Kapitel 3, Vers 52

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf einen Augenblick und seine Folge erreicht man aus Unterscheidungskraft geborenes Wissen.

Sanskrit Text:

kṣaṇa-tat-kramayoḥ saṁyamāt vivekajaṁ-jñānam ||52||

क्षणतत्क्रमयोः संयमात् विवेकजंज्ञानम् ॥५२॥

kshana tat kramayoh sanyamat vivekajam jnanam ||52||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • kṣaṇa = Augenblick, kleinste vorstellbare Zeiteinheit, Moment
  • tat = seine
  • krama = Folge, Abfolge
  • saṁyama = durch tiefe Versenkung, Meditation
  • viveka = Unterscheidungskraft
  • jam = kommend aus, aus
  • jñāna = Wissen, Verständnis

Kommentar

Wenn man einen bestimmten Augenblick, nämlich diesen Moment, dieses Jetzt, bewußt wahrnimmt, und sich bewußt wird, was daraus entstehen könnte, dann bekommt man Unterscheidungskraft. Man merkt, was da ist, was für einen Wunsch man zum Beispiel gerade hat. Dann kann man sich konzentrieren auf diesen Augenblick, wo man gerade dabei ist, eine Dummheit zu begehen. Und man konzentriert sich auf die Folge. Dann kommt die Unterscheidungskraft: Lieber nicht – in Anlehnung an einen Vers aus dem zweiten Kapitel (II 16): „Heyam duhkham anagatam“, „Leid, das sich noch nicht manifestiert hat, sollte vermieden werden“ – ein wichtiger Vers, den wir öfter vergessen.

Viele Menschen machen das leider nicht – einen Augenblick innezuhalten und sich auf die Folgen und Auswirkungen eines Wunsches oder einer Handlung zu konzentrieren –, sondern sie tun es einfach. Das ist die einfache Interpretation dieses Verses.

Er hat aber auch eine tiefere, philosophischere Ebene. Wenn man über den Augenblick und seine Folge nachdenkt, kommt man zur letzten Unterscheidungskraft, nämlich, daß Zeit eine Illusion ist.

Er ist im Kleinen anzuwenden wie auch im Großen, wie fast alle Verse des dritten Kapitels.

Eine weitere interessante Interpretation hat Swami Vishnu gerne genannt: Lebe im Hier und Jetzt. Konzentriere dich auf das Jetzt, statt immer in der Zukunft zu leben. Überlege nicht immer wieder: Was könnte ich noch machen, was muß ich noch tun, ich werde glücklich sein, wenn…

Auch mir geht es mit dem Yoga Vidya Ashram hier so. Ich denke immer, wenn die und die Mitarbeiter so und so lange da sind, sich in dieses und jenes Gebiet eingearbeitet und richtig eingelebt haben und wenn die Mannschaft vollständig ist, dann wird alles glatt laufen. Eigentlich müßte ich es besser wissen. Ich bin jetzt seit mehr als 20 Jahren in solchen Yogazentren, und es war nie so gewesen, daß alles ideal lief.

Man denkt, in Zukunft wird es so sein, anstatt jetzt im Augenblick, in diesem Moment zu sein, zu leben, zu genießen. Deshalb bemühe ich mich immer wieder darum, diesen Moment, mit allem Chaos, das ab und zu herrscht, als das Leben anzunehmen. Swami Vishnu sagte: „Chaos muß herrschen, dann kann sich das karma richtig ausarbeiten. Sobald alles unter Kontrolle ist, lernt man nichts Neues mehr.“ Swami Vishnu hat in den Sivananda Zentren auch immer für Chaos gesorgt, wenn es irgendwo einmal funktioniert hat. Wenn wir in einem Center mal ein Team hatten, in dem sich alle gut verstanden haben, konnte man sicher sein, daß Swami Vishnu bald anrufen und denjenigen versetzen würde, der für die Harmonie im Team vielleicht am notwendigsten war. Oder er versetzte einen neuen Mitarbeiter dorthin, der ein richtiger Unruhestifter war und sich woanders hoffnungslos mit allen überworfen hatte. Viele solcher Dinge hat Swami Vishnu im Bewußtsein gemacht, Diener und Kanal Gottes zu sein.

Wir können uns nicht ausruhen, sondern wir lernen, immer wieder im Moment zu sein, zu tun, was jetzt in diesem Moment notwendig ist, und wir lernen, alle Verhaftungen aufzugeben. Wir müssen immer wieder bereit sein, Projekte oder unsere Aufgaben aufzugeben, etwas anderes zu tun, wenn es notwendig ist, ohne uns dabei zu verheddern. Indem wir Konzentration auf den Augenblick üben: Was liegt in dem Moment an? Was ist in dem Moment zu tun? Was lerne ich in dem Moment? Wie manifestiert sich Gott in diesem Moment? Wie offenbart er sich in diesem Moment? bekommen wir Unterscheidungskraft.

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