Kapitel 2, Vers 9

Deutsche Übersetzung:

Furcht vor dem Tod ist der fortgesetzte Wunsch zu leben, von dem sogar der Weise beherrscht wird.

Sanskrit Text:

svarasvāhi viduṣo-‚pi samārūḍho-‚bhiniveśaḥ ||9||

स्वरस्वाहि विदुषोऽपि समारूढोऽभिनिवेशः ॥९॥

svarasvahi vidusho ‚pi samarudho ‚bhiniveshah ||9||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • sva = eigene
  • rasa = Natur, Essenz, Kern
  • vāhī = Träger
  • viduṣa = der Gelehrte, Weise
  • api = sogar
  • samā = sehr, völlig
  • rūdha = reitend, beherrschend
  • abhiniveśa = tief in uns sitzende Angst, Todesangst, Lebenswille

Kommentar

Einen Selbsterhaltungstrieb hat sogar noch der Weise.

Jetzt könnte man sagen – und so argumentiert die westliche Psychologie –: Selbsterhaltungstrieb ist ein menschlicher Instinkt, das ist Teil des menschlichen Lebens, und das ist gut so. Aber die Yogis sagen: „Das ist eine Ursache des Leidens und man kann durchaus etwas dagegen tun.“

Patanjali gibt uns also eine Kette von Leid-Ursachen:

  • Unwissenheit ist Ursache des Leidens
  • Identifikation ist Ursache des Leidens.
  • Etwas besonders gern zu haben, ist Ursache des Leidens.
  • Etwas abzulehnen, ist Ursache des Leidens.
  • Und letztlich ist die Furcht vor dem Tod, also der Selbsterhaltungstrieb, auch Ursache des Leidens.

Wir können das jetzt sehr abstrakt oder sehr konkret sehen.

Nehmen wir die Sache mit dem Körper als Beispiel.

Avidya, Nichtwissen: Wir vergessen, wer wir wirklich sind. Wir vergessen, daß wir das unsterbliche Selbst sind, und identifizieren uns mit diesem Körper (asmita). Konsequenz davon ist raga, wir mögen etwas, und dvesha, wir mögen etwas nicht. Der Körper hat bestimmte Wünsche, Vorlieben u.s.w. Nun mögen wir dies und jenes, und bestimmte andere Dinge mögen wir nicht. Dann mögen wir natürlich auch, daß der Körper schön aussieht, daß das Haar füllig ist, glänzt, glatt oder gelockt oder wie auch immer ist. Wir mögen es nicht, wenn wir wieder ein paar zusätzliche graue Haare haben. Wir mögen es darüberhinaus, daß uns jemand sagt: „Siehst du aber gut aus!“ Wir mögen es nicht, wenn man uns sagt: „Du siehst aber mitgenommen aus heute!“ oder sonst etwas Ähnliches. Nun passiert es aber mehr oder weniger häufig, daß das, was wir mögen, nicht eintritt, und das, was wir nicht mögen, passiert. Das führt dann zu Leiden. Und schließlich abhinivesha: Wir identifizieren uns mit diesem Körper und haben Angst davor, ihn zu verlieren. Eines ist aber sicher: Wir verlieren den Körper irgendwann. Und manchmal hat man Krankheiten, schwere Krankheiten. Das bringt Menschen total durcheinander. Ihre ganze Lebensphilosophie muß sich ändern.

Manche Menschen identifizieren sich weniger mit ihrem Körper, sondern mehr mit einem bestimmten Teil ihrer Persönlichkeit. Künstler zum Beispiel definieren sich oft über ihr Künstlertum, wie etwa ein Musiker, Dichter oder Maler: „Ich bin Musiker.“ Ein Musiker hat eine ganz bestimmte Persönlichkeit und Identifikation. Er hat bestimmte Vorlieben. Er macht zum Beispiel gern Musik. Und er spielt bestimmte Arten von Musik besonders gern. Er ist gern mit anderen Musikern zusammen. Er freut sich, wenn er für seine Musik gelobt wird. Wenn man einen Musiker, der sich sehr mit seiner Musik identifiziert, dafür lobt, was für eine schöne Krawatte er trägt, dann interessiert ihn das nicht übermäßig. Wenn er aber von einem von ihm selbst geachteten anderen Musiker gelobt wird, wie gut er gespielt hat, dann wächst er. Findet jemand sein Spiel nicht gut, dann mag er das überhaupt nicht. Er hat auch Angst davor, kritisiert zu werden, nicht anerkannt zu werden, seine Musikalität zu verlieren.

Man kann sich mit jedem Beruf identifizieren. Ein Handwerker zum Beispiel möchte alles immer ordentlich und richtig machen.

Intellektuelle Menschen identifizieren sich sehr mit ihrem Intellekt. Und dann mögen sie zum Beispiel intellektuelle Diskussionen mit anderen Menschen, die klug sind. Sie mögen es nicht, mit scheinbar dummen Menschen etwas zu tun zu haben. Sie haben große Angst davor, daß die Schärfe ihres Intellekts nachläßt. Ihre größte Angst wäre, Alzheimer oder eine ähnliche Krankheit zu bekommen. Alles andere wäre für sie vielleicht nicht so schlimm, aber wenn sie irgendwann einmal merken, sie haben etwas vergessen, sie verstehen etwas nicht so schnell, das wirft sie total aus der Bahn

Manche Menschen identifizieren sich mit ihrer Rolle als Mutter, Ehefrau, Ehemann, Sohn etc. Viele identifizieren sich sehr stark mit einem anderen Menschen, beziehungsweise mit ihrem Bild von diesem Menschen. Manche identifizieren sich mit ihrem Haus, ihrer Firma, ihrem Auto, ihrer Briefmarkensammlung u.s.w.

Neben diesen allgemeinen gibt es auch negative Identifikationen. Manche Menschen halten sich für unfähig, meinen, daß sie kaum etwas können, und identifizieren sich damit. Sie mögen es, eher einfache Sachen zu tun. Und sie haben Angst vor vielen Aufgaben und vor Kritik. Sie identifizieren sich mit einer Rolle als Unglücksrabe, als Sündenbock etc.

Identifikation gibt es auch mit der spirituellen Übung: Angenommen, jemand identifiziert sich besonders mit seiner/ihrer Asanapraxis. Dann will er/sie natürlich auch ein Lob haben. Er/sie will z.B. auch den Skorpion (eine Yogastellung) können, und wehe, er gelingt nicht. Oder wenn er gelingt, dann schaut der Yogalehrer gerade nicht hin und das erwartete Lob bleibt aus. Angenommen, jemand bekommt vom Arzt gesagt: „Drei Monate lang dürfen Sie keine Rückbeugen machen“, bricht manchmal für diesen Menschen die Welt zusammen. Dabei wäre es so einfach, sich zu sagen: „Gut, dann mache ich halt mal drei Monate lang andere Übungen.“ Ich kenne Menschen, die jahrelang Yoga üben und plötzlich aus irgendwelchen Gründen bestimmte Übungen nicht mehr machen können. Das wirft manchen total aus der Bahn. Besser wäre es, dann eben andere Übungen zu machen. Und manchen wirft es auch aus der Bahn, wenn er mal weniger Zeit hat zum Üben oder es mal nicht so gut gelingt.

Auch mit anderen Aspekten des spirituellen Lebens, die eigentlich gut sind, können wir durch Anhaften zum Leid kommen. Man hat konkrete Vorstellungen über den spirituellen Weg. Nur, wir müssen uns auch hierbei vor Identifikationen hüten. Vieles auf dem spirituellen Weg kommt anders als wir erwarten.

Immer wenn man unglücklich ist, dann ist die Ursache die Identifikation mit irgend etwas. Irgendwo hat man seine wahre Natur als umfassendes Bewußtsein, als unvergängliches Sein, Wissen und Glückseligkeit vergessen. Das ist avidya. Man hat sich mit etwas identifiziert, was man nicht wirklich ist (asmita). Irgendwie hat man daraus ein Mögen (raga) und Nichtmögen (dvesha) gemacht und Angst entwickelt, etwas zu verlieren oder nicht zu können u.s.w. (abhinivesha). Und dann ist etwas eingetreten, was dem widersprochen hat, was wir mögen.

Es gibt Identifikationen verschiedener Grade. Zunächst haben wir einen Körper, einen Geist, eine Psyche, außerdem Fähigkeiten und Neigungen, mit denen wir uns identifizieren. Das ist eine Identifikation ersten Grades. Nun identifizieren wir uns aber nicht mit dem Körper, dem Geist und unseren Fähigkeiten, wie sie wirklich sind, sondern wir haben ein Bild davon, wie unser Körper, unser Geist, unsere Fähigkeiten und Neigungen, kurz unsere Persönlichkeit, sind. Das ist eine Identifikation zweiten Grades. Eine ganze Reihe von Menschen halten sich für zu dick, die, medizinisch gesehen, Normalgewicht haben. Sogar viele, die medizinisch untergewichtig sind, halten sich für übergewichtig. Man identifiziert sich mit seinem Selbstbild. Als drittes gibt es das Bild, das andere von uns haben. Und das vierte ist das Bild, von dem wir wollen, daß andere es von uns haben. Je mehr diese vier Bilder divergieren und je stärker sie verankert sind, desto mehr Spannungen gibt es.

Zu satya, Wahrhaftigkeit, gehört in diesem Sinne durchaus, authentisch zu sein und herauszufinden: Was sind meine Stärken und Schwächen, was ist meine Persönlichkeit? Und wir sollten uns so akzeptieren, dazu stehen und nicht versuchen, anders zu sein oder zu scheinen als wir eigentlich sind. Auf diese Weise nähert sich auch das Bild, das die anderen von uns haben, unserem Selbstbild. Das allein hilft, innere Konflikte abzubauen. Das ist schon ein etwas positiveres asmita.

Im Laufe der Zeit läuft die Yogapraxis typischerweise darauf hinaus, daß man ein authentischerer Mensch wird, daß man keine Angst davor hat, natürlich zu sein, zu seinen Schwächen zu stehen. Dabei hilft es natürlich auch, daran zu arbeiten, avidya zu reduzieren und zu erkennen: Ich bin weder der Körper noch der Geist, eigentlich bin ich das unsterbliche Selbst. Dieser Körper und dieser Geist sind mein Instrument. Und dieses Instrument können die anderen ruhig so sehen, wie es ist. Und ich selbst kann es ruhig auch kennenlernen. Und ich kann es auch entwickeln, es ist ja nicht fest vorgegeben. Meine Fähigkeiten, meine Möglichkeiten sind nicht festgeschrieben, ich kann vorhandene Stärken ausbauen und neue entwickeln. Das ist auch bei den asanas (Yoga-Übungen) so. Wenn man das Gefühl hat, steif und unbeweglich zu sein, heißt das noch längst nicht, daß man das auch ewig bleiben muß. Man kann an den asanas arbeiten und irgendwann wird man flexibler.

Um die kleshas zu mindern, übt man die drei Teile des kriya yoga: tapas, swadhyaya und ishvara pranidhana. Swadhyaya bedeutet Selbststudium. Selbststudium hat zwei verschiedene Aspekte. Der eine ist das Studium der Schriften, der andere ist Innenschau, Studium des eigenen Geistes: swa = Selbst, adhyaya = Studium, swadhyaya = Selbststudium. Es bezieht sich auf die beiden Seiten. Letztlich helfen einem die Schriften, sich selbst zu verstehen. Swadhyaya ist eine Weise, wie wir Leiden vermeiden können. Das heißt noch nicht, daß wir es damit ganz auflösen, aber wir können es zumindest vermindern (tanukarana). Dieses Schema der kleshas kann man sehr oft anwenden.

Wenn man feststellt, daß man sich irgendwie im Leiden befindet, kann man schauen: Wo habe ich mich fälschlicherweise identifiziert? Wo habe ich irgendwelche falschen Erwartungen gehabt? Wo ist etwas eingetreten, von dem ich gedacht habe, daß es nicht eintreten darf? Wo hatte ich Ängste? Dieses Analysieren und Zurückführen kann oft Leiden vermeiden, denn wenn wir etwas verstehen, können wir daran arbeiten und versuchen, es in Zukunft besser zu machen oder zu vermeiden. Das ist swadhyaya, Selbststudium, Selbsterforschung, der erste Aspekt von kriya yoga.

Vieles wird allein schon vermindert, indem wir erkennen, wo die kleshas gewirkt haben. Manchmal muß man dann über sich selbst lachen, und damit ist die Sache vorbei. Manchmal erkennt man zwar die Ursachen, aber das hilft und nützt einem trotzdem nicht so viel. Aber es verhindert die Besessenheit, wie ich es nennen möchte. Manche Menschen sind besessen von ihrem Leid, der Vorstellung, daß sie dies und jenes brauchen, um irgend etwas zu erreichen, oder von der Vorstellung einer Kränkung, weil jemand sie nicht so behandelt hat, wie sie es ihrer Meinung nach verdient bzw. erwartet haben. Diese Besessenheit kann vermindert werden, wenn man die Ursachen erkennt.

Dann kommt tapas, Askese. Tapas im weiteren Sinne bedeutet, bewußt Dinge zu tun, die man nicht mag. Das hilft, frei zu werden vor allem von raga-dvesha, Mögen und Nichtmögen. Man kann sich überlegen, welche Dinge mache ich nicht gerne, und sie dann analysieren. Manches ist ja durchaus begründet, zum Beispiel, weil es gefährlich, ungesund oder nicht sattvig ist. Und das tut man dann natürlich auch weiterhin nicht. Aber angenommen, man hat eine Abneigung gegen das Bügeln, dann sollte man bügeln, und lernen, freudig zu bügeln. Oder angenommen, man hat eine Abneigung gegen das Kochen. Dann sollte man kochen. Hat man eine Abneigung dagegen, Toiletten zu putzen, dann sollte man gerade das machen. Angenommen, man hat eine Abneigung dagegen, am Computer zu sitzen. Dann sollte man sich mal eine Weile damit beschäftigen. Es muß nicht für den Rest des Lebens sein, aber es sollte eigentlich nichts geben, wogegen man eine Abneigung hat, es sei denn aus ethischen oder gesundheitlichen Gründen. Denn manchmal oder meistens steckt hinter der Abneigung Angst. Wenn man es ein paar Mal gemacht hat, verschwinden Angst und Abneigung. Und es gibt einem ein Riesengefühl von Freiheit, wenn man sich überwunden hat und feststellt: Ich kann es irgendwie doch, und es spielt eigentlich keine große Rolle!

Oft bringt das Schicksal uns in Situationen, wo wir Dinge tun müssen, die wir nicht mögen. Die innere Einstellung ist dann das Wichtigste. Wenn wir erkennen: „Das geschieht, damit ich mich weiterentwickle, eine willkommene Gelegenheit für tapas. Meine Aufgabe ist es, in jeder Situation glücklich zu sein, und ich kann tatsächlich in jeder Situation glücklich sein“, dann hat es eine sehr große Wirkung, die man noch verstärken kann, indem man sich bewußt dafür bereit erklärt und bewußt Situationen sucht, die man nicht mag. Es muß die innere Bereitschaft da sein, daran zu wachsen. Ansonsten kann es sich auch ins Gegenteil verkehren und zu Depression oder Ärger führen.

Das Schicksal hilft uns, öfter Dinge zu tun, die wir nicht mögen. Wenn wir einen spirituellen Lehrer haben, wird dieser dafür sorgen, daß wir Dinge zu tun haben, die wir nicht mögen. Und wir können sie selbst suchen. Daneben sollten wir es uns auch zur Aufgabe machen, die Dinge zu mögen, die wir zu tun haben. Der Dichter Tagore sagt: „In der Jugend dachte ich, das Leben sei zum Vergnügen da. Als Erwachsener dachte ich, das Leben sei für die Pflicht da. Jetzt weiß ich, Pflicht ist Vergnügen.“ Also lernen, das zu mögen, was zu tun ist.

Tapas im engeren Sinn ist Askese, zum Beispiel fasten, auf Süßigkeiten oder auf Salz verzichten, auf dem Boden schlafen. Im Yoga machen wir natürlich nur solche Askese-Übungen, die der Gesundheit förderlich sind. Auch Askese-Übungen in diesem engeren Sinne helfen, den Geist stärker zu machen.

Der dritte Aspekt von Kriya Yoga ist ishvara pranidhana, Hingabe an Gott, Vertrauen zu Gott.

Wenn wir denken, ich kann nur glücklich sein, wenn diese und jene Situation eintritt, werden wir oft unglücklich sein, denn oft geschieht es anders, als wir wollen – glücklicherweise. Wenn wir aber das Gefühl haben, alles tritt ein, so wie Gott es gerne hat und wie es für uns richtig ist, sind eigentlich die meisten kleshas mit einem Schlag verschwunden. Das können wir uns immer vor Augen führen: Was geschieht, ist irgendwie von Gott gelenkt. Gott gibt mir die Aufgaben, die notwendig sind. Gott gibt mir das, was ich brauche. Er weiß besser als ich, was ich brauche. Wir können zu Gott beten und sagen: „Bitte, gib mir das, was ich brauche. Gib mir die Lektionen, die ich zu lernen habe.“

Gott hilft uns zu wachsen. Gott gibt uns alles, was wir brauchen. Gott liebt uns. Alles ist da. Und als weiteren Schritt können wir alles, was wir tun, Gott opfern. So verschwinden Ego, raga, dvesha, abhinivesha alle zusammen. Auf diese Weise hilft dieser Aspekt des kriya yoga auch wiederum, die kleshas zu verdrängen.

Ich will jetzt den kriya yoga noch weitergehender interpetieren, nämlich als drei produktive Weisen, mit allen Arten von Problemen umzugehen. Wenn wir irgendeine Schwierigkeit, irgendein Problem haben, gibt es drei Dinge, die wir tun können:

Zum einen können wir versuchen, das Problem zu verstehen, die Ursache herauszufinden, also swadhyaya anzuwenden. Zweitens können wir versuchen, etwas zu ändern, tapas. Und drittens können wir loslassen und versuchen, die Situation anzunehmen wie sie ist, also ishvara pranidhana.

Das läuft letztlich auf den Mystikerspruch hinaus:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Gerade die Unterscheidung ist nicht so einfach. Ich habe einmal Swami Chidananda, einen engen Schüler von Swami Sivananda, gefragt, woran man erkennen kann, ob man die Situation ändern kann oder ob man sie annehmen muß. Er hat geantwortet, man müsse zuerst einmal versuchen, sie zu ändern. Wenn mehrere Änderungsversuche nichts bewirken, dann ist es ein Zeichen, sie anzunehmen, Hingabe zu üben, loszulassen und zu sagen: „ Gott, dein Wille geschehe!“

Nehmen wir einmal an, wir befinden uns in einer Situation, in der wir uns unglücklich fühlen. Dann können wir zuerst überlegen: Wie stellt sich die Situation dar, warum ärgert sie mich, warum bin ich jetzt unglücklich? Das ist swadhyaya. Wenn wir zum Beispiel plötzlich mit einem Menschen in unserer Umgebung nicht mehr zurechtkommen, können wir versuchen, herauszufinden, ob die Ursache in uns selbst liegt oder bei dem anderen. Manchmal stellt man fest, der andere steht aus irgendeinem Grund gerade sehr unter Druck und ist deshalb sehr reizbar. Wenn wir das verstehen, reicht es aus, mit der Situation souveräner umzugehen. Wir verstehen und erkennen, daß wir uns eigentlich grundlos ärgern oder grundlos unglücklich sind. Wir können darüber lachen und die Situation so auflösen.

Es kann aber auch sein, daß wir etwas ändern müssen. Dann sollten wir handeln, also tapas anwenden. Zum Beispiel mit dem Menschen sprechen, notfalls einen Dritten zu Rate ziehen, aktiver werden, Lebensumstände ändern, was auch immer. Und da braucht man auch keine Hemmungen zu haben. Manche Menschen, die zu schüchtern sind, etwas zu unternehmen, machen dann nichts und versuchen, die Situation zu akzeptieren als Entschuldigung für ihre Untätigkeit. Aber sie akzeptieren die Situation nicht wirklich von innen her, sondern sie sind einfach nur zu ängstlich oder zu bequem, etwas zu tun.

Und wenn man nichts ändern kann, dann kommt ishvara pranidhana: Es ist der Wille Gottes. Loslassen. „Dein Wille geschehe.“

Man kann diese drei Verhaltensweisen in allen Situationen anwenden, in denen etwas nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen. Wir können dann erst mal im Rahmen von swadhyaya schauen: Wie könnte diese Situation mit den kleshas zusammenhängen? Als zweites können wir uns fragen: Was kann ich jetzt tun (tapas)? Und je nachdem kann man vielleicht feststellen: Die Situation ist eigentlich gar nicht so schlimm. Ich habe sie nur durch meine Gedanken aufgebauscht und mich verrückt gemacht, falsche Erwartungen gehabt und wenn ich das verstehe, kann ich die Situation annehmen, wie sie ist (ishvara pranidhana).

Manchmal erkennt man: Eigentlich habe ich falsche Erwartungen, aber die Situation befriedigt mich trotzdem nicht. Dann kann ich schauen, was ich ändern kann. Manchmal muß man dann wieder swadhyaya anwenden, um sich zu fragen: Wie könnte ich in der Situation wieder glücklich sein? Und dann kommt oft die Antwort. Eigentlich sind ja die Antworten meistens schon in uns. Wir müssen nur die richtigen Fragen stellen. Meine magischen drei Fragen sind immer:

  • Was ist meine Aufgabe bzw. meine Pflicht in der Situation?
  • Was kann ich daraus lernen?
  • Was muß ich tun, um in der Situation wieder glücklich zu sein?

Kriya Yoga beschreibt also drei positive, konstruktive Weisen, mit einer schwierigen Situation umzugehen.

Menschen haben fünf negative Weisen, mit denen sie einer schwierigen Situation begegnen:

Das erste ist, sie einfach zu leugnen, nach außen und nach innen so zu tun, als ob nichts sei. Man leidet zwar darunter, verdrängt es aber, tut so, als hätte man kein Problem

Die zweite, noch unproduktivere Art ist es, sich nur über etwas zu ärgern und wütend zu sein, aber nichts zu tun.

Die dritte ist Depression, Resignation, Niedergeschlagenheit, das Gefühl, nichts tun zu können, dem Schicksal hilflos ausgeliefert zu sein.

Die zwei weiteren, nicht sehr produktiven Verhaltensweisen, nämlich unreflektiertes Fliehen und Kämpfen kommen direkt aus dem Flucht- und Kampfmechanismus.. Manche Menschen werden sofort aggressiv, wenn ihnen etwas nicht paßt. Sie fangen an herumzubrüllen, Streit zu suchen, reizbar zu werden, andere zu bekämpfen. Andere entfliehen sofort, statt sich der Situation zu stellen.

Kriya Yoga ist also der Dreischritt: bewußt machen – tätig werden – loslassen. Und dies versetzt uns in die Lage, Leiden zu vermeiden, und damit ein erfülltes, freudevolles Leben zu führen.

Die richtige Entscheidung zu treffen, richtig zu handeln, an der richtigen Stelle loslassen, ist eine Gratwanderung, die man mit viel Gebet begleiten muß. Ich sagte vorher, daß man auch an den spirituellen Praktiken nicht hängen sollte. Trotzdem ist es wichtig, täglich spirituelle Praktiken wie Meditation, asanas und pranayama zu machen. Nur so bekommt man Zugang zur Intuition, erhält, wie es Patanjali im ersten Kapitel sagt, „erleuchtete Innenschau“. Nur so kann man tatsächlich alle Handlungen des täglichen Lebens spiritualisieren. Ohne eigene spirituelle Praxis macht man auch aus den eigenen Pflichten kein Karma Yoga. Dann ist es nur Schaffen. Und vom Schaffen allein erreicht man nicht die Selbstverwirklichung. Es ist nicht das Ziel des Lebens, einfach nur zu schaffen, sondern das Ziel des Lebens ist die Selbstverwirklichung.

Eine enge Schülerin von Swami Vishnu hat uns einmal erzählt, wie Swami Vishnu ihr das einmal sehr drastisch klar machte. Sie hatte gerade ein neues Yoga-Zentrum für Swami Vishnu-devananda eröffnet und dabei richtig geschuftet. Eines Tages kam Swami Vishnu zu Besuch und hat zu ihr gesagt: „Du arbeitest wie ein Esel. Und weißt du, Esel mögen von morgens bis abends arbeiten, aber sie erreichen nicht die Verwirklichung.“

Arbeit und Pflichterfüllung sind gut und wichtig – aber sie sind nicht das Ziel des Lebens. Das Ziel ist die Selbstverwirklichung! Es ist die innere Einstellung, die zählt und die wichtig ist. Und um diese Einstellung zu erzeugen, brauchen wir asanas, pranayama und Meditation (oder andere spirituelle Praktiken). Nur wenn wir das regelmäßig machen, haben wir die Kraft, unsere Einstellung so zu ändern, daß wir etwas lernen und uns im täglichen Leben auch für andere einsetzen können. Und Meditation ist sowieso unabdingbar. Swami Sivananda schrieb in seinem Buch „Göttliche Erkenntnis“: „Ein tugendhaftes Leben allein ist nicht ausreichend für die Selbstverwirklichung. Tugendhaftes Leben bereitet den Geist nur darauf vor.“ Man muß innere Stärke aufbauen durch die Praktiken. Es nützt niemandem etwas, wenn man ausgelaugt ist.

Wenn einmal die Notwendigkeit besteht, vorübergehend für kurze Zeit auf die eigene Praxis zu verzichten aus Gründen des selbstlosen Dienstes, muß man sehr darauf achten, dies nicht zur Gewohnheit werden zu lassen. Es besteht die Gefahr, daß man die Praxis nicht wieder aufnimmt und den Dreh nicht mehr kriegt. Deshalb sollte man sich im allgemeinen strikt an seine Praxis halten. Hier darf man, im Gegensatz zu dem von mir oben Gesagten, ruhig eine gewisse Starrheit an den Tag legen. Man braucht die Praxis letztlich für andere, denn wenn man sich erschöpft und seine Batterien nicht mehr auflädt, dient man niemandem damit.

Als spiritueller Aspirant kann man alles Gott opfern und sagen: „Alles, was ich mache, ist letztlich dazu da, daß ich anderen helfen kann. Ich muß darauf achten, daß der Körper funktioniert, dazu muß ich gesund sein. Und ich muß asanas und pranayama machen, damit ich das prana habe, anderen richtig zu helfen. Ich muß meditieren, damit ich auch die Einsicht, die Feinfühligkeit und das Gefühl der Gegenwart Gottes habe. Außerdem muß ich ab und zu mal spazierengehen, damit der Geist offen ist und der Körper gesund bleibt. Es kann auch dazu gehören, daß ich mal ins Kino gehen muß, um den Geist auf andere Weise zu entspannen, so daß ich dann wieder in der Lage bin, anderen besser zu dienen.“ Mit dieser Einstellung kann man alles Gott und dem Dienst an anderen opfern.

Wenn wir das alles tun, kommen wir nicht mehr ins Leiden. Wir lernen auch, von der Unwissenheit (avidya) wegzukommen. Wir hören auf, aus dem Ego zu handeln (asmita). Wir handeln nicht mehr nur aus Mögen und Nichtmögen, raga und dvesha. Und wir brauchen auch keine Angst mehr zu haben (abhinivesha). Wir haben das Vertrauen, daß letztlich alles zum besten ist. Das ist in ishvara pranidhana eingeschlossen.

Bei einem tieferen swadhyaya erkennt man letztlich, wer man wirklich ist, nämlich das unsterbliche Selbst. Daraus entwickelt man Vertrauen, Dinge tun zu können. Und Dinge zu tun, die einem am Anfang keinen Spaß machen, also tapas zu üben, bedeutet bei weitem nicht, zu leiden. Im Gegenteil, unsere moderne vergnügungssüchtige Gesellschaft ist eigentlich ein Rezept zum Leiden. Es gilt ethnopsychologisch als gesichert, daß es in keinem anderen Kulturkreis so viele deprimierte Menschen gibt wie in unserer westlichen Gesellschaft. In manchen ursprünglichen Lebensgemeinschaften ist Depression völlig unbekannt.

Das erinnert mich daran, wie ich Shri Karthikeyan einmal gebeten habe, ein Seminar über Gedankenkraft und positives Denken zu halten. Er hat gesagt, über Gedankenkraft, ja, das kann er sich vorstellen, aber „positives Denken“, da würde er sich immer fragen, was eigentlich „negatives Denken“ sein solle. Er käme jetzt seit fünfzehn Jahren in den Westen und würde sich immer wieder mit Leuten darüber unterhalten, was sie eigentlich unter negativem Denken verstünden. Gut, es gibt negative Situationen, dann muß man die Ursache herausfinden. Manchmal haben Menschen unerfüllte Wünsche, dann muß man das entweder akzeptieren oder etwas ändern, aber er würde viele Menschen treffen, die grundlose Depressionen hätten. Das gäbe es in Indien nicht.

Und bis zu einem gewissen Grad stimmt das wohl auch. Wenn man die Inder anschaut, scheinen sie auch unter schwierigen Bedingungen immer fröhlich zu sein. Sie mögen in einer kleinen Hütte wohnen, die nur aus einem Zimmer besteht, wo tagsüber vorn eine Werkstatt oder ein Laden ist und hinten zehn Kinder – wenn man frühmorgens mit dem Bus vorbeifährt, sieht man, wie die Tür aufgeht, eine Art Fenster klappt auf, Waren werden ins Fenster gestellt, und nacheinander kommen ein Kind heraus, zwei Kinder, drei Kinder, vier, fünf, sechs, sieben, acht, dann die Mutter, der Vater, Großmutter, Urgroßmutter … unvorstellbar, wie die alle da drin wohnen können –, aber sie kommen lachend heraus, um sechs Uhr morgens! Wenn man dagegen morgens um sieben in Frankfurt mit der U-Bahn fährt, dann kommen die Leute aus ihren 30-100 Quadratmeter-Wohnungen, und sie sehen nicht fröhlich und glücklich aus. Wenn bei uns zwei Menschen in einer Einzimmerwohnung mit 25 Quadratmetern leben, gilt das schon als asozial. Und im Verhältnis zu Indien ist das Luxus. Dort steckt eine andere Lebensphilosophie dahinter.

Die Philosophie, daß die Welt nur zum Genießen da ist, macht den Menschen nicht glücklich, ebensowenig wie die blinde Pflichtphilosophie.

Aber das Bewußtsein, daß das Leben dazu da ist, zur Selbstverwirklichung zu kommen, macht uns auch im Westen zu glücklichen Menschen.

Auch wenn Dinge schiefgehen, sind sie in Ordnung. An etwas Anstrengendem wachsen wir. Wie Swami Vishnu einmal gesagt hat: Ein Yogi kann sich immer freuen. Wenn die Dinge so ausgehen, wie man es gerne hätte, freut man sich sowieso und ist Gott dankbar. Wenn sie anders ausgehen, freut man sich über die Lektion, die man lernen kann, und die Gelegenheit, tapas zu üben und geistige Stärke zu entwickeln. Das ist wirklich ein Rezept zum Glück. Es ist nicht leicht, den Geist davon zu überzeugen. Aber diese Einstellung immer aufrechtzuerhalten und von neuem zu schaffen, ist eine Übung, die möglich und sehr befriedigend ist.

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