Kapitel 1, Vers 9

Deutsche Übersetzung:

Einbildung entsteht aus einer Wortfolge ohne Bezug zur Wirklichkeit.

Sanskrit Text:

śabda-jñāna-anupātī vastu-śūnyo vikalpaḥ ||9||

शब्दज्ञानानुपाती वस्तुशून्यो विकल्पः ॥९॥

shabda jnana anupati vastu shunyo vikalpah ||9||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śabda = Wort
  • jñāna = Wissen
  • anupātī = darauffolgend
  • vastu = Wirklichkeit
  • śūnya = frei, leer, ohne Bezug
  • vikalpa = Einbildung, wörtliche Täuschung, Wortirrtum

 

Kommentar

Vikalpa, Einbildung, auch als „wörtliche Täuschung“ oder „Wortirrtum“ übersetzt, ist neben richtigem und irrigem Verstehen die dritte Form der Gedankenwellen. Eigentlich ist es schwer zu übersetzen. Vikalpa ist etwas, was dem Menschen ganz eigen ist, denn nur der Mensch hat Worte und wird durch Worte sehr stark beeinflußt. Vikalpa bezieht sich auf Affirmationen, Suggestionen, auf Luftschlösser-Bauen und auf Lob und Tadel.

Der erste Aspekt von vikalpa ist Lob und Tadel. Wenn zum Beispiel jemand sagt: „Du Esel!“, dann hat dies in der Wirklichkeit keine Korrelation. Man bekommt deswegen weder längere Ohren noch ein graues Fell. Man könnte jetzt darüber stehen und einfach denken, derjenige, der das sagt, hat seinerseits ein irriges Verständnis. Aber trotzdem beeinflußt es einen irgendwie. Oder wenn einem jemand sagt: „Das ist nicht richtig gemacht“, dann reagieren wir unsererseits nicht nur mit der neutralen Feststellung: „Aha, der hat gesagt, das ist nicht richtig gemacht“ – denn seine Aussage kann ja entweder korrektes oder irriges Wissen widerspiegeln. Für uns ist es gleichzeitig noch etwas anderes, nämlich Lob oder Tadel. Die Jungsche Psychologie würde sagen: Der Selbstwert wird getroffen. Man ärgert sich über das Gesagte oder fühlt sich in Frage gestellt. Das ist eine Art von vikalpa. Wir identifizieren uns mit den Worten. Wir nehmen nicht nur die Worte als solche und überprüfen den Wahrheitsgehalt, sondern wir identifizieren uns mit der Aussage, wir beziehen die Worte auf uns selbst, denn das Ego hat den Wunsch nach Bestätigung.

Es kommt natürlich auch darauf an, wer etwas sagt. Als ich zum Beispiel früher Yoga unterrichtet habe, meinte einmal ein anderer Yogalehrer, die Art und Weise, wie ich die Stunde gebe, sei nicht ganz richtig. Das hat mir wenig ausgemacht. Ich hatte das Gefühl, ich habe mehr Erfahrung, die richtige Lehrerausbildung, und er hat nicht bei einem indischen Meister gelernt. Als aber meine erste Lehrerin eine Yogastunde bei mir genommen und gesagt hat: „Das hast du nicht richtig unterrichtet, so kann man das nicht machen“, da war das für mich wie ein Stich ins Herz. Und als mich Swami Vishnu einmal kritisiert hat, da war es wie ein Stich ins Herz und das Messer noch einmal herumgedreht…

Man sollte nicht nur von Tadel, sondern auch von Lob unabhängig werden.

Kennst du das Gabelstaplerprinzip? ­ Einen Menschen hochheben, um ihn dahin zu bringen, wo man ihn haben will. Wenn du jemanden zu etwas motivieren willst, ist die beste Methode, ihn mehrmals zu loben.

Eine kleine Anekdote, die ich als Leiter eines amerikanischen Yogacenters erlebt habe: In Amerika spielen Kreditkarten im bargeldlosen Zahlungsverkehr eine große Rolle, so wie hier zum Beispiel die Einzugsermächtigung. Um Kreditkarten als Zahlungsmittel annehmen zu können, braucht man die Genehmigung seiner Bank. Die Bank lehnte ab. Ich führte Verhandlungen, sie prüften es noch einmal und lehnten wieder ab. Ich erzählte die Sache einem Schüler des Yogacenters, der von Beruf Rechtsanwalt war. Er sagte: „Ich zeige dir, wie man so etwas macht.“ Zuerst hat er Informationen gesammelt und erfahren, daß die Bank einen neuen Direktor bekommen hatte. Er hat den neuen Bankdirektor angerufen, und ihm erst einmal Honig um den Mund geschmiert, ihm erzählt, er hätte so viel Positives über ihn gehört etc. Dann hat er so ganz beiläufig erwähnt, daß vor kurzem ein kleiner Irrtum mit der Genehmigung der Kreditkarten für das Yogazentrum passiert sei – das ging aber fast am Rande. Zwei Tage später hatten wir die Bestätigung, daß wir künftig Kreditkarten annehmen können. Anstatt also der natürlichen Reaktion nachzugeben, d. h. zu schimpfen, zu drohen, die Bank zu wechseln etc., erreicht man das Gewünschte oft leichter durch Loben.

Wenn man für andere etwas zum Guten bewirken will, kann man diese Methode durchaus benutzen. Es ist sicher besser, jemanden zu loben und zu versuchen, ihn auf diese Weise in eine bessere Richtung zu bringen, als ihn anzubrüllen oder mit Machtkämpfen zum Ziel zu kommen. Aber man sollte andere nicht manipulieren und man sollte auch selbst aufpassen, daß uns niemand manipuliert.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Wir können unser Selbstwertgefühl aufbauen, dann brauchen wir weniger Lob und werden von Tadel unabhängiger. Oder wir können versuchen, uns immer mehr als Instrument Gottes zu fühlen, auch dann brauchen wir keine Selbstbestätigung von außen mehr. Wir geben uns Gott hin und spüren, nicht ich handle, sondern Gott handelt durch mich. Das macht uns unabhängiger und ist meiner Meinung nach der einfachere Weg.

Der zweite Aspekt von vikalpa sind Suggestionen. Man wird generell durch alles beeinflußt, was Menschen sagen. Dieses Phänomen macht sich auch die Werbung zunutze. Werbung ist ja nicht logisch, sondern suggestiv; zum Beispiel „Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer“ in einer Zigarettenwerbung – was für ein Irrsinn! Da wird jemand zum Sklaven eines Glimmstengels, verpestet die Umwelt und seine eigene Luft, ruiniert seine Lungen, macht sich unfähig zu sportlicher Leistung und das Ganze soll Freiheit und Abenteuer sein! Trotzdem assoziieren die Menschen diese Zigarette mit Freiheit und Abenteuer.

Was andere Menschen sagen, beeinflußt uns. Nicht weil es logisch ist, sondern weil Worte eine Wirkung haben.

Die tiefe Wirkung von Worten habe ich bei einem Schlüsselerlebnis mit Swami Vishnu erfahren. Es war das zweite Mal, daß ich bei einer Yogalehrer-Intensivausbildung vier Wochen lang übersetzt und für die deutsche Gruppe die asana-Unterrichtstechniken und die Bhagavad Gita unterrichtet hatte. Am Ende des Kurses ging ich zu Swami Vishnu, um mich zu verabschieden. Swami Vishnu fragte mich, was ich jetzt machen werde. Ich erzählte ihm, daß ich jetzt in das Wiener Yogazentrum ginge. Er bat mich, zunächst vor dem Bild von Swami Sivananda zu meditieren und den Segen des Meisters zu erbitten. Dabei hatte ich eine sehr tiefe spirituelle Erfahrung. Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß, aber der Anzahl von Insektenstichen nach muß es ziemlich lange gewesen sein. Schließlich kam ich aus der Meditation heraus und verneigte mich vor Swami Vishnu. Er legte seine Hand auf meine Stirn, rezitierte das om tryambakam (Heil- und Schutzmantra) und sagte: „And when you come to Vienna teach a lot of classes, make a lot of money, and turn Vienna topsy turvy“ („Wenn du nach Wien kommst, gib viele Yogastunden, sorge dafür, daß Geld hereinkommt“ – denn das Zentrum war hoffnungslos verschuldet und stand eigentlich kurz vor dem Bankrott – „und stelle Wien auf den Kopf!“). Diese Worte haben mich beflügelt und gründlich verändert. Vorher war ich eigentlich ein schüchterner Mensch und habe mich selten getraut, den Mund aufzumachen. Dies wurde jetzt doch etwas anders. Und tatsächlich blühten sowohl das Yogazentrum als auch ich in wenigen Wochen richtig auf…

Worte von großen Meistern haben natürlich eine besonders starke Wirkung. Aber auch Worte von anderen Menschen haben eine Wirkung und unsere eigenen Worte auch. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang vom sogenannten inneren Dialog. Wie spreche ich mit mir selbst? Manche Menschen sprechen oft und ständig destruktiv zu sich selbst: „Du Esel, was hast du da wieder gemacht? Du taugst ja gar nichts! Du bringst nie etwas fertig!“ Dadurch wird man beeinflußt. Man muß darauf achten, wie man selbst zu sich spricht, wie andere zu einem sprechen und wie man selbst zu anderen spricht. Welche Suggestionen gebe ich den anderen? Worte haben Kraft.

Es gibt eine einfache Technik, die Patanjali im zweiten Kapitel ausführt: Wenn man merkt, daß man zu sich selbst Worte spricht, die nicht positiv sind, muß man den entgegengesetzten Gedanken erzeugen. Denkt man also zum Beispiel: „Das packe ich nie“, muß sofort die Gegensuggestion kommen: „Durch die Gnade Gottes schaffe ich’s!“ oder „Das ist zuviel!“ – „Wenn Gott mir Aufgaben gibt, wird er mir auch die Kraft geben, sie zu erfüllen.“ Die Gegensuggestionen müssen nicht so überheblich klingen wie: „Ich schaffe alles!“ Dasselbe Prinzip gilt natürlich auch, wenn andere uns negativ beeinflussen. Es kann eine verheerende Wirkung haben, wenn man sich etwas vornimmt und jemand sagt: „Das schaffst du nie.“ Eine solche negative Suggestion sollte man nie ohne Gegensuggestion lassen, sonst wirkt sie auf unterbewußte Weise. Das heißt nicht, daß wir sofort auftrumpfen und dem anderen sagen müssen: „Dir werde ich’s zeigen, das schaffe ich schon!“ – das wäre höchstens der Beweis für ein gesundes Ego. Die Reaktion eines ungesunden Ego wäre: „Na ja, vielleicht hat er ja recht, ich versuche es besser erst gar nicht.“ Viele Menschen werden so künstlich niedergehalten – im geschäftlichen und sozialen Umfeld, oft sogar vom Partner. Wiederhole statt dessen geistig: „Durch die Gnade Gottes werde ich es schaffen.“ Zusätzlich zu Gegensuggestionen auf negative Äußerungen kann man natürlich auch positive Affirmationen sprechen. Es ist zwar nicht so, daß Affirmationen unbedingt alles bewirken können. Sie haben jedoch eine große Wirksamkeit, die wir nutzen können. Vikalpa heißt also, wir identifizieren uns mit den Worten, auch wenn sie in der Wirklichkeit keine Grundlage haben.

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