Kapitel 4, Vers 12

Deutsche Übersetzung:

Vergangenheit und Zukunft existieren in ihrer eigenen Form; aus den unterschiedlichen Wegen ergeben sich die verschiedenen Eigenschaften.

Sanskrit Text:

atīta-anāgataṁ svarūpato-’sti-adhvabhedād dharmāṇām ||12||

अतीतानागतं स्वरूपतोऽस्तिअध्वभेदाद् धर्माणाम् ॥१२॥

atita anagatam svarupato ’sti adhvabhedad dharmanam ||12||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • atīta = Vergangenheit
  • anāgataṁ = Zukunft, noch nicht geschehen
  • svarūpataḥ = in ihrer eigenen Form
  • asti = existieren, bleiben
  • adhva = Weg, Pfad
  • bhedāt = wegen der Unterschiedlichkeit
  • adhva-bhedāt = wegen unterschiedlichen Pfaden, Veränderungen
  • dharmāṇāṁ = von Dharma, von Pflichterfüllung, von der natürlichen Aufgabe von etwas

Kommentar

Die Welt existiert getrennt vom Menschen. Die verschiedenen Wege des Individuums erschaffen, was die verschiedenen Eigenschaften, Charakteristika, der Welt zu sein scheinen. Damit wird prakriti von purusha getrennt. Das heißt, die Welt existiert auch ohne unser Zutun. Das klingt banal, aber oft sind wir nicht so ganz davon überzeugt, sondern glauben, daß wir alles nur durch unser Tun schaffen.

Vom absoluten Standpunkt der vedanta-Philosophie her gesehen gibt es gar keine Welt.

Auf einer gewissen Ebene haben wir natürlich eine Verantwortung und auch einen freien Willen.

Aber von einem etwas höheren Standpunkt aus sind beide nicht so groß, wie wir eigentlich denken. Von einem recht hohen Standpunkt aus geschieht alles, wie es geschehen soll. Wie es etwa Krishna in der Bhagavad Gita ausdrückt: Wir sind nur Marionetten in den Händen Gottes.

Diese unterschiedlichen Standpunkte der jeweiligen Philosophiesysteme zu verstehen und einzunehmen, ist sehr wichtig. Sie widersprechen sich teilweise vollkommen, sind aber trotzdem gleichzeitig gültig, je nachdem, von welchem Blickwinkel aus man sie gerade betrachtet.

Es widerspricht sich, daß wir einerseits einen freien Willen haben sollen. Und andererseits haben wir gar keinen freien Willen, sondern alles ist vorbestimmt. Und vom höchsten Standpunkt aus geschieht gar nichts. Trotzdem ist alles wahr. Das ist die einzige Weise, Wahrheit zu erklären. Ein solches Paradoxon befriedigt den Intellekt nicht unbedingt. Aber auch die moderne Physik muß manchmal auf Paradoxien zurückgreifen, um Naturgesetze zu erklären.

Zum Beispiel gibt es diesen unerklärlichen Dualismus beim Licht. Bis heute weiß niemand genau, was Licht ist. Die einen sagen, Licht ist eine Welle, die anderen sagen, Licht besteht aus Teilchen, und neuerdings sagt die Mehrheit der Wissenschaftler, Licht ist sowohl Welle als auch Teilchen. Aber nach allen physikalischen Gesetzen kann eine Sache nicht gleichzeitig Welle und Teilchen sein. Entweder ist Licht ein Teilchenstrom, der von einer Lampe ausgeht und über die Teilchen, die sogenannten Photonen, Licht abgibt. Oder es muß einen Lichtäther geben, der sich bewegt und die Wellen in diesem Äther sind das Licht. Nun wurden verschiedene Experimente durchgeführt, die eindeutig beweisen, daß Licht aus Teilchen besteht. Es wurde nachgewiesen, daß Lichtteilchen Kraft und Masse haben. Es gibt aber auch andere Experimente, die ganz eindeutig beweisen, daß Licht nicht Teilchen ist, sondern eine Welle. Aber Licht kann nicht gleichzeitig Teilchen und Welle sein! Das geht nicht. Das ist unmöglich. Aber es ist eindeutig so, daß Licht sich manchmal wie Teilchen verhält und manchmal wie eine Welle, obwohl es beides zusammen nicht sein kann. Das ist der sogenannte Teilchen-Wellen-Dualismus, den man inzwischen nicht nur beim Licht findet, sondern bei der Materie an sich.

Materie selbst kann man von einem Standpunkt aus als eine Wahrscheinlichkeitswelle definieren. Mit dieser Theorie kann man einige Phänomene von Materie gut erklären. Das nur als Beispiele. Überall, wo man tiefer in die Wahrheit hineingeht, trifft man auf diese Paradoxien.

Die Wirklichkeit ist nicht vom menschlichen Intellekt her begreifbar. Es ist ohnehin eine unglaubliche Anmaßung, anzunehmen, die Wirklichkeit müsse für den Menschen logisch ergründbar sein. Inzwischen weiß man, daß der Mensch niemals alles über das physische Universum wissen kann. Nicht deshalb, weil er noch nicht weit genug ist, weil unsere Computer noch nicht fortgeschritten genug sind, weil wir noch nicht genügend Neuronen im Gehirn haben, sondern ganz einfach deshalb, weil die Welt nicht logisch erfaßbar ist. Sie verhält sich nicht entsprechend dieser „normalen“ menschlichen Logik, so wenig wie sie sich nach der Logik eines Hundes oder eines Pferdes verhält.

Wenn wir das im Hintergrund haben, können wir auch besser verstehen, daß die Meister und die Schriften manchmal im gleichen Kontext sagen: „Du bist der Meister deines Schicksals“ und kurz danach: „Gott macht alles.“ In der Bhagavad Gita finden wir diese scheinbaren Widersprüche etliche Male. Auf Arjunas Bitte sagt Krishna: „Ich habe schon alles gemacht, du brauchst nichts mehr zu machen.“ Und kurz danach erzählt er ihm: „Es ist deine Pflicht, zu kämpfen.“ Und nach einer Weile sagt er: „Du kannst gar nicht anders, als es zu tun. Wenn du es nicht tust, wird die Natur dich dazu zwingen, du hast gar keine freie Wahl.“ Kurz danach erzählt er wieder etwas anderes („tu was du willst“). Und zwar nicht deshalb, weil Krishna unlogisch ist, sondern weil so die Wirklichkeit beschaffen ist. Er spricht von verschiedenen Standpunkten aus.

Das hilft uns übrigens auch, nicht allzu sehr und zu lange mit einem schlechten Gewissen herumzulaufen, wenn wir etwas falsch gemacht haben oder etwas nicht so gut geglückt ist. Es hilft, Dingen nicht nachzuhängen oder nachzutrauern: „Ach, hätte ich das doch anders gemacht, hätte ich doch schon vor zwanzig Jahren nach meinem ersten Kontakt mit Yoga weitergemacht, oder hätte ich ….“ Wir können zurückblicken und sagen: Letztlich ist das geschehen, was geschehen sollte. Aber gleichzeitig darf man nicht die Einstellung haben: „Ich kann ja sowieso nichts machen, alles ist Kismet.“ In jedem Moment muß ich so entscheiden und handeln, als ob ich voll verantwortlich wäre – allerdings ohne mich deshalb innerlich damit zu binden. Ganz im Hintergrund habe ich im Kopf: Ich kann mich nicht falsch entscheiden, ich kann nicht wirklich etwas falsch machen, weil Gott es schon vorherbestimmt hat. Das ist eine sehr positive und konstruktive Weltanschauung.

Eine andere Erklärung für diesen Aphorismus wäre:

Es gibt nicht nur eine Welt, sondern es gibt verschiedene Welten. Eigentlich existieren alle Möglichkeiten der Entscheidung, die wir jemals gehabt haben, gleichzeitig parallel.

Es gibt also dieses Universum, diese Ebene, auf der wir uns in einer Situation so entschieden haben. Gleichzeitig gibt es ein paralleles Universum, wo man sich ganz anders entschieden hat. Und nicht nur eins, denn wie oft hat man im Leben schon Entscheidungen getroffen? – Natürlich trifft man ununterbrochen Entscheidungen: „Soll ich jetzt noch länger arbeiten und diese Arbeit abschließen, oder soll ich eine Pause machen und Getreidekaffee trinken oder spazierengehen?“ „Soll ich etwas essen oder nicht, soll ich Gemüse oder Salat essen oder Suppe oder Müsli?“ „Soll ich aufstehen, obwohl ich noch müde bin, oder den Wecker abstellen und weiterschlafen?“ Und wie oft im Leben hast du schon wichtige, einschneidende Entscheidungen getroffen? Eine Entscheidung kann auch dann einschneidend gewesen sein, wenn man nichts gemacht hat, es einfach so hat weiterlaufen lassen. Aber man stand vor einer Entscheidung, man hatte die Wahl.

Und jetzt stelle dir vor, jede dieser Entscheidungen ist eine Welt für sich. Das heißt, du lebst in jeder Entscheidungswelt und hast dort in der Zwischenzeit wieder Hunderte von Entscheidungen getroffen. All diese Möglichkeiten existieren gleichzeitig überall. Wir bewegen uns durch diese verschiedenen Möglichkeiten hindurch. Unsere Entscheidungen bestimmen nicht die Welt, sondern den Weg, den wir durch die verschiedenen Welten gehen.

Angenommen, in einem Raum wären zehn Ameisen, die losrennen. Unterwegs machen sie immer wieder Umwege und denken dann, sie beeinflussen das Universum. Wenn sie mehr nach rechts gehen, wird plötzlich das Universum heller, wenn sie nach links gehen, wird es dunkler oder verändert seine Farben, und wenn sie zum Ende des Raumes oder an eine Seitenwand kommen, wird das Universum plötzlich zur Mauer. Zehn Ameisen, die sich gegenseitig nicht sehen können, erfahren zehn unterschiedliche Universen, aber der Raum bleibt gleich.

Das ist ein ganz faszinierender Gedanke. Im Traum schaffen wir uns auch selbst noch zusätzliche Universen. Wobei natürlich diese Universen auch Berührungspunkte haben. Es gibt ja Träume, bei denen wir mit dem Astralkörper aus dem physischen Körper austreten und dann vielleicht sogar in die Zukunft sehen. Und am nächsten Tag oder ein paar Jahre später kommen wir in eine Situation oder an einen Ort und wissen ganz genau, was als nächstes geschehen wird. Wir waren schon da. Und es geschieht tatsächlich so, wie wir es im Traum bereits erlebt haben.

Jetzt erhebt sich aber die Frage: Sind es wirklich verschiedene Universen? Sind es nicht einfach verschiedene Ebenen?

Letzlich ist es das gleiche Universum, das sich auf verschiedene Weise manifestieren kann, ein multidimensionales Universum. Je nachdem, in welche Richtung wir gehen, bestimmen wir unsere Erlebnisebene. Von unserem jetzigen Blickwinkel aus sind es verschiedene Universen. Wenn zehn Ameisen von einer Stelle losgehen, nimmt die eine den Weg durch das Gras, die andere über die Steine, die dritte über den Teppichboden – jede davon beschreibt die Erde ganz anders und erlebt ein anderes Universum.

Dazu gibt es eine berühmte alte Geschichte: Der König der Blinden hörte von einem Elefanten. Er schickte nacheinander fünf Gesandte hin, die herausfinden und beschreiben sollten, was ein Elefant ist. Der erste Gesandte berührte die Beine des Elefanten und sagte: „Oh König, der Elefant ist wie eine große Säule.“ Der König dachte: Gut. Aber einer kann sich irren, sicherheitshalber schicke ich einen zweiten hin. Der Zweite kam hin und faßte den Bauch des Elefanten an. Er sagte: „Oh König, der Elefant ist wie ein großes, weiches, durchhängendes Dach.“ Das fand der König nun recht merkwürdig. Er schickte einen Dritten, der überprüfen sollte, wer von beiden recht hatte. Der Dritte faßte an den Stoßzahn des Elefanten und sagte: „Oh König, der Elefant ist wie ein spitzer Ast, gebogen und hart.“ Nun war der König ganz verwirrt und schickte den Vierten los. Der Vierte faßte hinten an den Schwanz und sagte: „Oh König, der Elefant ist wie ein großes Haarbüschel.“ Und schließlich kam der Fünfte zurück, der hatte an den Rüssel gefaßt und sagte: „Oh König, der Elefant ist wie ein weicher, flexibler Schlauch.“ Wer von ihnen hat recht?

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