Kapitel 2, Vers 12

Deutsche Übersetzung:

Karma hat seine Wurzeln in den kleshas (schmerzverursachende Anhaftungen) und wird in diesem und in zukünftigen Leben ausgearbeitet.

Sanskrit Text:

kleśa-mūlaḥ karma-aśayo dṛṣṭa-adṛṣṭa-janma-vedanīyaḥ ||12||

क्लेशमूलः कर्माशयो दृष्टादृष्टजन्मवेदनीयः ॥१२॥

klesha mulah karma ashayo drishta adrishta janma vedaniyah ||12||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • kleśa = Bürden auf dem spirituellen Weg
  • mūla = Wurzel, Ursache, Grundlage
  • karma = Handlung und Folgen
  • aśaya = Überbleibsel, Neigungen
  • dṛṣṭa = sichtbar, gegenwärtig
  • adṛṣṭa = unsichtbar, zukünftig
  • janma = Leben, Welt, Bereich
  • vedanīya = erfahren, bemerken

Kommentar

Die kleshas sind die Ursache (mûlah) des karmas. Das Gesetz des karma besagt, daß wir für jede Handlung, mit der wir uns identifizieren, Früchte ernten. Und solange wir noch viel karma abzuarbeiten haben, erreichen wir nicht kaivalya, die Befreiung. Solange wir also aus den kleshas heraus handeln, schaffen wir karma. Wenn wir handeln, weil wir etwas Konkretes für uns selbst wollen (raga), schaffen wir karma. Wenn wir handeln, um etwas Konkretes zu vermeiden, das uns unangenehm ist (dvesha), schaffen wir karma. Wenn wir aus Angst handeln (abhinivesha), schaffen wir karma. Wenn wir uns identifizieren (asmita), während wir handeln, schaffen wir karma. Und solange wir nicht wirklich wissen, wer wir sind (avidya), schaffen wir auch karma. Nur wenn wir uns nicht identifizieren, schaffen wir kein karma.

Je nachdem, wie stark die kleshas sind, wirkt das karma stärker oder schwächer. Eigentlich kann nur ein Selbstverwirklichter kein karma neu schaffen. Jeder andere hat beim Handeln immer eine Spur von Ego dabei – fast immer. Eine vollkommen ego-lose Handlung ist erst dem Selbstverwirklichten möglich.

Aber wir können uns bemühen, weniger ego-behaftet zu handeln. Wir können unserem Mögen und Nichtmögen weniger nachgeben. Wir können weniger in der Vorstellung handeln, ich bin großartig, ich mache all das. Wir können mehr Handlungen tun, einfach weil sie notwendig sind. Wir können versuchen zu handeln, um Gott zu dienen. Wir versuchen, zu handeln, um auf dem spirituellen Weg weiterzukommen. Wir handeln, um das karma auszuarbeiten. Am besten ist die Vorstellung, wir handeln, um ein Instrument Gottes zu sein oder um anderen zu helfen. Wenn wir diese Einstellung haben, dann handeln wir nicht aus raga oder dvesha heraus und brauchen auch keine Angst zu haben.

Und vor allen Dingen: Wenn wir wissen, ich bin nicht wirklich der Handelnde, sondern ich stelle diesen Körper und diesen Geist mit all ihren Unvollkommenheiten in den Dienst Gottes, ich stelle ihn Gott zur Verfügung und Gott kann die Unvollkommenheiten so benutzen, daß etwas Gutes für uns und alle dabei herauskommt, dann bindet uns die Handlung nicht.

Mephisto sagt im Faust, er sei „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ (Vers 1336 f). Mephisto steht ja für den Teufel, für das Schlechte. Und selbst das Schlechte ist letztlich ein Instrument in den Händen Gottes und hat seinen Sinn.

Gott hat uns mit all unseren Unvollkommenheiten in eine bestimmte Situation hineingesetzt, weil das von einer höheren Warte aus richtig ist. Wenn er in derselben Situation jemand anders gewollt hätte, der vollkommen ist, dann gäbe es an dieser Stelle jetzt jemanden, der vollkommener wäre als wir.

Wir wollen nicht aus den kleshas heraus handeln, sondern aus anderen Motiven. Das muß man sich wieder und wieder vor Augen führen. Das ist ganz wesentlich und, im Grunde genommen, auch ganz einfach. Man muß es nur immer wieder betonen, weil es dem Zeittrend so entgegensteht.

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