Kapitel 3, Vers 2

Deutsche Übersetzung:

Bilden die Bewußtseinsinhalte einen ununterbrochenen Strom, so ist dies dhyana (Meditation).

Sanskrit Text:

tatra pratyaya-ikatānatā dhyānam ||2||

तत्र प्रत्ययैकतानता ध्यानम् ॥२॥

tatra pratyaya ikatanata dhyanam ||2||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • tatra = dort, dann
  • pratyaya = Bewusstseinsinhalt, Vorstellung, Gedanke
  • eka = eins
  • tāna = wandern, fließen
  • ekatānata = als Eines fließend
  • dhyāna = Meditation, Kontemplation

Kommentar

Wenn die Konzentration ungebrochen wird, dann ist es dhyana. Dhyana ist volle Konzentration auf ein Objekt, vollständige Absorption, so daß man ganz in dieser Konzentration aufgeht.

Es ist schwierig, das Wort dhyana zu übersetzen. Meist wird es als Meditation übersetzt. Nur – Meditation ist ja in der ursprünglichen Bedeutung etwas anderes. Es kommt vom Lateinischen und bedeutet Nachdenken. Als Descartes im 17. Jahrhundert seine „Meditationes“ schrieb, hat er keine Meditationstechniken beschrieben, sondern tiefes Nachdenken über bestimmte Themen. Wenn wir dagegen heute sagen, ich meditiere jetzt eine halbe Stunde, dann ist damit gemeint, wir setzen uns hin (asana), regulieren den Atem (pranayama), ziehen die Sinne nach innen zurück (pratyahara) und konzentrieren uns auf etwas (dharana). Ob wir wirklich den dhyana-Zustand erreichen oder nicht, können wir im voraus nie genau sagen. Dhyana ist, wenn die Konzentration anstrengungslos ist. Wenn man zum Beispiel in der Meditation das mantra „Om Namah Shivaya“ wiederholt und sich dabei bemühen muß, die Konzentration bei der Mantrawiederholung zu halten, weil der Geist wegwandert und man ihn immer wieder zurückholen muß, dann ist das dharana. Ist der Geist vollkommen konzentriert, und ist man total absorbiert in der Meditation und wiederholt „Om Namah Shivaya“, nicht mit absichtlicher Konzentration, sondern es wiederholt sich von selbst und man ist ganz verschmolzen darin, dann ist es dhyana.

Dieses dhyana kann sogar außerhalb von reiner Meditation passieren. Das haben wir im Rahmen des ersten Aphorismus des zweiten Kapitels im Zusammenhang mit den fünf Zustandsformen des Geistes besprochen: mudha, kshipta, vikshipta, ekagrata und nirodhah. Ekagrata, Einpünktigkeit des Geistes, entspricht in der niederen Ausprägung dhyana, in der oberen Stufe samprajnata samadhi.

Wenn man ganz konzentriert ist, auch im täglichen Handeln, ist auch das dhyana. Es ist das, was in der modernen Glücksforschung als Flow-Erlebnis bezeichnet wird: Man fließt mit der Sache, man handelt nicht, sondern es handelt durch einen hindurch. Das sind die Momente, wo der Mensch das Außergewöhnlichste leistet, sich vollkommen losgelöst und frei fühlt. Der Tennisspieler Boris Becker hat in einem Interview einmal beschrieben, was während seiner besten Spiele in ihm abläuft: Er denkt nicht mehr, macht nichts mehr bewußt, es geschieht einfach. Das ist eine perfekte Beschreibung von dhyana.

Dharana gibt es in zweierlei Formen: die angestrengte und die entspannte Konzentration. Wenn wir unter Zeitdruck stehen und etwas unbedingt in der nächsten halben Stunde fertig haben müssen, dann ist es die angestrengte Konzentration. Wenn wir in den Yogastunden entspannt sind oder uns mit unserem Hobby beschäftigen, dann ist es die entspannte Konzentration. Die entspannte Konzentration kann zu dhyana führen und einen richtig beleben. Die angespannte Konzentration kann zwar auch effektiv sein, aber sie führt zu Müdigkeit.

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