Kapitel 2, Vers 38

Deutsche Übersetzung:

Ist Brahmacharya (Enthaltsamkeit) fest begründet, erlangt man große Lebenskraft.

Sanskrit Text:

brahma-carya pratiṣṭhāyāṁ vīrya-lābhaḥ ||38||

ब्रह्मचर्य प्रतिष्ठायां वीर्यलाभः ॥३८॥

brahma charya pratishthayam virya labhah ||38||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • brahma = Gott, der Absolute
  • carya = wandeln, gehen
  • brahmacarya = das Wandeln im Bewusstsein des Absoluten, Mönch-Sein, damit verbunden oft auch: das Zölibat leben
  • pratiṣṭhā = fest, beständig, stabil
  • vīrya = Lebenskraft, Vitalität, Stärke, Kraft
  • lābha = erlangen, erreichen

Kommentar

Die beste Übersetzung von brahmacharya ist vielleicht „Vermeidung von sexuellem Fehlverhalten“. Brahmacharya bedeutet in verschiedenen Lebensumständen und auch in verschiedenen Kulturen jeweils etwas anderes. Für einen Entsagten heißt brahmacharya vollständige sexuelle Enthaltsamkeit. Wenn man in einer festen Partnerschaft lebt, heißt es hauptsächlich Treue. Wenn ein Partner enthaltsam leben will, wird der andere das nicht mögen. Daher muß man auch das Prinzip von ahimsa berücksichtigen. Manchmal hat man aber auch die Gelegenheit, die sexuelle Energie stärker zu sublimieren, zum Beispiel, wenn man aus beruflichen Gründen einmal eine Weile vom Partner getrennt ist, oder die Frau gerade schwanger ist, oder das Kind gerade geboren worden ist. Meistens hat eine Frau dann eine Weile keine Lust auf Sexualität. Oder jemand hat sich vom Partner getrennt. Dies sind alles besondere Gelegenheiten, die sexuelle Energie vollständiger zu sublimieren, das heißt, zu verfeinern, in geistige Energie umzuwandeln, ojas (spirituelle Energie) zu erzeugen.

Es gibt fünf verschiedene Manifestationen von prana, fünf vayus, die alle auf die eine oder andere Art und Weise sublimiert werden können:

Prana ist allgemein der Begriff für Lebensenergie, gleichzeitig ist prana vayu aber auch eine der fünf Arten von prana. Prana vayu ist die Energie hinter der Atmung. Prana vayu können wir zum Beispiel sublimieren, wenn wir pranayama üben. Beim Luftanhalten wird der Reflex des Ausatmens nicht befolgt und statt dessen sublimiert. Hinter dem Atem ist der Überlebensinstinkt. Wenn wir prana vayu durch Atemanhalten sublimieren, wandeln wir das physiologische prana in ojas, spirituelle Energie, um, und auf einer höheren Ebene sublimieren wir den Überlebensinstinkt; das heißt, wir haben ein Herz für andere, nicht nur für uns. Gleichzeitig regeneriert sich prana vayu mit jedem Atemzug und wird harmonisiert.

Die zweite Energieform ist apana vayu, die Energie hinter Ausscheidung, Sexualität, Menstruation und Geburt. Sie hat ihren Sitz in den unteren Körperteilen und wird sublimiert durch mulabandha (Anusschließmuskeln und Geschlechtsmuskeln zusammenziehen), ashvini mudra (Beckenbodenmuskeln mehrmals schnell zusammenziehen) und Umkehrstellungen. Apana vayu steht auch für Arterhaltung, sich um Familie und Kinder kümmern. Durch Sublimierung dieser Energie gewinnen wir ebenfalls ojas, spirituelle Energie.

Die dritte Energieform ist samana vayu, die Energie hinter der Verdauung. Das Verdauungsfeuer wird angeregt und sublimiert durch uddiyana bandha (Bauchverschluß), agni sara (Feueratmung), nauli (Bauchmuskelbewegung zur Darmanregung) und kapalabhati (Schnellatmung) und steht gleichzeitig für Durchsetzungsvermögen, Mut, Handlung. Um diese Energie zu sublimieren, ist es gut, sich ab und zu eine nicht aktive Zeit zu gönnen, nichts verändern zu wollen, Dinge zu akzeptieren, loszulassen, das Feuer weniger zum Ausdruck zu bringen. Die so sublimierte Verdauungsenergie steht nachher auf beiden Ebenen wieder vermehrt zur Verfügung, sowohl für die Verdauung als auch für stärkeres Durchsetzungsvermögen und mehr Gleichmut. Wichtig ist auch eine ausgewogene, sattvige Ernährung in der richtigen Menge, sowie ab und zu zu fasten.

Die vierte Energieform ist vyana vayu, die Energie hinter dem Herzkreislauf und der Skelettmuskulatur, also der physischen Bewegung. Solange man wach ist, hat man den Impuls, sich zu bewegen. Wenn wir die asanas halten, ohne uns zu bewegen oder in der Meditation still sitzen, wird vyana vayu nicht gebraucht und als sublimierte Energie in den chakras (Energiezentren) aufgespeichert.

Und die fünfte Energieform ist udana vayu, die Energie hinter den verschiedenen Kommunikationssystemen des Körpers, wie Nerven, Hormonsystem, Sprache, innerkörperliche Koordination sowie Kommunikation mit anderen Menschen. Das Nervensystem regeneriert sich in der Tiefenentspannung. Dabei wird diese Energie sublimiert. Auch beim Mantra Singen und in der Meditation beruhigt sich das Nervensystem. Wenn wir freundlich mit und über andere Menschen sprechen, ab und zu schweigen, nicht zuviel Unnützes reden, sublimiert sich diese Kommunikationsenergie, die uns dann als spirituelle Energie zur Verfügung steht. Gleichzeitig verbessert sich die Kommunikation mit anderen Menschen, der Schlaf wird leichter und man braucht weniger Schlaf, weil udana vayu sehr harmonisch wird.

Zur Sublimierung von Energien trägt es ganz generell bei, wenn man sich nicht immer alle Wünsche erfüllt, nicht allen Impulsen sofort nachgibt. Trotzdem sollte man auch das nicht übertreiben, sondern es nur gelegentlich anwenden. Man wird sich dann insgesamt besser fühlen.

Sublimierung der Energie führt also zu virya, zu starker Vitalität.

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