Kapitel 2, Vers 43

Deutsche Übersetzung:

Durch tapas werden Unreinheiten aufgelöst und Kräfte des Körpers und der Sinne herbeigeführt.

Sanskrit Text:

kāyendriya-siddhir-aśuddhi-kṣayāt tapasaḥ ||43||

कायेन्द्रियसिद्धिरशुद्धिक्षयात् तपसः ॥४३॥

kayendriya siddhir ashuddhi kshayat tapasah ||43||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • kāya = der Körper
  • indriya = Sinnesorgane, Sinne
  • siddhi = übernatürliche Kraft
  • aśuddhi = Unreinheit, Trübsinn
  • kṣaya = vernichten, auflösen, reduzieren
  • tapas = Selbstdisziplin, Askese

Kommentar

Tapas, Askeseübungen, führen zur Auflösung von Unreinheiten und damit zu (übernatürlichen) Kräften des Körpers und der Sinnesorgane.

Hier muß man sich bewußt sein, daß Patanjali eine regelmäßige asana– und pranayama-Praxis bereits als tapas einstufen würde. Mit asana hat Patanjali eigentlich die Meditationshaltung gemeint, also das ruhige Sitzen. Wenn wir tapas konkret als Askese ausüben, dürfen wir den Körper nicht quälen. Es gibt ja in Indien und auch im Westen die Tradition, den Körper im Namen von Askese zu quälen und zu verunstalten. Im Mittelalter gab es die Geißler, die ihren Körper mit Peitschen und Nägeln zerstört haben – das gibt es in manchen Ländern bis heute. Oder in Indien stehen manche Menschen tage-, wochen- oder jahrelang auf einem Bein, bis Teile des Körpers absterben, verwelken und verledern. Dies bezeichnet schon Krishna in der Bhagavad Gita als tamasig. Sich quälen ist also nicht damit gemeint.

Tapas sollte zur Reinigung führen. Wenn wir Askeseübungen zur Reinigung des Körpers machen, führt das zu Kräften des Körpers und der Sinne und damit zu mehr Gesundheit. Fasten zum Beispiel ist eine einfache Methode, um ein subtileres Wahrnehmungsvermögen zu entwickeln. Kalte Duschen führen zu einer Abhärtung und Kraft des Körpers, wie von der Kneippkur bekannt. Man sollte sich zum Schluß immer kalt abduschen. Das ist eine der wichtigsten vorbeugenden Maßnahmen gegen Herz-/Kreislaufkrankheiten und Erkältungen. Zuerst empfindet man es zwar als unangenehm, aber nach einer Weile nicht mehr. Einmal fiel in einem Yoga-Center die Heizung und das Warmwasser aus. Wir hatten einen Servicevertrag mit einer Firma, die in solchen Fällen die Reparatur kostenlos ausgeführt hat. Aber unglücklicherweise stand im Vertrag nicht, daß die Reparatur innerhalb von 48 Stunden erfolgen sollte, sondern innerhalb von zwei Wochen! Die Serviceleute kamen also erst nach zwei Wochen, und so lange war erstens das Zentrum kalt, und zweitens hatten wir nur kaltes Wasser. Für die Schüler haben wir mit Elektroöfen die Zimmer aufgewärmt, aber sonst war es ziemlich kalt. Die ersten Tage war das furchtbar. Nach drei Tagen empfand man das Wasser nicht mehr als kalt, sondern als angenehm. Und nach ein oder zwei Wochen brauchte ich eigentlich kein warmes Wasser mehr. Auch asanas und pranayama regelmäßig zu üben, die asanas länger zu halten, als einem Spaß macht, pranayama länger zu machen, als man zunächst Lust hat, all das führt zu Kräften des Körpers und der Sinne. Die höheren Sinne werden aktiv, und wir bekommen siddhis, übernatürliche Kräfte, wir können Subtiles wahrnehmen.

Darüber hinaus können wir uns natürlich angewöhnen, Dinge zu tun, die wir nicht mögen, in der etwas weiteren Interpretation von tapas. Auch das führt zu innerer Kraft (siehe Interpretation II 9).

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