Kapitel 3, Vers 18

Deutsche Übersetzung:

Durch die direkte Erfahrung von samskaras (Eindrücke im Unterbewußtsein) entsteht das Wissen um das vorige Leben.

Sanskrit Text:

saṁskāra-sākṣātkaraṇāt pūrva-jāti-jñānam ||18||

संस्कारसाक्षात्करणात् पूर्वजातिज्ञानम् ॥१८॥

samskara sakshatkaranat purva jati jnanam ||18||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • saṁskāra = Eindrücke, Neigungen, die Erfahrung aus den vorangegangenen Handlungen
  • sākṣāt = direkt, unmittelbar
  • sākṣātkaraṇa = direkte Erfahrung
  • pūrva = vorher
  • jāti = Geburt
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis

Kommentar

So geht man in frühere Inkarnationen hinein. Manche Reinkarnationstherapeuten arbeiten mit dieser Technik.

Eine Weise, in frühere Leben zu gehen, ist, sich zu entspannen und mit der Vorstellung in die Vergangenheit hineinzugehen. Diese Methode habe ich einmal im Rahmen eines Workshops als kollektive Rückführung kennengelernt. Swami Vishnu hat zwar grundsätzlich gesagt, man soll keine Rückführung machen, man soll nicht in frühere Leben gehen, aber er war nicht immer ganz so konsequent, was ja typisch indisch ist. Zweimal im Jahr hat er Festivals veranstaltet, zu denen er bekannte Leute eingeladen hat, einmal auf den Bahamas und im Sommer im Hauptashram in Kanada. Zu einem solchen Symposium, bei dem es um Yoga und Reinkarnation ging, hat er alle Fachleute eingeladen, die auf diesem Gebiet Rang und Namen hatten. Dazu gehörten Jan Stevenson, Raymond Moody und die bekannteste amerikanische Reinkarnationstherapeutin, die dort einen Workshop für kollektive Rückführung durchgeführt hat. Unter ihrer Anleitung legten wir uns auf den Rücken, entspannten uns, stellten uns vor, eine Wolke kommt herunter, wir setzen uns auf sie, und die Wolke trägt uns in die Vergangenheit. Dann sollten wir von oben hinunterschauen und sowie wir etwas sehen, sollten wir herunterkommen, uns dort niederlassen und schauen, was geschieht. Gut, dabei haben wir dann Verschiedenes gesehen. Ich habe mich zum Beispiel auf Eukalyptusbäumen in Australien gesehen, umgeben von Koalabären, die ich zu beschützen versuchte, und dabei wurde ich von Piraten erschossen. Ich bin da etwas skeptisch. Es ist nicht unbedingt sicher, daß das, was wir auf diese Weise sehen, auch wirklich ein früheres Leben ist. Denn der Geist hat eine lebhafte Phantasie. Wir können uns auch einiges ausmalen. Eigentlich kann man nur dann etwas sicherer sein, daß es ein früheres Leben ist, wenn man sich mit ausreichender Sicherheit an den Namen erinnert und an konkrete, nachvollziehbare Ereignisse, die man überprüfen kann, zum Beispiel in alten Gemeinde- oder Kircheneinträgen. Es gibt eine ganze Reihe von Menschen, die bei solchen Rückführungen zu so konkreten Angaben kommen, daß man sie über Standesämter oder kirchliche Register nachprüfen kann.

Eine zweite Weise wäre, man nimmt ein samskara (Eindruck im Geist, Fähigkeit) wahr, der in diesem Leben keine Begründung hat. Jemand hat zum Beispiel große Angst vor Wasser, und man kann mit Sicherheit ausschließen, daß er oder sie als Kind ins Wasser gefallen ist. Es könnte ja auch sein, daß man als Baby in die Badewanne gefallen und fast ertrunken wäre und daher Angst vor dem Wasser hat. Oder jemand hat Angst vor dem Feuer, weil er als Kind in eine Flamme oder auf eine heiße Herdplatte gefaßt hat oder Zeuge geworden ist, wie jemand verbrannt ist. Oder man hat als Kind einen Horrorfilm gesehen, wo Menschen im Feuer umkamen oder als Hexen verbrannt wurden. Das wären alles logische Erklärungen. Aber angenommen, jemand hat vor etwas Angst, ohne daß es in diesem Leben eine Begründung dafür gibt, dann läßt das auf Eindrücke aus früheren Leben schließen. Man hat zum Beispiel ein Talent, für das es in der eigenen Biographie und in der Genetik der Eltern und Vorfahren keine Begründung gibt. Angenommen, jemand ist sehr musikalisch, und weder Vater noch Mutter sind musikalisch, und man wurde auch nicht von Kindheit an gefördert. Dann kann man sich auf diesen samskara konzentrieren, entspannt konzentrieren, mit vollem Bewußtsein. Man kann als Vorarbeit darüber nachdenken, aber das eigentliche samyama, wenn man versucht, diesen samskara intuitiv wahrzunehmen, geschieht ohne Nachdenken. Über die samyama-Konzentration auf dieses Talent oder diese besondere Eigenschaft kommt man in das Leben, in dem der Ursprung dafür gelegt wurde. Beispielsweise Angst vor dem Feuer – dann sieht man plötzlich ein Bild, wo man selbst im Feuer umgekommen ist. Angst vor dem Wasser – man merkt vielleicht, wie man in einem früheren Leben ertrunken ist. Oder man war schon als Kind von Yoga fasziniert, aber keiner sonst aus der Familie, dann kann man sich vielleicht als Yogi irgendwo sehen.

Diese Erinnerungen sind nicht notwendig für das spirituelle Leben. Sie können einem unter Umständen dabei helfen, mit bestimmten Schwierigkeiten besser fertig zu werden. Auf Schwierigkeiten können wir auf verschiedene Weise reagieren: Wir können mit tapas, swadhyaya, ishvara pranidhana arbeiten – wie bereits erläutert –, und mit verschiedenen anderen geistigen oder praktischen Techniken. Oder wir können uns einfach auf die Schwierigkeit an sich konzentrieren, und das kann uns manchmal helfen, zur Ursache zu kommen oder die Lösung zu finden. Allein die Tatsache, daß wir uns darauf konzentrieren, kann oft schon dazu führen, daß es sich auflöst. Wenn es aber etwas ist, was seine Ursache in einem früheren Leben hat, dann kann es sein, daß Bilder aus einem früheren Leben aufsteigen, während wir uns darauf konzentrieren. In einem solchen Fall brauchen wir nicht zu befürchten, verrückt geworden zu sein, sondern wir wissen: Wir sind bewußt in dieses Problem hineingegangen, nicht in der Absicht, unsere früheren Leben zu ergründen, sondern um das Problem zu erfassen, und dabei ist halt jetzt dieses Bild aus einem früheren Leben aufgestiegen. Wenn wir das erkannt haben, kann es uns helfen, mit einer bestimmten vorhandenen Schwierigkeit in unserem jetzigen Leben besser fertigzuwerden. Man muß aber damit umgehen können, man darf aus früheren Leben keine Schuldgefühle entwickeln. Man sollte nicht unbedingt in der Vergangenheit wühlen und nicht grundlos in frühere Leben hineingehen. Deshalb hat Swami Vishnu normalerweise auch davon abgeraten.

Die Reinkarnationstherapeuten argumentieren eben damit, daß, wenn jemand unerklärliche emotionale und psychische Reaktionen zeigt, es ihm manchmal helfen kann, in die Vergangenheit zu gehen, um dann loszulassen. Ich will den therapeutischen Wert auch nicht in Abrede stellen. Es gibt Menschen, die dadurch zu einer gewissen Heilung gekommen sind. Aber als Yogis machen wir es normalerweise nicht.

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