Kapitel 3, Vers 21

Deutsche Übersetzung:

Samyama auf die Gestalt des eigenen Körpers hebt die Kraft, die ihn wahrnehmbar macht, auf; die Verbindung des Lichts mit dem Auge wird unterbrochen; er wird unsichtbar.

Sanskrit Text:

kāya-rūpa-saṁyamāt tat-grāhyaśakti-stambhe cakṣuḥ prakāśāsaṁprayoge-’ntardhānam ||21||

कायरूपसंयमात् तत्ग्राह्यशक्तिस्तम्भे चक्षुः प्रकाशासंप्रयोगेऽन्तर्धानम् ॥२१॥

kaya rupa sanyamat tat grahyashakti stambhe chakshuh prakashasanprayoge ’ntardhanam ||21||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • kāya = Körper
  • rūpa = Form
  • saṁyamāt = durch Übung von saṁyama
  • tat = von ihm, daher
  • grāhya = wahrnehmbar
  • śakti = Kraft, Fähigkeit
  • stambha = Behinderung
  • cakṣuḥ = Auge
  • prakāśa = Licht
  • asaṁprayoga = keine Verbindung
  • antardhāna = Verschwinden, Unsichtbarkeit

Kommentar

Hier sagt Patanjali uns, wie man unsichtbar wird.

Ich nehme an, es funktioniert wirklich im wörtlichen Sinn. Wenn jemand volles samyama beherrscht, kann er sich tatsächlich soweit unsichtbar machen, daß selbst eine Kamera ihn nicht sieht und man ihn nicht fotografieren kann. Es gibt viele Berichte von Menschen, die unsichtbar geworden sind. Manche Menschen berichten, daß sie gesehen haben, wie Heilige vom einen Moment auf den anderen verschwunden sind. Ich selbst habe so etwas noch nie gesehen und kenne es nicht aus Erfahrung.

Dieser Vers hat aber auch eine praktische Anwendung im abgeleiteten Sinn. Wenn du irgendwo in eine Menschenmenge kommst und willst nicht gesehen werden, ist die beste Technik, dich nur auf dich selbst zu konzentrieren. Nimm nur dich selbst wahr. Wenn du nur dich selbst wahrnimmst und an niemand anderen denkst, dann werden dich die anderen nicht bemerken. Du kannst durch die Menge hindurchgehen, ohne daß jemand von dir Notiz nimmt.

Die meisten Menschen machen dummerweise das Gegenteil, wenn sie nicht wahrgenommen werden wollen. Sie denken ständig: „Hoffentlich sieht der mich jetzt nicht.“ – “Jetzt bin ich so ungekämmt oder unrasiert oder ungeschminkt, ich hoffe, keiner sieht mich in dem Aufzug.“ Man denkt also ständig an andere Menschen. Und was passiert logischerweise? Weil man ständig an andere Menschen denkt, weckt man ihre Aufmerksamkeit und wird wahrgenommen.

Natürlich gibt es auch das Gegenteil, nämlich, daß man sich bemerkbar machen will. Schüchterne Menschen zum Beispiel: Sie gehen auf eine Party oder eine Versammlung und nehmen sich vor: „Heute will ich endlich auch mal im Mittelpunkt stehen.“ Und dann überlegen sie ständig: „Was müßte ich jetzt machen, damit mich jemand bemerkt? Wie komme ich zu Wort? Wie drücke ich mich jetzt richtig aus? Sehe ich richtig aus?“ – Sie sind nur auf sich selbst konzentriert. Was ist die Folge? Man sieht sie nicht, nimmt sie nicht wahr!

Wenn du wahrgenommen werden willst, bringe die Aufmerksamkeit weg von dir selbst. Richte deine Aufmerksamkeit auf die anderen, und du wirst wahrgenommen. Das ist eine gute Hilfe für schüchterne Menschen, die sich nicht trauen, auf andere zuzugehen. Es ist gar nicht nötig, auf andere zuzugehen. Es reicht, sich auf die anderen zu konzentrieren und sie wahrzunehmen, Interesse für sie aufzubringen und zu lächeln. Dann kommen sie von allein auf dich zu – manchmal mehr, als einem lieb ist! Es ist hilfreich, wenn man auch mal das erste Wort sagt, um den Kontakt herzustellen. Aber das ist nicht einmal so nötig.

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Kapitel 3, Vers 22

Deutsche Übersetzung:

Karma ist jetzt wirksam oder schlummernd. Durch samyama darauf erhält man Wissen über den eigenen Tod oder sein Schicksal.

Sanskrit Text:

sopa-kramaṁ nirupa-kramaṁ ca karma tatsaṁyamāt-aparāntajñānam ariṣṭebhyo vā ||22||

सोपक्रमं निरुपक्रमं च कर्म तत्संयमातपरान्तज्ञानम् अरिष्टेभ्यो वा ॥२२॥

sopa kramam nirupa kramam cha karma tatsanyamat aparantajnanam arishtebhyo va ||22||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • sopa = gestützt auf
  • krama = Abfolge, Ablauf
  • sopakramaṁ = auf dem Ablauf basierend, nachvollziehbar, vorhersehbar
  • nirupa = nicht gestützt, leer
  • nirupakramaṁ = nicht auf dem Ablauf basierend, unvorhersehbar, nicht nachvollziehbar
  • ca = und
  • karma = Karma, Handlung, Ursache oder Wirkung einer Handlung, Schicksal
  • tat = dies
  • saṁyamāt = durch Versenkung auf, durch Ausübung von Samyama über
  • aparānta = Tod, Ende
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis
  • ariṣṭa = Schicksal
  • ibhya = sein
  • vā = oder

Kommentar

Es gibt die drei Hauptformen von karma: prarabdha, das Karma, das jetzt aktiv ist, sanchita, das gespeicherte Karma und agami, das neu geschaffene Karma.

Wenn man samyama ausführt auf das karma, das jetzt aktiv ist (prarabdha) und auf den Speicher des karmas (sanchita), also die Lektionen, die noch vor einem liegen, und sich auf beides konzentriert, dann weiß man plötzlich, welche Aufgaben man noch zu erfüllen hat. Und dann weiß man auch, wann es vorbei ist. Und wenn es vorbei ist, stirbt der Körper natürlich.

Eigentlich ist es nicht empfehlenswert, den Zeitpunkt des Todes zu wissen. Allein die Vorstellung und Überzeugung, daß wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sterben werden, kann dazu führen, daß wir tatsächlich an diesem Tag sterben.

Ein Beispiel dafür ist die negative Beeinflussung durch ärztliche Diagnosen. Bei Untersuchungen hat man festgestellt, daß eine außergewöhnlich große Zahl von Menschen genau dann stirbt, wie es die Ärzte vorausgesagt haben. Wenn die Ärzte eine Lebenserwartung von sechs Monaten oder zwei Jahren diagnostizieren, dann sterben viele Patienten auf den Tag genau nach sechs Monaten oder nach zwei Jahren – selbst wenn sich bei der Obduktion nachher herausstellt, daß der Mensch eigentlich gar nicht so krank war oder daß die Krankheit nicht notwendigerweise zum Tod hätte führen müssen. Der Mensch stirbt aufgrund der Suggestion durch die Prognose des Arztes.

Ein Arzt erzählte einmal folgenden Fall, den er in seiner eigenen Praxis erlebt hat: Er hatte einen Patienten mit einer eigentlich tödlichen Krankheit. Gegen diese Krankheit war ein ganz neues Medikament entwickelt worden, das aber noch nicht zugelassen war, weil es erst noch erprobt werden mußte. Jedes Medikament muß erst an Hunderten von Tieren, Zellkulturen und schließlich an Menschen erprobt werden, bevor es zugelassen wird. Dieser Patient hatte also eine sehr heimtückische Krankheit mit einer sehr geringen Lebenserwartung. Der Arzt erzählte ihm von dem Medikament, das vielleicht zur Heilung führen könne, das aber noch erprobt werden müsse und das unter Umständen auch Nebenwirkungen mit sich bringen könne. Ob er trotzdem bereit wäre, es auszuprobieren. Der Patient nahm das Medikament und wurde innerhalb von zwei Monaten vollkommen gesund. Eine ganze Weile später hat er in einer Zeitschrift gelesen, daß dieses Medikament für seine damalige Krankheit nun doch nicht eingesetzt werden könne, weil es nicht sehr wirkungsvoll sei. Einen Monat, nachdem er das gelesen hatte, war er tot, nachdem er dazwischen um die drei Jahre vollkommen beschwerde- und symptomfrei gelebt hatte!

Man muß vorsichtig sein mit dem, was man zu Menschen sagt. Worte haben Macht, wie wir im ersten Kapitel gesehen haben, wo Patanjali vikalpa (Wortirrtum, Einbildung, Suggestion) als eine der fünf vrittis (Gedankenwellen) behandelt.

 

Anm.: In manchen Ausgaben wird zusätzlich als Vers 22: „Etena shabdâdy antardhânam uktam“ als weiterer Aphorismus berücksichtigt, so daß eine andere Zählweise entsteht. Wir folgen hier der kürzeren Zählweise, doch der Vollständigkeit sei hier der zusätzliche Vers angefügt:

Etena shabdâdy antardhânam uktam

Etena = durch dieses
shabda = Ton
âdi = andere
antardhâna = Verschwinden
ukta = gesagt, beschrieben, erklärt

Kommentar von Sukadev: Dies erklärt auch das Verschwinden von Lauten und anderem.  Das gilt also nicht nur für das Unsichtbarwerden, sondern auch für das Unhörbarwerden. Wenn man voll auf sich selbst konzentriert ist, kann man sogar mantras singen, ohne daß andere es hören.

Wenn man hingegen selbst sehr konzentriert mit etwas beschäftigt ist, z.B. wenn man ein interessantes Buch liest oder einen Film schaut und dann nichts hört, wenn jemand hereinkommt, klopft oder etwas sagt, das ist pratyahara.

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Kapitel 3, Vers 23

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf Freundlichkeit u.s.w. erlangt man deren Kräfte.

Sanskrit Text:

maitry-adiṣu balāni ||23||

मैत्र्यदिषु बलानि ॥२३॥

maitry adishu balani ||23||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • maitrī = Liebe, Güte, Wohlwollen, Freundlichkeit
  • ādiṣu = und so weitere
  • balāni = Kräfte

Kommentar

Ähnliches hat Patanjali nun schon mehrmals erzählt:

Im ersten Kapitel hieß es, indem man sich auf etwas konzentriert, auf eine positive Eigenschaft zum Beispiel, verschwinden die Hindernisse (I 33).

Im zweiten Kapitel hat er gesagt, wenn wir negative Emotionen haben, sollten wir über das Gegenteil nachdenken (II 33).

Und hier erwähnt er es im Zusammenhang mit samyama. Wenn wir also nicht nur über eine Eigenschaft nachdenken, sondern tief in die Eigenschaft hineingehen, dann erlangen wir deren Kräfte. Die Eigenschaftsmeditation (siehe Kommentar zu I 33) zum Beispiel umfaßt neben anderen Techniken auch die samyama-Konzentration. Sie beginnt mit der Wiederholung einer Affirmation zu der Eigenschaft, die man entwickeln will, zum Beispiel: „Ich bin geduldig“. Als zweites denkt man über die Vorteile dieser Eigenschaft nach. Als drittes folgt der samyama-Teil: Man konzentriert sich auf die Eigenschaft an sich, ohne Visualisierung und ohne Affirmation, man erspürt die Eigenschaft als solche, konzentriert sich voll darauf, geht völlig in ihr auf. Das ist der machtvollste Teil dabei. Wenn wir uns auf Geduld konzentrieren, die Essenz der Geduld, und sie wirklich in uns spüren, dann wird sie sehr machtvoll in uns. Zum Abschluß kann man nachher nochmals eine Visualisierung und eine Affirmation machen.

Es kann aber sein, daß es einem schwerfällt, eine bestimmte Eigenschaft in sich selbst zu spüren. Dafür bietet Patanjali die folgende Lösung an:

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Kapitel 3, Vers 24

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf die Kräfte verschiedener Tiere erlangt man die betreffende Kraft (z.B. eines Elefanten oder des betreffenden Tieres).

Sanskrit Text:

baleṣu hastibalādīnī ||24||

बलेषु हस्तिबलादीनी ॥२४॥

baleshu hastibaladini ||24||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • baleṣu = in die Kräfte
  • hasti = Elefant
  • balāni = Kräfte

Kommentar

Wenn wir schwach sind und gerne stärker wären, können wir versuchen, uns auf unsere innere Stärke zu konzentrieren. Möglicherweise fällt uns das aber sehr schwer, weil wir vielleicht das Gefühl haben, wenig innere Stärke zu haben. Wenn wir uns dann beispielsweise auf einen Elefanten konzentrieren, werden wir stark wie ein Elefant. Wenn wir Sanftmut entwickeln wollen, dann können wir uns auf eine Kuh konzentrieren. Wenn wir Durchsetzungsvermögen und Mut in uns stärken wollen, können wir uns auf einen Tiger konzentrieren. Und natürlich können wir auch samyama auf die positiven Eigenschaften anderer Menschen ausführen.

Hier machen viele Menschen leider oft das Gegenteil. Was muß man machen, um alle negativen Eigenschaften von anderen zu übernehmen? – Sich ständig auf die negativen Eigenschaften der anderen konzentrieren, ständig darüber nachdenken, welche Fehler die anderen haben, ständig darüber sprechen, was die anderen alles schlecht und falsch machen. Auf diese Weise werden diese negativen Eigenschaften in einem selbst eben auch stärker. Hingegen, wenn wir uns auf die positiven Eigenschaften von anderen konzentrieren, dann stärken wir diese positiven Seiten auch in uns.

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Kapitel 3, Vers 25

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf Licht erhält man intuitives Wissen über das Subtile, das Verborgene und das weit Entfernte.

Sanskrit Text:

pravṛtty-āloka-nyāsāt sūkṣmā-vyāvahita-viprakṛṣṭa-jñānam ||25||

प्रवृत्त्यालोकन्यासात् सूक्ष्माव्यावहितविप्रकृष्टज्ञानम् ॥२५॥

pravritty aloka nyasat sukshma vyavahita viprakrishta jnanam ||25||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • pravṛtti = Quelle, Ursprung
  • āloka = inneres Licht
  • nyāsā = durch Projizieren, durch das darauf ausrichten
  • sūkṣma = des Feineren, Subtilen
  • vyavahita = das Verborgene, das Verdeckte
  • viprakṛṣṭa = das Entfernte
  • jñāna = Wissen, Erkenntnis

Kommentar

Eine einfache Anwendung ist zum Beispiel tratak [Anm.: Wer tratak noch nicht kennt, sollte diese Übung von einem erfahrenen Yogalehrer oder einem guten Yogabuch lernen.], das Starren auf eine Kerzenflamme. Mir ist es schon so gegangen, daß ich anschließend an tratak in einer Gruppe die Auras der anderen gesehen habe. Man schaut in die Flamme, und dann sieht man darum herum die Aura. Wenn man das regelmäßig macht, eine halbe Stunde bis zu einer Stunde jeden Morgen, kann es auch sein, daß man Astralwesen im Raum wahrnimmt. Denn tratak ist nicht nur eine Vorbereitungsübung auf die Meditation, sondern auch eine Übung zur Entwicklung von Hellsichtigkeit, wenn man es lange übt. Deshalb wird normalerweise empfohlen, tratak nicht länger als 15 bis 20 Minuten am Tag zu machen. Ab einer halben Stunde kann es nämlich sehr machtvoll wirken, und nicht jeder ist darauf vorbereitet. Aber wenn man es eine Weile geübt hat und keine Angst hat, Astralwesen zu sehen, kann man es auf eine oder zwei Stunden verlängern. Das führt zu einigen sehr interessanten Phänomenen.

Es gibt verschiedene Weisen, wie man in die Kerze schauen kann. Man kann entweder versuchen, sie zu fokussieren, sie genau anzuschauen. Oder man kann versuchen, die Kerze als Ganzes wahrzunehmen, indem man mit dem sogenannten weichen Blick durch sie hindurchschaut. Das letztere wäre samyama: Den weichen Blick auf die Flamme richten, durch sie hindurchschauen, sie aber trotzdem wahrnehmen, ohne sie zu fokussieren, also die entspannte Konzentration auf die Flamme. Wenn man das länger ausübt, führt es dazu, daß man das Feinstoffliche, Versteckte oder weit Entfernte erkennt.

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Kapitel 3, Vers 26

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf die Sonne erlangt man Wissen um die Welt.

Sanskrit Text:

bhuva-jñānaṁ sūrye-saṁyamāt ||26||

भुवज्ञानं सूर्येसंयमात् ॥२६॥

bhuva jnanam surye sanyamat ||26||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • bhuvana = Welt, die feinstofflichen und physischen Welten
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis
  • sūrye = über die Sonne, über Surya
  • saṁyama = tiefe Versenkung, Meditation

Kommentar

Die Sonne ist das Zentralgestirn unseres Planetensystems. Das Sonnensystem ist ein organisches Ganzes. Indem man sich auf das Zentrum des Ganzen, die Sonne, konzentriert, erlangt man Wissen um die Welt.

Physiker müßten sich also auf die Sonne konzentrieren, um schneller die Zusammenhänge der Natur und des Sonnensystems zu verstehen.

In Indien gibt es die Technik, tratak auf die Sonne selbst auszuführen, d.h. direkt in die Sonne zu starren. Dazu muß man aber bestimmte Techniken lernen, sonst erblindet man. Daher hat Swami Vishnu uns davor gewarnt, das zu probieren. Von Swami Sivananda gibt es jedoch Photos, wo er direkt in die pralle Mittagssonne hineinschaut. Er hat die subtile Technik dafür gelernt und keine Augenprobleme dadurch bekommen. Selbst ausprobieren kann es jeder bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang: Wenn man zu diesen Momenten in die Sonne schaut und in die tiefe Versenkung geht, erhält man ein tiefes Verständnis dieser Welt und des eigenen Platzes auf dieser Erde. Und natürlich kann man vollkommen gefahrlos mit geschlossenen Augen samyama auf die Sonne ausführen.

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Kapitel 3, Vers 27

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf den Mond erhält man astrologisches Wissen.

Sanskrit Text:

candre tāravyūha-jñānam ||27||

चन्द्रे तारव्यूहज्ञानम् ॥२७॥

chandre taravyuha jnanam ||27||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • candra = Mond
  • tāra = Stern
  • vyūha = Anordnung, Ganzheit, Formatierung
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis
  • tāra vyūha jñāna = Wissen um die Anordnung der Sterne, astrologisches Wissen

Kommentar

Das ist auch eine sehr interessante Sache. Es ist zwar für einen spirituellen Aspiranten nicht notwendig, aber für manche doch hilfreich, sich mit Astrologie zu beschäftigen. Weniger mit der vorausschauenden Astrologie, die einem sagt: Nächstes Jahr wirst du Millionär oder übernächstes Jahr findest du deinen Lebensgefährten oder ähnliches, sondern mit der Persönlichkeitskonstellation. Astrologie kann helfen, bestimmte Charakterzüge der eigenen Persönlichkeit zu erkennen, Aufgaben und Schwierigkeiten im eigenen Leben zu erkennen, zu akzeptieren, in einen größeren Rahmen einzuordnen. Heutzutage werden ja viele Horoskope per Computer erstellt. Nur, das Programm allein taugt letztlich nichts. Denn ein guter Astrologe nutzt seine Intuition. Er lernt zwar auch sein Handwerkszeug, lernt, was die einzelnen Konstellationen zu bedeuten haben, wie sie zu interpretieren sind u.s.w. Aber dann schaut er dieses Horoskop, das Schaubild mit den einzelnen Planetenkonstellationen, an und läßt es auf sich wirken. In meiner Anfangszeit als spiritueller Aspirant habe ich auch drei Semester lang bei einem recht guten Astrologen etwas Astrologie studiert. Seine Vorgehensweise war: Er malt das Horoskop auf, dann stellt er sich davor und schaut es sich an, läßt es auf sich wirken, ohne darüber nachzudenken, was die Konstellationen zu bedeuten haben. Er ist voll konzentriert, läßt es auf sich wirken, und dann kennt er alle Themen dieses Menschen, dieses speziellen Lebens. Wenn er das Gesamtbild auf diese Weise intuitiv erfaßt hat, deutet er anschließend noch die einzelnen Planeten, untersucht die Mondeinflüsse u.s.w. Aber sein eigentliches Wissen kommt daher, daß er das Horoskop als Hilfe zur Konzentration nimmt. In früheren Zeiten war es noch direkter. Damals haben die Astrologen zur Deutung direkt in den Himmel geschaut. Dann war es natürlich gut, wenn ein Mensch nachts und nicht während der Monsunzeit geboren war, dann konnte nämlich der Astrologe die Bewegungen der Gestirne und Planetenkonstellationen direkt am Himmel sehen und wußte instinktiv, was es mit diesem Menschen auf sich hat, der zu diesem Zeitpunkt geboren wurde.

In der indischen Astrologie hat der Mond eine besondere Bedeutung. Er ist der wichtigste Teil des Horoskops. Deshalb heißt es, wenn man sich besonders auf den Mond konzentriert, erkennt man das Hauptthema im Leben von sich selbst oder einem anderen Menschen.

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Kapitel 3, Vers 28

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf den Polarstern kommt das Wissen um die Bewegung der Sterne.

Sanskrit Text:

dhruve tadgati-jñānam ||28||

ध्रुवे तद्गतिज्ञानम् ॥२८॥

dhruve tadgati jnanam ||28||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • dhruva = Polarstern
  • tat = sein, ihr
  • gati = Bewegung
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis

Kommentar

Wer in seinem astronomischen Wissen weiterkommen will, sollte auf den Polarstern meditieren. Oder nachts den Polarstern anschauen und auf sich wirken lassen. Er hat eine besondere Bedeutung für das ganze Weltall.

Auch die Wissenschaftler kommen ja letztlich auf diese Weise zu ihren Resultaten. Wissenschaftliche Resultate sind nur zum Teil auf logisches Denken, Experimente und Berechnungen zurückzuführen. Der Rest ist Intuition. Jemand beschäftigt sich intensiv mit etwas, konzentriert sich, meditiert darauf, absorbiert das Problem und dann versteht er es plötzlich. Einstein und Newton sind dafür die besten Beispiele.

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Kapitel 3, Vers 29

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf das Nabelzentrum kommt das Wissen um den Aufbau des Körpers.

Sanskrit Text:

nābhicakre kāyavyūha-jñānam ||29||

नाभिचक्रे कायव्यूहज्ञानम् ॥२९॥

nabhichakre kayavyuha jnanam ||29||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • nābhi = Nabel
  • cakra = Energiezentrum, Rad
  • kāya = der Körper, physischer Körper
  • vyūha = Anordnung, Aufbau
  • jñāna = Wissen, Verständnis

Kommentar

Nabhi chakra, das Nabelchakra, ist der energetische Mittelpunkt und Schwerpunkt des Körpers. Wenn wir uns darauf konzentrieren, kennen wir die Struktur des Körpers.

Das gilt einmal für die ganze Anatomie. Wenn jemand Medizin studiert oder Heilpraktiker werden will, würde ich ihm – neben allem anderen, was er rational zu lernen hat – raten, sich regelmäßig auf sein Nabelchakra zu konzentrieren. Dann kommt ein intuitives Verständnis für den menschlichen Körper.

Zum zweiten läßt sich das auch anwenden bei einer bestimmten körperlichen Krankheit. In diesem Fall könnte man sich, wie schon früher erwähnt, auf den betreffenden Körperteil und die betreffende Krankheit konzentrieren. Oder man könnte sich alternativ auch auf das nabhi chakra als Grundlagenchakra für alle körperlichen Vorgänge konzentrieren. Die Körperenergien sind konzentriert im Nabelchakra, der Sonne des ganzen Körpers.

Deshalb ist es auch wichtig, sich bei den asanas immer wieder auf den Bauch zu konzentrieren. Nicht umsonst raten wir ja den Schülern in der Anfänger- und Mittelstufe, sich auf den Bauch zu konzentrieren: einatmen – Bauch hinaus, ausatmen – Bauch hinein. Das hilft, Zugang zur Struktur und zu den Bedürfnissen des Körpers zu bekommen. Ich glaube, die richtige Bauchatmung ist ein entscheidender Punkt, daß man lernt, gewisse negative Gewohnheiten von selbst abzulegen. Und meine Beobachtung ist, daß in Yogasystemen, wo kein Wert auf die Atmung gelegt wird, mindestens nicht auf die Bauchatmung – da gibt es ja einige –, die Menschen ihre schlechten Gewohnheiten nicht ablegen. Bei Schulen, die den Atem einfach nur fließen lassen und die Übungen sehr genau ausführen, mag die körperliche Exaktheit richtig sein, aber es entsteht kein intuitives Wissen um die Struktur und die Notwendigkeiten des Körpers. Währenddessen, wenn man sich auf den Nabel konzentriert, geschehen viele Sachen von selbst. So ist es also wichtig, auch wenn man den vollständigen Atem gelernt hat und fortgeschrittene Atemübungen macht, sich immer wieder auf den Bauch zu konzentrieren.

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Kapitel 3, Vers 30

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf die Kehlhöhle hören Hunger und Durst auf.

Sanskrit Text:

kanṭha-kūpe kṣutpipāsā nivṛttiḥ ||30||

कन्ठकूपे क्षुत्पिपासा निवृत्तिः ॥३०॥

kantha kupe kshutpipasa nivrittih ||30||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • kaṇtha = Kehle
  • kūpa = Höhle, Brunnen, Loch, Grube
  • kṣudh = Hunger
  • pipāsā = Durst
  • nivṛttiḥ = Aufhören

Kommentar

Sich regelmäßig auf die Höhlung unterhalb des Kehlkopfes zu konzentrieren – vielleicht auch eine Methode, eine Schlankheitskur zu begleiten!

Interessant ist: In diesem Bereich liegt ja auch die Schilddrüse. Und die Schilddrüse steuert den Metabolismus, den Stoffwechsel des Körpers, und auch den Appetit. Indem man sich darauf konzentriert, kann sich die Schilddrüsenfunktion verändern.

Patanjali geht sogar so weit zu sagen, daß Hunger- und Durstgefühl ganz schwinden können.

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