Viveka Chudamani – Vers 114

Deutsche Übersetzung:

114. Auch wenn man noch so intelligent und gelehrt, geschickt und scharfsinnig in der Selbstbeobachtung ist und sich in den Schriften auskennt, erkennt man – solange man von tamas eingehüllt/ von Trägheit des Geistes überwältigt ist – das Selbst nicht, sondern man hält in seiner Unwissenheit dasjenige für wahr, was als Trugbild auf das Selbst projiziert wird und identifiziert sich mit dessen Eigenschaften. Ach! Wie machtvoll ist die große verschleiernde Kraft von tamas!

Sanskrit Text:

prajñāvān api paṇḍito’pi caturo’py atyanta-sūkṣmārtha-dṛg
vyālīḍhas tamasā na vetti bahudhā saṃbodhito’pi sphuṭam |
bhrāntyāropitam eva sādhu kalayaty ālambate tad-guṇān
hantāsau prabalā duranta-tamasaḥ śaktir mahaty āvṛtiḥ || 114 ||

प्रज्ञावानपि पण्डितो ऽपि चतुरो ऽप्यत्यन्तसूक्ष्मार्थदृ-
ग्व्यालीढस्तमसा न वेत्ति बहुधा संबोधितो ऽपि स्फुटम् |
भ्रान्त्यारोपितमेव साधु कलयत्यालम्बते तद्-गुणा-
न्हन्तासौ प्रबला दुरन्ततमसः शक्तिर्महत्यावृतिः || ११४ ||

prajnavan api pandito’pi chaturo’py atyanta-sukshmartha-drig
vyalidhas tamasa na vetti bahudha sambodhito’pi sphutam |
bhrantyaropitam eva sadhu kalayaty alambate tad-gunan
hantasau prabala duranta-tamasah shaktir mahaty avritih || 114 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • prajñāvān : ein Kluger (Prajnavant)
  • api : selbst, sogar (Api)
  • paṇḍitaḥ : ein Gelehrter (Pandita)
  • api : selbst, sogar
  • caturaḥ : einer, der geschickt (im Argumentieren) ist (Chatura)
  • api : selbst, sogar
  • atyanta-sūkṣmārtha-dṛk : einer, der überaus (Atyanta) subtile (Sukshma) Dinge (Artha) versteht („sieht“, Drish)
  • vyālīḍhaḥ : wird überwältigt (Vyalidha)
  • tamasā : von der (Qualität) Trägheit („Finsternis“, Tamas)
  • na : nicht (Na)
  • vetti : er erkennt (das Selbst, vid)
  • bahudhā : in vielerlei Weise (Bahudha)
  • saṃbodhitaḥ : er darüber aufgeklärt wurde (Sambodhita)
  • api : obwohl (Api)
  • sphuṭam : genau (Sphuta)
  • bhrāntyā : durch Täuschung, Verwirrung (Bhranti)
  • āropitam : das, was fälschlich (dem Selbst) zugeschrieben wird (Aropita)
  • eva : nur (Eva)
  • sādhu : für wahr (Sadhu)
  • kalayati : er hält (kal)
  • ālambate : (und) klammert sich (ā + lamb)
  • tad-guṇān : an die Auswirkungen („Eigenschaften“, Guna) dieser (Täuschung, Tad)
  • hanta : ach! (Hanta)
  • asau : diese (Adas)
  • prabalā : mächtige (Prabala)
  • duranta-tamasaḥ : der unendlichen (Duranta) Trägheit („Finsternis“, Tamas)
  • śaktiḥ : Kraft (Shakti)
  • mahatī : (ist) groß (Mahati)
  • āvṛtiḥ : die Verhüllung (Avriti)     || 114 ||

Kommentar

Auch wenn man noch so intelligent und gelehrt ist, geschickt und scharfsinnig in der Selbstbeobachtung. Selbst wenn man sich in den Schriften auskennt, erkennt man, solange man von der Trägheit des Geistes, tamas überwältigt ist, das Selbst nicht, sondern man hält aus Unwissenheit dasjenige für wahr, was als Trugbild auf das Selbst projeziert wird und identifiziert sich mit dessen Eigenschaften. Wie machtvoll ist die verschleiernde Kraft von tamas. Tamas ist zum einen die Trägheit, Dunkelheit, Verschleierung. Auf der einen Seite weißt du, wie wichtig Meditation ist, du liest die Schriften, du hast jetzt schon so viel gehört. Warum setzt du es nicht um? Tamas. Du hast so oft gehört, es ist nicht gut egoistisch zu sein. Warum setzt du es nicht um und bist für andere da? Du hast so oft gehört, du bist nicht der Körper und die Psyche. Warum legst du das nicht ab? Einerseits ist es rajas, Getriebenheit, auf der anderen Seite ist es Gewohnheit, der Schleier der Unwissenheit und so ist es Trägheit. Vielleicht, hoffe ich, meditierst du jeden Tag. Aber mit welcher Intensität meditierst du? Mit welcher Wachheit? Tamas kommt immer wieder. Du hörst mir jetzt zu, aber mit welcher Intensität? Tamas. Immer wieder da. Überwinde dieses tamas. Erfahre dein wahres Selbst.

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