Kapitel 2, Vers 15

Deutsche Übersetzung:

Menschen mit Unterscheidungskraft erkennen, daß wegen der Vergänglichkeit, neuen Wünschen und Konflikten zwischen den Eigenschaften der Natur und den Gedanken alles leidhaft ist.

Sanskrit Text:

pariṇāma tāpa saṁskāra duḥkhaiḥ guṇa-vṛtti-virodhācca duḥkham-eva sarvaṁ vivekinaḥ ||15||

परिणाम ताप संस्कार दुःखैः गुणवृत्तिविरोधाच्च दुःखमेव सर्वं विवेकिनः ॥१५॥

parinama tapa sanskara duhkhaih guna vritti virodhachcha duhkham eva sarvam vivekinah ||15||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • pariṇāma = Anhaften an Veränderung, Wandel
  • tāpas = Sehnsucht, Verlangen
  • saṁskāra = Prägungen, Neigungen
  • duḥkha = Schmerz, Leid
  • guṇa = drei Grundeigenschaften der Materie, Natur
  • vṛtti = Welle, Gedankenwellen, Schleier, Vorurteil, Trübung
  • virodhā = Widerspruch, Konflikt
  • ca = und
  • duḥkha = Schmerz, Leid
  • eva = nur, eben
  • sarvaṁ = alles, überall, immer
  • vivekina = für den, der Unterscheidungskraft entwickelt hat, für den Unterscheidungsfähigen

Kommentar

Dieser Vers wird auch zusammengefaßt als

Sarvam Duhkham Vivekinah

Für einen Menschen mit Unterscheidungskraft (viveka) ist alles (sarvam) Leid (duhkha).

Das klingt sehr negativ, oder? Aber auch die erste der edlen Wahrheiten Buddhas ist: „Alles Leben ist Leiden.“

Patanjali sagt hier klar: Letztlich führt jede Handlung, die wir aus den kleshas heraus machen, zu Leiden. Das Wort karma hat im Sanskrit zwei Bedeutungen. Es heißt sowohl Handlung als auch Situation, das heißt, es umfaßt alles, was wir tun, und alles, was auf uns zukommt oder da ist. Und alles bringt Schmerz. Warum?

Wir haben schon vor oder bei der Wunscherfüllung eine Vorahnung des Verlustes. Wenn wir etwas bekommen, haben wir Angst, wir könnten es verlieren. Sobald wir etwas haben, kommt schon der nächste Wunsch und neue Unruhe. Aus der Beziehung zwischen dem Geist und den drei Eigenschaften der Natur (gunas) entstehen Konflikte.

Der Geist wird immer durch die drei gunas beeinflußt. Sogar ein Selbstverwirklichter hat ab und zu noch tamasige (träge, deprimiert) und rajasige (unruhig, aufgeregt) Gemütszustände, mit denen er sich allerdings nicht identifiziert. Sattva überwiegt bei ihm. Aber wir als Aspiranten befinden uns oft in tamasigen und rajasigen Geisteszuständen. Darüber hinaus gibt es Situationen, die nicht zu unserem Gemütszustand passen. Unser Geist und Gemüt befinden sich in ständiger Veränderung. Wenn wir das wissen, geben wir die Vorstellung auf, daß wir jemals die hundertprozentig ideale Situation finden werden und dann glücklich werden, wenn wir unsere äußere Situation ausreichend manipulieren.

Jede Situation führt dann zum Leiden, wenn wir nur das Äußere darin sehen und suchen. Umgekehrt gilt natürlich, wenn wir wissen, daß das Suchen nach Glück im Äußeren zum Leid führt, und deshalb nicht mehr mit einer solchen Besessenheit danach streben, können wir Leid vermeiden. Indem wir erkennen: Sarvam duhkham vivekinaha brauchen wir nicht mehr so zu leiden. Ist das nicht paradox? Ein Mensch, der dem Glück immer hinterherläuft, ist traurig und verzweifelt, weil er es nicht findet. Derjenige, der weiß, es gibt kein äußeres Glück, ist glücklich. Ein Teil unseres Geistes glaubt es vielleicht doch nicht so ganz, so daß wir trotzdem auch hinterherrennen, so quasi aus sportlichem Ehrgeiz; und wenn wir es nicht erreichen, sagen wir nur: „Siehst du, Patanjali hat doch Recht gehabt“.

Jetzt kommt ein sehr schöner Vers, einer meiner Lieblingsverse:

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