Kapitel 3, Vers 16

Deutsche Übersetzung:

Durch samyama auf die drei Arten der Veränderungen (Form, Zeit und Zustand) kommt Wissen um Vergangenheit und Zukunft.

Sanskrit Text:

pariṇāmatraya-saṁyamāt-atītānāgata jñānam ||16||

परिणामत्रयसंयमाततीतानागत ज्ञानम् ॥१६॥

parinamatraya sanyamat atitanagata jnanam ||16||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • pariṇāma = Wandlung, Veränderung, Entwicklung
  • traya = die drei
  • saṁyamā = Konzentration, Versenkung, Samyama, Meditation
  • atīta = vergangen
  • anāgata = künftig
  • jñāna = Wissen, Verständnis, Erkenntnis

Kommentar

Wenn wir wissen wollen, wie Vergangenheit und Zukunft von etwas beschaffen ist, dann müssen wir schauen, wie es sich momentan verändert oder wie es sich in einem gewissen Zeitraum verändert hat. So können wir die Gesetze herausfinden, wie es sich in der Vergangenheit verhalten hat und wie es sich in Zukunft entwickeln wird.

Das ist eine Technik, die wir oft rein verstandesmäßig anwenden: Man stellt fest, daß ein Grashalm heute fünf Zentimeter hoch ist, vor zwei Wochen war er zwei Zentimeter hoch – was ist die logische Schlußfolgerung, wie hoch er in zwei Wochen sein wird? Wahrscheinlich um die acht Zentimeter. Aus Erfahrung wissen wir, daß das nicht immer ganz genau zutrifft. Denn wenn wir ein Baby anschauen, ist es bei der Geburt um die 50 Zentimeter groß, mit zwei Jahren 80 Zentimeter, mit fünf Jahren etwa 1,20 m – wenn wir das hochrechnen, wie groß müßte jemand sein, der 100 Jahre ist? – Das klappt also nicht so ganz!

Vieles kann man mit dem Intellekt erkennen und steuern. Aber es gibt etwas jenseits des Intellekts, und das ist unsere Intuition, die wir wiederum mit samyama erwecken können. Wenn man also die Zukunft oder auch die Vergangenheit erkunden will, schaut man, wie die Veränderung in einem gewissen Zeitraum verläuft. Dazu konzentriert man sich gleichzeitig entweder auf einen Punkt in der Vergangenheit und den jetzigen Zeitpunkt oder auf zwei auseinanderliegende Punkte in der Vergangenheit und macht samyama auf die Veränderung dazwischen.

Wenn du beispielsweise wissen willst, wie sich ein Mensch in Zukunft entwickeln wird, versuche, dich zu erinnern, wie der Mensch vor einem Jahr war, analysiere, wie er heute ist, und nimm dann den Menschen von heute und den von vor einem Jahr gleichzeitig wahr. Und während du das gleichzeitig wahrnimmst, kannst du dich auf die Veränderung konzentrieren, die dazwischen passiert ist. Und wenn du dich absichtslos und urteilslos auf diese Veränderung konzentrierst, verstehst du intuitiv, wie dieser Mensch in Zukunft sein wird. Das kann manchmal ganz praktisch sein, wenn man seine Beziehung zu einem Menschen analysieren will. Man kann überlegen, wie ist die Beziehung jetzt, wie war sie vor einem halben Jahr, sich auf die Veränderung konzentrieren, und dann kommt eine Intuition, wie sich die Beziehung in Zukunft entwickeln wird. Wobei wir natürlich wissen müssen, daß die Zukunft nie determiniert ist. Sobald wir – oder der andere – neue Ursachen setzen, entwickelt sich die Zukunft anders. Man kann die zukünftige Entwicklung also nur insoweit erkennen, als keine neuen Ursachen gesetzt werden. Da die meisten Menschen sehr unbewußt leben und nichts wirklich aus ihrem freien Willen entscheiden, sondern sich von ihren Verhaltensmustern bestimmen lassen, hat man in der Regel eine ziemlich hohe Treffsicherheit – wenn man das will. Die wenigsten Menschen überlegen sich wirklich, was sie tun könnten und tun dann auch wirklich etwas, um den Lauf der Dinge zu verändern.

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