser Welt gehen. Das heißt nicht, dass es dann tot ist. Es wird nur früher die Beziehung mit dir verlassen und wird vielleicht in anderer Form wieder geboren. Vielleicht noch während du lebst, aber nicht weiß, dass es die Seele die sich vorher als dein Kind inkarniert hat. Vielleicht wird das Kind ganz andere Prioritäten haben als du es meinst. Vielleicht wird das Kind ein schweres Karma haben. Vielleicht wird sich das Kind scheinbar sehr dumm verhalten. Aber du bist nicht das Kind. Du bist auch nicht dein Partner / Partnerin. Partnerschaft heißt, dass ihr zusammen eine Weile lebt. Es gibt auch diese Aussage: Heirat ist zusammen Dinge auszuarbeiten und Probleme auszuarbeiten, die man nicht hätte wenn man nicht in der Partnerschaft gelebt hätte. Das ist jetzt eine Aussage. Man kann aber anders sagen: Partnerschaft ist die Möglichkeit, dass sich Seelen sich verbinden. In der Liebe zum Anderen gehst du über das Ego hinaus und erfährst Atman. In dem du für einen anderen Menschen da bist, das gilt auch für die Kinder, Eltern oder andere, dadurch gehst du auch von deiner Ich-Bezogenheit weg. Du dehnst dich aus. Liebe ist eine Möglichkeit weiter zu werden. Mehr zu sein. Aber wenn du dich identifizierst mit deinem Partner. Mein Partner, der muss das tun was ich will. Er muss für mich da sein. Er soll mich unterstützen. Wehe er macht das nicht. Dann bist du enttäuscht. Identifikation. Oder du hast ein Bild des Partners und dann entwickelt sich der Partner / Partnerin anders als du willst. Eigentlich ist er auch ein Yogi, er weiß es noch nicht, ich müsste ihn unbedingt zum Yogi bekommen. Du bist noch nicht einmal mit deinem Partner identifiziert, sondern mit dem Bild deines Partners. Dein Partner hat gefällig so zu sein, wie dein Bild ist. Der Partner ist aber so wie er oder sie ist, mit seiner Persönlichkeit und seinen / ihren Emotionen, eigenem Karma und Dharma. Reine Liebe ist etwas anderes als Verhaftung und Identifikation. Natürlich wird Partnerschaft immer eine gewisse Verhaftung haben. Aber nicht volle Identifikation. Löse dich von Identifikation. Du bist das unsterbliche Selbst. Du hast dein Karma und Dharma unabhängig von deinem Partner, Kinder, Eltern, Freunden. In diesem Sinne höre auf, dich so stark zu identifizieren. Bin ich mein Prana, die Lebensenergie? Nein ich bin nicht die Lebensenergie. Bin ich der Körper? Nein ich bin nicht der Körper. Ich kann den Körper wahrnehmen. Ich kann ihn spüren. Ich kann ihn hören, wenn ich in streichle oder klatsche. Ich kann ihn riechen, abschlecken, schmecken. Bin ich der Körper. Nein ich bin nicht der Körper. Ich kann den Körper sogar verlassen zum Beispiel in tiefer Meditation. Ich kann auf eine Astralreise gehen oder in der Tiefenentspannung. Jede Nacht verlasse ich den Körper in dem ich in einen Traum eingehe. Ich existiere weiter auch ohne körperliche Wahrnehmung. Bin ich der Körper? Nein.
Angenommen ich würde ein künstliches Herz, künstliche Nieren bekommen oder aus Zellkulturen neugeschaffene Leber oder was auch immer. Oder ein Implantat um besser zu hören oder sehen. Wer bin ich? Immer noch der gleiche. Ich bin nicht der Körper. Ich kann das Körperbewusstsein verlassen. Ich kann in jeden Teil des Körpers mein Bewusstsein bringen. Ich kann Körperteile mehr oder weniger ersetzten. Vielleicht in Zukunft sogar mehr als heute. Ich bin nicht der Körper. Natürlich, wenn ich mich mit dem Körper identifiziere, vielleicht denke: Er ist nicht groß genug nicht klein genug, zu dick, zu dünn. Identifikation mit dem Körper, auch ein anderes Bild wie der Körper sein sollte. So viel Spannung. So viele Schwierigkeiten. Da ist ein Körper, er ist mir anvertraut, ich kümmere mich um den Körper. Wie eine spirituelle Einstellung. Der Körper hat sein eigenes Karma. Ich habe einen gewissen Einfluss aber nicht einen dauerhaften. Ich mache mit dem Körper Erfahrungen. Ich kann mit dem Körper einiges bewirken. Aber ich werde auch noch da sein, wenn es den Körper nicht mehr gibt. Ich werde der gleiche sein, selbst wenn der Körper mal nicht richtig funktioniert. Unfälle, Krankheiten, alt wird, irgendwann stirbt. Ich bin nicht der Körper. Bin ich das Prana, die Lebensenergie. Nein ich bin nicht die Lebensenergie. Prana kommt, prana geht. Ich kann Prana wahrnehmen. Mal habe ich mehr Energie oder unruhiger, weniger Energie. Mal habe ich subtile Energie und es fühlt sich so gut an. Mal grobstoffliche Energie. Mal fühle ich mein Herzchakra oder die Sushumna, die Wirbelsäule oder es gibt eine Ausstrahlung in den Händen. Ich hebe die Hand und spüre wie das Prana ausstrahlt. Oder es gibt jemanden, dem geht es nicht so gut. Vielleicht bist du Yogalehrer und du jemandem länger hilfst und du fühlst wie Prana dort ausstrahlt. Bin ich das Prana? Nein.
Shankaracharya hat zuvor gesagt, tu einiges um sattvig zu sein. Mach dein Prana sattvig, erhöhe dein Prana. Mache Pranayama und Asanas. Damit ist es leichter das Selbst zu erfahren. Aber du bist nicht das Prana. Wenn es dir mal geschieht, dass du aus Krankheitsgründen oder Unfall zu viel Karma Yoga, zu viele Aufgaben zu tun sind. Vielleicht weniger Asanas und Pranayama machen kannst oder dein Pranazustand geht runter, deine Emotionen gehen runter, Gemütszustand geht runter, dunkel. Wer bin ich? Immer noch das gleiche Selbst. Du bist nicht das Prana. Bist du die Emotionen? Höhen und Tiefen, Ärger, Angst, Depressionen. Nein, du bist nicht die Emotionen. Die Emotionen kommen, die Emotionen gehen. Du könntest das auch irgendwo lokalisieren. Letztlich sind die Emotionen fühlbar irgendwo zwischen Kehle und im Bereich unterhalb des Nabels. Es ist eine 20 Zentimeter breite Emotionssäule. Mehr ist Emotion nicht. Emotion ist fühlbar, spürbar, lokalisierbar, sie haben ein Anfang und ein Ende. Du bist nicht die Emotionen. Du kannst dich davon lösen. Bin ich die Persönlichkeit? Vielleicht hast du irgendwo herausgefunden du bist Wassermann, Aszendent Schütze, Sonne im zweiten Haus, Quadrat mit Maß. Oder du sagst: Ich bin Vata, Pitta. Bist du das wirklich? Nein. Du bist auch nicht die Persönlichkeit. Auch Persönlichkeit kann sich ändern. Sie ist nicht so stabil, wie sich manche Menschen denken. Vielleicht hast du in der Jugend eine etwas andere Persönlichkeit gehabt als heute. Die Umstände und die Aufgaben zeigen welcher Aspekt der Persönlichkeit in dir stärker werden. Du bist auch nicht die Persönlichkeit. Im Traum kannst du eine andere Persönlichkeit sein. Ständig zu überlegen, welche Persönlichkeit bin ich ist unsinnig. Du bist also ein sterbliches Selbst. Du hast eine Persönlichkeit.
Bin ich die Gedanken? Nein, ich bin nicht die Gedanken. Gedanken kommen, Gedanken gehen. Du bist nicht einmal buddhi mit seinem Verstand der überlegt: Wer bin ich? Auch buddhi ist mal da, mal weniger da. Ruht oder auch nicht. Im Tiefschlaf kein buddhi. Im Traumschlaf vielleicht eine andere buddhi. Wer bin ich?
Bis jetzt hast du nur gehört, wer du nicht bist. Es ist wichtig dich dessen bewusst zu machen. In den nächsten Versen sagt Shankaracharya, wer du bist. Mache dir bewusst ich bin nicht der Körper. Ich bin nicht mein Besitz. Ich bin nicht meine Kinder, Eltern, Familie, Freunde. Ich bin nicht die Rollen in der Gesellschaft. Ich bin nicht das Prana, nicht die Emotion, nicht die Persönlichkeit, nicht die Gedanken, nicht der Intellekt. Spüre einfach: Ich bin der Beobachter, der Wahrnehmende. Spüre das und mache dir heute bewusst, wer du nicht bist. Dann sei dir bewusst: Ich bin der Beobachter.

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