Kapitel 2, Vers 48

Deutsche Übersetzung:

Durch diese (Meisterung der asanas) wird man frei von den Angriffen der Gegensatzpaare.

Sanskrit Text:

tato dvaṅdva-an-abhighātaḥ ||48||

ततो द्वङ्द्वानभिघातः ॥४८॥

tato dvandva an abhighatah ||48||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • tata = davon (von der Beherrschung der Haltung)
  • dvaṅdva = Gegensatzpaare
  • an = nicht
  • abhighāta = Angriffe, Niederlage
  • anabhighātaḥ = Freiheit von Angriffen, Sieg, Herrschaft

Kommentar

Die dvandvas, Zweiheiten – von dva, zwei – greifen einen nicht mehr an. Wenn wir die asana mit dieser inneren Einstellung ausführen, werden wir nicht mehr so schnell berührt von den Gegensatzpaaren wie Hitze und Kälte, Vergnügen und Schmerz, Lob und Tadel, angenehm und unangenehm, gutes Essen oder schlechtes Essen, fades oder versalzenes Essen u.s.w.

Wir lernen es, in der Meditation reglos zu sitzen. Wenn uns eine Fliege über die Nase kriecht, was machen wir? – Ruhig sitzenbleiben. Wenn uns langsam eine Stechmücke ansaugt, schenken wir ihr in der Meditation Liebe und einen Tropfen Blut, so daß sie damit glücklich werden kann. Wenn wir allerdings eine Allergie haben gegen Moskitos, was machen wir dann? – Dann verjagen wir ihn. Und wenn uns die Hüfte weh tut, was machen wir? Wir bleiben ruhig sitzen. Und wenn sie extrem wehtut, was machen wir? Wir bewegen uns. Es gibt Grenzen, man muß abwägen und den gesunden Verstand einschalten, denn wir wollen uns nicht irgendwie schädigen. Aber wir lassen los, wir bleiben ruhig sitzen, so weit es möglich ist und so lernen wir Gleichmut.

Bei Seminaren gibt es häufig Glaubenskriege unter den Yogaschülern. Es gibt die Partei der Fenster-auf- und die der Fenster-zu-Anhänger. Und die können sich richtig streiten. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, daß schlechte Luft auf Sauerstoffmangel zurückzuführen sei. Der Mensch verbraucht gar nicht so viel Sauerstoff. Selbst bei geschlossenen Türen und Fenstern gibt es in der Regel noch genügend Luftaustausch und der Sauerstoffgehalt in der Luft nimmt nicht wirklich ab. Was man riecht, ist nicht der Mangel an Sauerstoff, sondern die Ausdünstungen der Menschen. Bei schlechter Luft ist immer noch genügend Sauerstoff da, aber es sind Geruchspartikel in der Luft und die sind nicht so schädlich! Umgekehrt erkältet man sich auch nicht von Kühle. Es gibt ausreichend Versuche, die zeigen, daß ein Mensch allein davon, daß er im Kalten sitzt, keine Erkältung bekommt. Ein bißchen zu frieren, ist nicht so schlimm, und wenn es mal ein bißchen riecht, ist es auch nicht schlimm. Wir können also ruhig sitzenbleiben und diesen Gleichmut inmitten der dvandvas entwickeln.

Natürlich gibt es auch kompliziertere dvandvas, Gegensatzpaare, die nicht so leicht aufzulösen sind.

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