Kapitel 4, Vers 21

Deutsche Übersetzung:

Würde ein Geist einen anderen Geist wahrnehmen, dann gäbe es die Absurdheit von Wahrnehmung der Wahrnehmung sowie Verwirrung der Erinnerung.

Sanskrit Text:

cittāntara dṛśye buddhi-buddheḥ atiprasaṅgaḥ smṛti-saṁkaraś-ca ||21||

चित्तान्तर दृश्ये बुद्धिबुद्धेः अतिप्रसङ्गः स्मृतिसंकरश्च ॥२१॥

chittantara drishye buddhi buddheh atiprasangah smriti sankarash cha ||21||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • citta = Geist, Verstand, Denksubstanz
  • antara = andere
  • dṛśye = gesehen durch
  • buddhi = Wahrnehmung, Intellekt, Erkenntnis
  • buddheḥ = Wahrnehmen
  • buddhi-buddheḥ = Wahrnehmen von Wahrnehmung
  • atiprasaṅgaḥ = unstimmige Verbindung, Überflüssigkeit, ad absurdum führen
  • smṛti = Erinnerung
  • saṁkaraḥ = Verwirrung, Vermischung
  • ca = und

Kommentar

Wenn der Geist gleichzeitig den Geist eines anderen wahrnehmen würde, dann gäbe es eine Wahrnehmung der Wahrnehmung und daher eine Verwirrung der Erinnerungen.

Deshalb ist es auch nicht empfehlenswert, zu sehr zu versuchen, den Geist der anderen immer wieder zu verstehen und zu lesen. Patanjali hat uns zwar vorher die samyama-Technik angegeben, wie wir durch Konzentration auf das Herz eines anderen die Inhalte seines Geistes wahrnehmen können. Aber zu oft sollten wir das nicht machen.

Wir haben Swami Vishnu einmal gefragt, ob er unsere Gedanken lesen könne. Denn er hat sich manchmal ganz offensichtlich so verhalten, als ob er Gedanken lese. Bei mir war es zum Beispiel oft so: Ich habe mir monatelang alle Fragen, die ich nicht selbst beantworten konnte und für die ich auch vom Zentrumsleiter oder der Leiterin keine zufriedenstellende Antwort bekam, aufgeschrieben. Und wenn ich dann nach einer Weile wieder einmal zu Swami Vishnu kam, waren es meist ein paar Seiten voll Fragen. Dann habe ich immer ein paar Tage abgewartet, und in der Zeit hat er meistens den größten Teil meiner Fragen schon beantwortet. Entweder im Rahmen von Vorträgen direkt oder indirekt, oder indem er mich zu sich hingezogen und mir irgend etwas erzählt hat, was dann genau die Antwort auf etwas war, was ich hatte fragen wollen.

Ich kann mich beispielsweise an ein Ereignis in Wien erinnern, in dem ersten Yogazentrum, das ich leitete. Ich war ein paar Monate dort und irgendwie lief es inzwischen sehr gut. Ein paar der langjährigen Mitarbeiter befürchteten, mein Ego werde zu dick, und warnten mich, aufzupassen. Nun wußte ich selbst nicht so genau: Ist es jetzt Ego oder ist es Hingabe und Pflichterfüllung bzw. Dienst am guru und an Gott. Und während ich nun darüber nachgedacht und ständig versucht habe, an Gott zu denken und ihm alles zu widmen, kam plötzlich ein Brief von Swami Vishnu, in dem stand, meine Motivation sei richtig, Swami Sivananda wirke durch mich hindurch. Damals habe ich wirklich ständig darüber nachgedacht – ich frage mich das natürlich auch heute noch, aber jetzt denke ich nicht so viel nach. Es geschieht einfach, es ist zu meiner zweiten Natur geworden. Und dann kam dieser Brief von Swami Vishnu, ohne daß ich ihm die Frage überhaupt gestellt hatte! Und es hatte auch sonst niemand mit ihm darüber gesprochen, denn damals gab es keine E-mail oder ähnliches.

Aber auf die Frage, ob er Gedanken lesen könne, hat Swami Vishnu geantwortet: „Ich habe schon genug Probleme mit meinem eigenen Geist. Stellt euch vor, ich könnte jetzt die Gedanken von euch allen hier lesen. Ich würde innerhalb von fünf Minuten verrückt werden!“

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