Kapitel 2, Vers 54

Deutsche Übersetzung:

Wenn die Sinne nicht in Kontakt mit den Objekten treten und gleichsam in die Natur des Geistes eingehen, entsteht pratyahara (Zurückziehen der Sinne).

Sanskrit Text:

svaviṣaya-asaṁprayoge cittasya svarūpānukāra-iv-endriyāṇāṁ pratyāhāraḥ ||54||

स्वविषयासंप्रयोगे चित्तस्य स्वरूपानुकारैवेन्द्रियाणां प्रत्याहारः ॥५४॥

svavishaya asanprayoge chittasya svarupanukara iv endriyanam pratyaharah ||54||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • sva = eigen, sein
  • viṣaya = Objekt, Gegenstand
  • a = nicht
  • saṁprayoge = in Berührung kommen, Zusammenkommen, Vereinen
  • citta = alles Wandelbare des Menschen, Geist, Verstand
  • sva = eigen
  • rūpa = Form
  • svarūpa = eigene Form, eigene Natur
  • anukāra = nachahmen, annehmen, übernehmen
  • eva = als ob, wie
  • indriya = durch die Sinne, mit den Wahrnehmungsorganen
  • pratyāhāra = Abstraktion, Zurückziehen

Kommentar

Anstatt die Sinne weiterhin unkontrolliert nach außen gehen zu lassen, lernen wir die Fähigkeit, die Sinne nach innen zu bringen und so in unserem Inneren zu bleiben. Im Normalfall gehen die Sinne ständig nach außen. Man hört etwas und will sofort reagieren, denkt darüber nach. Man sieht etwas und denkt darüber nach oder will es gleich haben. Der Mensch sieht eine schöne Blume im Wald – was macht er? Er will sie haben und pflückt sie. Er sieht ein Kleidungsstück in einem Geschäft, das ihm gefällt – was macht er? Er kauft es.

Da gibt es eine schöne Geschichte. Es war einmal ein Minister in einem indischen Königreich. Jeden Tag ritt er mit einem wunderbar geschmückten Pferd, das eine prachtvolle Decke trug, zum Palast. Er selbst war prächtig gekleidet und mit Diamanten und Juwelen geschmückt. Ein alter Bettler im Park sah ihn jeden Tag vorbeikommen. Nach ein paar Jahren sagte er zu dem Minister: „Ich danke dir so sehr.“ Der Minister fragte: „Warum dankst du mir?“ Der Bettler antwortete: „Du hast mich so reich beschenkt, vor allem mit deinen Juwelen.“ Der Minister fürchtete, er habe vielleicht Juwelen verloren und der Bettler habe sie gefunden. Deshalb fragte er: „Habe ich dir Juwelen gegeben?“ Da sagte der Bettler: „Nein, aber jeden Morgen und jeden Abend sehe ich dich geschmückt mit diesen Juwelen. Das ist ein so schöner Anblick für mich.“ Die Moral von der Geschichte: Der Bettler sieht die Juwelen und erfreut sich daran, aber der Minister sieht sie nicht, während er sie trägt. Der Bettler hätte natürlich auch anders empfinden können. Er hätte vor Neid erstarren und denken können: „Der hat all diese Juwelen, und ich armer Schlumpf muß von Bettelgaben leben.“ Aber er hat sich daran erfreut. So können wir uns an Dingen freuen, ohne sie zu besitzen.

Wir können aber auch die Sinne nach innen ziehen und gar nicht mehr an die äußeren Objekte denken. Auch eine Übung, die man ab und zu machen kann, wenn man plötzlich den Wunsch nach irgend etwas hat: Man versucht, den Geist nach innen zu bringen. Es gibt verschiedene Techniken, wie man den Geist von äußeren Objekten wegziehen kann. Die einfachste ist, sich bewußt auf den Atem zu konzentrieren oder ein mantra zu wiederholen oder beides zusammen.

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