Kapitel 4, Vers 16

Deutsche Übersetzung:

Ein Objekt ist nicht von einem Verstand abhängig. Was würde geschehen, wenn es nicht erkannt würde?

Sanskrit Text:

na caika-citta-tantraṁ cedvastu tad-apramāṇakaṁ tadā kiṁ syāt ||16||

न चैकचित्ततन्त्रं चेद्वस्तु तदप्रमाणकं तदा किं स्यात् ॥१६॥

na chaika chitta tantram chedvastu tad apramanakam tada kim syat ||16||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • na = nicht
  • ca = und
  • eka = ein
  • citta = Verstand, Geist
  • tantram = abhängig von
  • cet = ist
  • vastu = Objekt, Ding
  • tat = das
  • apramāṇakaṁ = nicht erkannt, nicht wahrnehmen
  • tadā = dann, danach
  • kim = was
  • syāt = würde geschehen

Kommentar

Hier widerspricht Patanjali der vedanta-Philosophie, die sagt: Die Objekte existieren nur deswegen, weil es einen Geist gibt, der sich ihrer bewußt ist. In dem Moment, wo keiner mehr an sie denkt, hören die Objekte auf zu existieren. Sie sind nur eine Illusion.

Aber genau genommen ist es kein Widerspruch, sondern eine Frage des Standpunktes.

Von unserem subjektiven Standpunkt aus existieren die Objekte natürlich, egal ob wir an sie denken oder nicht. Manchmal mißverstehen Menschen, mindestens für praktische Zwecke, die vedanta– und advaita-Philosophie. Zum Beispiel glauben Menschen manchmal, sie könnten eine Krankheit einfach wegdenken. Manchmal klappt es auch, weil Gedanken eine starke Kraft sind. Aber allein die Tatsache, nicht an etwas zu denken, macht es nicht ungeschehen – so wenig, wie den Kopf in den Sand zu stecken. Neulich habe ich das bei einem kleinen Jungen beobachtet – irgend etwas hat ihm nicht gefallen, da hat er sich die Decke über den Kopf gezogen. Dann exisitiert das Ding nicht mehr. Vogel-Strauß-Politik. Wir schließen die Augen, dann guckt keiner hin. Nur, die Probleme löst man so nicht immer…

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