Kapitel 2, Vers 18

Deutsche Übersetzung:

Das Gesehene (das Universum), das aus den Eigenschaften der Natur, sattva, rajas und tamas besteht, wird erfahren durch die Wechselwirkung zwischen den Elementen und den Sinnesorganen. Es existiert zum Zweck der Erfahrung und der Befreiung.

Sanskrit Text:

prakāśa-kriyā-sthiti-śīlaṁ bhūtendriya-ātmakaṁ bhoga-apavarga-arthaṁ dṛśyam ||18||

प्रकाशक्रियास्थितिशीलं भूतेन्द्रियात्मकं भोगापवर्गार्थं दृश्यम् ॥१८॥

prakasha kriya sthiti shilam bhutendriya atmakam bhoga apavarga artham drishyam ||18||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • prakāśa = Leuchten, Reinheit, Licht, Sattva
  • kriyā = Handlung, Aktivität, Rajas
  • sthiti = Stetigkeit, Trägheit, Tamas
  • śīla = Eigenschaften
  • bhūta = fünf Elemente, grobstofflich, physisch
  • indriya = Sinnesorgane, Wahrnehmungsorgane, Sinne, feinstofflich
  • ātmakaṁ = derart, seiend
  • bhoga = Genuss, Vergnügen
  • apavarga = Befreiung, Erfüllung, Erlösung
  • arthaṁ = Zweck, Sinn, Ziel
  • dṛśyam = das Gesehene, das Wahrnehmbare, Objekte

Kommentar

Das stammt direkt aus der samkhya-Philosophie. Die samkhya-Philosophie und hier auch Patanjali gehen davon aus, daß es mindestens auf der relativen Ebene tatsächlich ein Universum gibt. Dieses Universum erfahren wir als Wechselwirkung zwischen unseren Sinnen und dem, was außen ist. Die vedanta-Philosophie geht ja noch weiter, und sagt: Es gibt es kein Universum, es gibt nur Bewußtsein. Die Vorstellung, es gäbe etwas vom Bewußtsein Getrenntes ist nur Illusion.

Wenn wir zum Beispiel eine Uhr anschauen, dann sehen wir die Uhr nicht so, wie sie tatsächlich ist, sondern wie sie uns unsere Sinne vermitteln. Physiker würden sagen, sie ist einfach nur Schwingung; sie besteht aus Elektronen, Neutronen, Protonen, die eine bestimmte Schwingung ausstrahlen bzw. reflektieren, und dieses bestimmte Schwingungsspektrum wird vom Gehirn als Form und Farbe wahrgenommen – durchaus ähnlich der samkhya-Philosophie, wonach alles nur Energie, eine Manifestation von prakriti, ist. Die Sinne schaffen dann den Anschein, als ob es Klänge, Gerüche u.s.w., gäbe.

Dieses Universum hat nun – und das ist sehr wichtig – zwei Zwecke: Es dient der Erfahrung und der Befreiung. Die Dinge, die auf uns zukommen, sind deshalb da, damit wir sie erfahren können, und sie helfen uns, zur Befreiung zu gelangen. Man könnte es auch noch etwas pointieren. Alles, was auf uns zukommt, haben wir uns entweder so gewünscht, oder es kommt, um uns daran zu erinnern, wieder aus der Täuschung herauszukommen. Angenommen, wir gehen in einen Irrgarten hinein. Warum gehen wir in den Irrgarten hinein? Paradoxerweise nur aus dem einen Grund, wieder herauszukommen. Warum gehen wir dann überhaupt erst hinein? Denselben Hintergrund hat die Frage: „Warum hat purusha (das Bewußtsein) sich in die prakriti (die Welt) hineinbegeben?“ – Er wollte irgend etwas erfahren.

Purusha, das reine Selbst, identifiziert sich in die prakriti hinein, um etwas zu erfahren. Die Aufgabe der prakriti ist es, purusha alle Erfahrungen zu geben, die er haben will. Infolgedessen muß jeder Wunsch, den wir haben, irgendwann einmal in Erfüllung gehen. Glücklicherweise braucht sich nicht jede Wunscherfüllung im physischen Raum zu manifestieren. Manche Wünsche können im Traum ausgelebt werden. Es gibt sogar eine Wissenschaft darüber, wie man Erfahrungen und Wünsche aus dem physischen Leben in das Traumleben hineinbringen kann. So kann man Träume daran hindern, sich im physischen Leben zu manifestieren. Das ist unter anderem eine Technik, um Schuldgefühle, Ärger und andere negative Emotionen zu verarbeiten. Manche Wünsche können zwischen zwei Leben ausgelebt werden. Aber starke Wünsche müssen in diesem oder im nächsten Leben ausgelebt werden.

Purusha – und damit jeder einzelne von uns – hat aber auch eine Sicherheit eingebaut. Angenommen, du würdest in ein Labyrinth hineingehen, von dem du weißt, daß schon viele Menschen hineingegangen und nicht wieder herausgekommen sind. Sie sind dort elendiglich verhungert. Würdest du dich trotzdem hineinbegeben? Es gibt Abenteurernaturen, die das durchaus reizt. Aber wer klug ist, baut vor. Was macht man also? Man baut eine Sicherheit ein. Man nimmt vielleicht ein Wollknäuel mit wie Theseus bei Minotaurus oder ein Handy oder ein Funksprechgerät. Und so hat auch purusha, als er sich in prakriti verwickelt hat, etwas eingebaut, damit er sich nicht hoffnungslos verliert. Und so kommen bestimmte Ereignisse deshalb, damit wir wieder aufwachen.

Patanjali unterscheidet also drei Ursachen für Ereignisse, die uns zustoßen:

  1. Manche Ereignisse kommen, weil wir sie uns gewünscht haben, in diesem oder einem früheren Leben (II 14).
  2. Manche Ereignisse kommen, weil wir aus Tugend oder Laster heraus gehandelt haben. Die Handlung zieht karmisch Vergnügen oder Schmerz nach sich und manifestiert sich als bestimmtes Ereignis oder Situation.
  3. Bestimmte Ereignisse kommen, um uns helfen, wieder aufzuwachen und zur Befreiung zu kommen.

Bei Ereignissen können wir uns also immer überlegen:

  1. Habe ich mir das so gewünscht?
  2. Gab es in meinem Leben etwas, wo ich vielleicht ein karma erzeugt habe, wovon das die Frucht sein könnte? Wir können das natürlich nur begrenzt sehen, denn vieles kommt auch aus früheren Leben. Aber manchmal geht es mit dem karma und seinem Gesetz von Ursache und Wirkung auch ganz schnell. Wenn man jemandem hinterrücks etwas angetan hat oder jemandem einmal nicht beigestanden hat, der krank war oder Hilfe gebraucht hat, und ihm nur gesagt hat: „Stell dich nicht so an“, und dann selbst in eine ähnliche Situation kommt, dann weiß man, aha, das ist das karma dafür. Es hat natürlich keinen Zweck, sich nun im nachhinein Selbstvorwürfe zu machen oder Schuldgefühle zu entwickeln. Das karma hebt ja die frühere Erfahrung auf. Wir können im Gegenteil erleichtert sein, wenn wir auf diese Art das karma ausarbeiten können.
  3. Was kann ich aus der Situation lernen? Wie hilft mir diese Situation, mich zu befreien?

Diese prakriti, diese Welt, ist etwas so Fantastisches, daß sich alle drei Aspekte auch vermischen können. Wir können es uns gewünscht haben, es kann eine karmische Konsequenz sein, und es hilft uns gleichzeitig, uns zu befreien.

Hier möchte ich aber davor warnen, ständig überlegen: „Was will mir das sagen? Wozu ist diese Situation da? Was ist der Sinn in dieser Situation?“ Ich kannte einmal eine Frau, die einen schweren Unfall hatte und jahrelang gegrübelt hat, warum ihr dieser Unfall zugestoßen ist. Fünf Jahre später hat sie mir erzählt, sie verstünde immer noch nicht, warum sie diesen Unfall damals hatte. Ich habe sie gefragt, ob sie bleibende Schäden davon habe. Sie sagte, nein, eigentlich sei alles wieder geheilt, aber es würde sie nicht loslassen. Sie war besessen von dem Gedanken, herausfinden zu müssen, warum sie diesen Unfall gehabt hat. Da habe ich ihr gesagt, vielleicht hast du den Unfall deshalb gehabt, damit du erkennst, daß man nicht hinter allem den Sinn sofort sieht. Irgendwie hat sie das beruhigt, und sie hat erkannt, daß ihre Aufgabe bezüglich dieses Unfalls ist, Demut zu üben und zu erkennen, daß wir manchmal auch Dinge akzeptieren müssen, ohne einen unmittelbaren Sinn darin zu sehen. Und etwa zwei Jahre später kam sie zu mir und hat gesagt, jetzt hätte sie doch den Sinn gefunden. In dem Moment, wo sie aufgehört habe, den Sinn zu suchen, seien ihr immer mehr Gründe klar geworden. Aber in der ganzen Zeit dazwischen, in der sie ständig die Ursache gesucht hat, hat sie das und viele andere Situationen in ihrem Leben nicht mehr bewußt gelebt und wahrgenommen. Es hat also zwar alles seinen Sinn, aber wir können ihn nicht immer in allem sehen. Erst wenn wir selbstverwirklicht sind, erkennen wir den Sinn hinter allem.

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