Kapitel 3, Vers 21

Deutsche Übersetzung:

Samyama auf die Gestalt des eigenen Körpers hebt die Kraft, die ihn wahrnehmbar macht, auf; die Verbindung des Lichts mit dem Auge wird unterbrochen; er wird unsichtbar.

Sanskrit Text:

kāya-rūpa-saṁyamāt tat-grāhyaśakti-stambhe cakṣuḥ prakāśāsaṁprayoge-’ntardhānam ||21||

कायरूपसंयमात् तत्ग्राह्यशक्तिस्तम्भे चक्षुः प्रकाशासंप्रयोगेऽन्तर्धानम् ॥२१॥

kaya rupa sanyamat tat grahyashakti stambhe chakshuh prakashasanprayoge ’ntardhanam ||21||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • kāya = Körper
  • rūpa = Form
  • saṁyamāt = durch Übung von saṁyama
  • tat = von ihm, daher
  • grāhya = wahrnehmbar
  • śakti = Kraft, Fähigkeit
  • stambha = Behinderung
  • cakṣuḥ = Auge
  • prakāśa = Licht
  • asaṁprayoga = keine Verbindung
  • antardhāna = Verschwinden, Unsichtbarkeit

Kommentar

Hier sagt Patanjali uns, wie man unsichtbar wird.

Ich nehme an, es funktioniert wirklich im wörtlichen Sinn. Wenn jemand volles samyama beherrscht, kann er sich tatsächlich soweit unsichtbar machen, daß selbst eine Kamera ihn nicht sieht und man ihn nicht fotografieren kann. Es gibt viele Berichte von Menschen, die unsichtbar geworden sind. Manche Menschen berichten, daß sie gesehen haben, wie Heilige vom einen Moment auf den anderen verschwunden sind. Ich selbst habe so etwas noch nie gesehen und kenne es nicht aus Erfahrung.

Dieser Vers hat aber auch eine praktische Anwendung im abgeleiteten Sinn. Wenn du irgendwo in eine Menschenmenge kommst und willst nicht gesehen werden, ist die beste Technik, dich nur auf dich selbst zu konzentrieren. Nimm nur dich selbst wahr. Wenn du nur dich selbst wahrnimmst und an niemand anderen denkst, dann werden dich die anderen nicht bemerken. Du kannst durch die Menge hindurchgehen, ohne daß jemand von dir Notiz nimmt.

Die meisten Menschen machen dummerweise das Gegenteil, wenn sie nicht wahrgenommen werden wollen. Sie denken ständig: „Hoffentlich sieht der mich jetzt nicht.“ – “Jetzt bin ich so ungekämmt oder unrasiert oder ungeschminkt, ich hoffe, keiner sieht mich in dem Aufzug.“ Man denkt also ständig an andere Menschen. Und was passiert logischerweise? Weil man ständig an andere Menschen denkt, weckt man ihre Aufmerksamkeit und wird wahrgenommen.

Natürlich gibt es auch das Gegenteil, nämlich, daß man sich bemerkbar machen will. Schüchterne Menschen zum Beispiel: Sie gehen auf eine Party oder eine Versammlung und nehmen sich vor: „Heute will ich endlich auch mal im Mittelpunkt stehen.“ Und dann überlegen sie ständig: „Was müßte ich jetzt machen, damit mich jemand bemerkt? Wie komme ich zu Wort? Wie drücke ich mich jetzt richtig aus? Sehe ich richtig aus?“ – Sie sind nur auf sich selbst konzentriert. Was ist die Folge? Man sieht sie nicht, nimmt sie nicht wahr!

Wenn du wahrgenommen werden willst, bringe die Aufmerksamkeit weg von dir selbst. Richte deine Aufmerksamkeit auf die anderen, und du wirst wahrgenommen. Das ist eine gute Hilfe für schüchterne Menschen, die sich nicht trauen, auf andere zuzugehen. Es ist gar nicht nötig, auf andere zuzugehen. Es reicht, sich auf die anderen zu konzentrieren und sie wahrzunehmen, Interesse für sie aufzubringen und zu lächeln. Dann kommen sie von allein auf dich zu – manchmal mehr, als einem lieb ist! Es ist hilfreich, wenn man auch mal das erste Wort sagt, um den Kontakt herzustellen. Aber das ist nicht einmal so nötig.

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