Kapitel 3, Vers 22

Deutsche Übersetzung:

Karma ist jetzt wirksam oder schlummernd. Durch samyama darauf erhält man Wissen über den eigenen Tod oder sein Schicksal.

Sanskrit Text:

sopa-kramaṁ nirupa-kramaṁ ca karma tatsaṁyamāt-aparāntajñānam ariṣṭebhyo vā ||22||

सोपक्रमं निरुपक्रमं च कर्म तत्संयमातपरान्तज्ञानम् अरिष्टेभ्यो वा ॥२२॥

sopa kramam nirupa kramam cha karma tatsanyamat aparantajnanam arishtebhyo va ||22||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • sopa = gestützt auf
  • krama = Abfolge, Ablauf
  • sopakramaṁ = auf dem Ablauf basierend, nachvollziehbar, vorhersehbar
  • nirupa = nicht gestützt, leer
  • nirupakramaṁ = nicht auf dem Ablauf basierend, unvorhersehbar, nicht nachvollziehbar
  • ca = und
  • karma = Karma, Handlung, Ursache oder Wirkung einer Handlung, Schicksal
  • tat = dies
  • saṁyamāt = durch Versenkung auf, durch Ausübung von Samyama über
  • aparānta = Tod, Ende
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis
  • ariṣṭa = Schicksal
  • ibhya = sein
  • vā = oder

Kommentar

Es gibt die drei Hauptformen von karma: prarabdha, das Karma, das jetzt aktiv ist, sanchita, das gespeicherte Karma und agami, das neu geschaffene Karma.

Wenn man samyama ausführt auf das karma, das jetzt aktiv ist (prarabdha) und auf den Speicher des karmas (sanchita), also die Lektionen, die noch vor einem liegen, und sich auf beides konzentriert, dann weiß man plötzlich, welche Aufgaben man noch zu erfüllen hat. Und dann weiß man auch, wann es vorbei ist. Und wenn es vorbei ist, stirbt der Körper natürlich.

Eigentlich ist es nicht empfehlenswert, den Zeitpunkt des Todes zu wissen. Allein die Vorstellung und Überzeugung, daß wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sterben werden, kann dazu führen, daß wir tatsächlich an diesem Tag sterben.

Ein Beispiel dafür ist die negative Beeinflussung durch ärztliche Diagnosen. Bei Untersuchungen hat man festgestellt, daß eine außergewöhnlich große Zahl von Menschen genau dann stirbt, wie es die Ärzte vorausgesagt haben. Wenn die Ärzte eine Lebenserwartung von sechs Monaten oder zwei Jahren diagnostizieren, dann sterben viele Patienten auf den Tag genau nach sechs Monaten oder nach zwei Jahren – selbst wenn sich bei der Obduktion nachher herausstellt, daß der Mensch eigentlich gar nicht so krank war oder daß die Krankheit nicht notwendigerweise zum Tod hätte führen müssen. Der Mensch stirbt aufgrund der Suggestion durch die Prognose des Arztes.

Ein Arzt erzählte einmal folgenden Fall, den er in seiner eigenen Praxis erlebt hat: Er hatte einen Patienten mit einer eigentlich tödlichen Krankheit. Gegen diese Krankheit war ein ganz neues Medikament entwickelt worden, das aber noch nicht zugelassen war, weil es erst noch erprobt werden mußte. Jedes Medikament muß erst an Hunderten von Tieren, Zellkulturen und schließlich an Menschen erprobt werden, bevor es zugelassen wird. Dieser Patient hatte also eine sehr heimtückische Krankheit mit einer sehr geringen Lebenserwartung. Der Arzt erzählte ihm von dem Medikament, das vielleicht zur Heilung führen könne, das aber noch erprobt werden müsse und das unter Umständen auch Nebenwirkungen mit sich bringen könne. Ob er trotzdem bereit wäre, es auszuprobieren. Der Patient nahm das Medikament und wurde innerhalb von zwei Monaten vollkommen gesund. Eine ganze Weile später hat er in einer Zeitschrift gelesen, daß dieses Medikament für seine damalige Krankheit nun doch nicht eingesetzt werden könne, weil es nicht sehr wirkungsvoll sei. Einen Monat, nachdem er das gelesen hatte, war er tot, nachdem er dazwischen um die drei Jahre vollkommen beschwerde- und symptomfrei gelebt hatte!

Man muß vorsichtig sein mit dem, was man zu Menschen sagt. Worte haben Macht, wie wir im ersten Kapitel gesehen haben, wo Patanjali vikalpa (Wortirrtum, Einbildung, Suggestion) als eine der fünf vrittis (Gedankenwellen) behandelt.

 

Anm.: In manchen Ausgaben wird zusätzlich als Vers 22: „Etena shabdâdy antardhânam uktam“ als weiterer Aphorismus berücksichtigt, so daß eine andere Zählweise entsteht. Wir folgen hier der kürzeren Zählweise, doch der Vollständigkeit sei hier der zusätzliche Vers angefügt:

Etena shabdâdy antardhânam uktam

Etena = durch dieses
shabda = Ton
âdi = andere
antardhâna = Verschwinden
ukta = gesagt, beschrieben, erklärt

Kommentar von Sukadev: Dies erklärt auch das Verschwinden von Lauten und anderem.  Das gilt also nicht nur für das Unsichtbarwerden, sondern auch für das Unhörbarwerden. Wenn man voll auf sich selbst konzentriert ist, kann man sogar mantras singen, ohne daß andere es hören.

Wenn man hingegen selbst sehr konzentriert mit etwas beschäftigt ist, z.B. wenn man ein interessantes Buch liest oder einen Film schaut und dann nichts hört, wenn jemand hereinkommt, klopft oder etwas sagt, das ist pratyahara.

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