Kapitel 2, Vers 40

Deutsche Übersetzung:

Durch die Reinigung entsteht Ekel gegenüber dem eigenen Körper und eine Abneigung gegenüber physischem Kontakt mit anderen.

Sanskrit Text:

śaucāt svāṅga-jugupsā parairasaṁsargaḥ ||40||

शौचात् स्वाङ्गजुगुप्सा परैरसंसर्गः ॥४०॥

shauchat svanga jugupsa parairasansargah ||40||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śauca = Reinheit, Reinigung, Reinlichkeit, Hygiene
  • svā = eigen
  • aṅga = Körper, Glieder
  • svāṅga = die eigenen Teile, der eigene Körper
  • jugupsā = Abscheu, Abstand, Abwendung
  • parai = mit anderen, von anderen, von äußerlichem
  • asaṁsarga = kein Kontakt, Kontaktlosigkeit, Unberührtheit

Kommentar

Diesen Vers mögen die wenigsten. In manchen Übersetzungen des Yoga Sutras werden die Verse sogar abgewandelt, damit westliche Menschen keinen Anstoß daran nehmen. Aber Patanjali hat es tatsächlich so geschrieben, ich kann es nicht ändern…

Wir müssen jetzt aber verstehen, wie das Wort Ekel hier gemeint ist. Das heißt nicht, daß es uns wirklich anekelt, sondern es bedeutet, daß die Fähigkeit entsteht, nicht mehr so sehr an den menschlichen Körper verhaftet zu sein. Wenn wir den Körper so rein wie möglich zu machen versuchen, wird die Bindung an den Körper schwächer. Wir spüren: Ich bin nicht der Körper. Das führt auch dazu, daß wir im anderen Menschen weniger den Körper, die äußere Erscheinungsform sehen, sondern vielmehr seine innere Qualität, seine Göttlichkeit. Letztlich ist shaucha, Reinheit, eine Hilfe, sich vom Physischen zu lösen. Manche Menschen interpretieren Nichtanhaften etwas falsch: Ich kümmere mich nicht um den physischen Körper, deshalb lasse ich meine Haare wachsen und verfilzen, wasche mich nicht, putze mir die Zähne nicht u.s.w.

Aber Patanjali sagt, nicht Vernachlässigung und Verschmutzung sind ein Zeichen für das Nicht-Verhaftetsein an den Körper, sondern wenn wir uns um Sauberkeit bemühen, hilft uns das, uns von der Anhaftung an den Körper zu befreien. Denn Verschmutzung, Unreinheit, bindet. Reinheit befreit.

Das ist die abgemilderte Bedeutung dieses Yoga Sutra. Swami Vishnu hat sie in ähnlicher Form interpretiert. Aber er hat auch gesagt, ab einer gewissen Stufe der spirituellen Entwicklung, wenn die Reinheit sehr stark ist, hat man keine Lust mehr, mit anderen auf physische Weise in Kontakt zu kommen. Jedoch sollte man hier aufpassen. Wenn man mit einem Partner zusammenlebt, gibt es Phasen, wo man weniger Lust auf sexuelle Kontakte hat – zum Beispiel bei Frauen während der Periode, nach der Schwangerschaft, in den Wechseljahren, in Streß-Situationen oder bei bestimmten hormonellen Umstellungen. Aber das sind vorübergehende Schwankungen, die nicht wirklich aus shaucha und einer wahrhaftigen vairagya (Leidenschaftslosigkeit) kommen. Man sollte dann den Partner nicht vor den Kopf stoßen, indem man ihm sagt, daß man ab jetzt nicht mehr in physischen Kontakt mit ihm/ihr treten will. Besser ist, das Zurückgehen der Libido zunächst als vorübergehende Angelegenheit zu betrachten, als was es sich ja meistens herausstellt.

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