Viveka Chudamani – Vers 12

Deutsche Übersetzung:

12. Richtiges Befragen /ausgewogenes Denken, sorgfältiges Überprüfen (vicara) über ein Seil hilft die Illusion zu zerstören, es sei eine furchterregende Schlange.

Sanskrit Text:

samyag-vicārataḥ siddhā rajju-tattvāvadhāraṇā |
bhrāntodita-mahā-sarpa-bhaya-duḥkha-vināśinī || 12 ||

सम्यग्विचारतः सिद्धा रज्जुतत्त्वावधारणा |
भ्रान्तोदितमहासर्पभयदुःखविनाशिनी || १२ ||

samyag-vicharatah siddha rajju-tattvavadharana |
bhrantodita-maha-sarpa-bhaya-duhkha-vinashini || 12 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • samyag-vicārataḥ : durch das richtige (Samyak) Verfahren (der Unterscheidung, Vichara)
  • siddhā : wird erlangt (Siddha)
  • rajju-tattvāvadhāraṇā : die Erkenntnis („Gewissheit“, Avadharana) der wahren Natur („Wirklichkeit“, Tattva) des Seiles (Rajju)
  • bhrāntodita-mahā-sarpa-bhaya-duḥkha-vināśinī : welche das Leid (Duhkha) zerstört (Vinashin), das von der Angst (Bhaya) vor der großen Schlange (Mahasarpa) herrührt, die in einem verwirrten (Geisteszustand, Bhranta) entstanden ist (Udita)     || 12 ||

Kommentar

Shankaracharya wählt hier eine sehr alte und klassische Analogie, einen so genannten Jnana Analogie. Um manches im Vedanta besser zu verstehen, ist es gut auf Analogien zurückzugreifen. Im vorherigen Vers sagte er, dass nicht die Handlungen sondern die rechte Erkenntnis zur Befreiung führen.

Angenommen Du bist abends in Indien im Dschungel und siehst plötzlich eine Schlange. Du hast Angst vor der Schlange und du traust dich nicht weiterzugehen.
Wie wirst du jetzt diese Angst überwinden?
Die Angst überwindest Du überwindest nicht durch die Praxis von Kapalabhati oder die tiefe Bauchatmung. Vollständige Überwindung bekommst Du auch nicht, indem Du zu Gott betest oder versuchst Deinen Geist zur Ruhe zu bringen.
Du bezwingst die Angst vor der Schlange, indem du erkennst, dass dort keine Schlange ist, sondern ein Seil. In dem Moment, wo du weißt, dass dort keine Schlange sondern ein Seil ist, verschwindet Deine Angst vollständig.

In diesem Sinne sind alle Probleme, alle Ängste verschwunden, wenn Du erkennst, wer du wirklich bist. Somit ist dies eine wunderschöne Analogie.
Bemühe Dich daher, zu erkennen, wer du wirklich bist. Wenn du erkennst, wer Du bist, was die Welt ist, was alle anderen sind, dann verschwindet die Angst.

Frage Dich „Wer bin ich?“, erkenne dein Selbst und sei frei. Dies ist der große Appell, welchen Swami Sivananda in der Tradition von Shankaracharya verkündet.

Überlege in diesem Sinne, ob Du vielleicht schon erfahren hast, wie die rechte Erkenntnis von etwas dazu geführt hat, dass plötzlich alles anders ist.
Manchmal reicht eine Erkenntnis aus und anschließend ist alles anders. Genauso ist das Konzept des Jnana Yoga in der Vedanta Tradition. Also Frage dich „Wer bin ich?“, erkenne Dein Selbst, sei frei.

Wenn Du nur ein Mantra mechanisch wiederholst, wirst Du nicht diese Freiheit erlangen.
Entweder die Erkenntnis oder die Bewusstseinsveränderung, Bewusstseinserweiterung führt Dich zur Befreiung. Alles andere sind Hilfspraktiken.

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