Kapitel 1, Vers 51

Deutsche Übersetzung:

Wird auch dieses zur Ruhe gebracht und so alles zur Ruhe gebracht, tritt man in den samenlosen Zustand des samadhi ein.

Sanskrit Text:

tasyāpi nirodhe sarva-nirodhān-nirbījaḥ samādhiḥ ||51||

तस्यापि निरोधे सर्वनिरोधान्निर्बीजः समाधिः ॥५१॥

tasyapi nirodhe sarva nirodhan nirbijah samadhih ||51||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • tasya = von dem
  • api = auch
  • nirodha = Zur-Ruhe-Bringen, Beherrschung
  • sarva = (von) allen
  • nirodha = Zur-Ruhe-Bringen, Beherrschung
  • nirbīja = samenlos, ohne Dualität
  • samādhi = überbewußter Zustand

Kommentar

Werden die Bewußtsteinszustände von nirvichara, sananda und sasmita samadhi überwunden, werden auch sie zu nirodha, dann hört alles auf (sarva-nirodhâ) und wir kommen zu nirbija samadhi, zum samadhi ohne Samen. Das ist das gleiche wie asamprajnata samadhi. Und dann ist man selbstverwirklicht.

Oft wird gefragt, wie das aussieht, wenn sich jemand im Zustand des samadhi befindet.

Arjuna fragt Krishna im 2. Kapitel der Bhagavad Gita: „Wie sieht ein Mensch aus, der die Verwirklichung erreicht hat? Wie geht er, wie ist er, wie steht er, wie spricht er?“ Krishna geht darauf überhaupt nicht ein. Er sagt statt dessen nur: Ein Selbstverwirklichter ist gleichmütig in Erfolg und Mißerfolg. Er empfindet Liebe zu allen Wesen. Er ist in der Gegenwart des Höchsten. Äußere Kennzeichen gibt Krishna gar nicht an.

Aber ich kann etwas aus meiner persönlichen Erfahrung mit Swami Vishnu berichten. Wenn er öffentlich meditiert hat, hat er sich bemüht, nicht in samadhi zu fallen. Er hat dann auch nur kurz meditiert, bis zu einer halben Stunde. Denn in samadhi ist man zu sehr von der Außenwelt weg. Normalerweise hat er zwischen drei und fünf Uhr morgens meditiert, und dann war er allein. Aber wenn man in seiner Nähe war, hat man das gemerkt. Als ich einmal eine Weile in demselben Häuschen wohnte wie er, bin ich immer um drei Uhr aufgewacht und konnte gar nicht anders als meditieren. Oder wenn man sich im selben Zimmer befand wie er, merkte man die starke Schwingung, die von ihm ausging.

Ich kann mich an ein Ereignis während unserer fortgeschrittenen Lehrerausbildung erinnern. Es war an Swami Sivanandas Geburtstag. Aus diesem Anlaß haben wir ein Schauspiel aufgeführt, wo wir ein paar Szenen aus dem Leben von Swami Sivananda gespielt haben. Swami Vishnu hat zuerst zugeschaut, uns immer wieder gelobt, wie gut die Szenen seien, und plötzlich hat er nichts mehr gesagt. Er saß nur einfach da, vollkommen bewegungslos. Nichts hat sich bewegt, nur ein Lächeln lag über seinem Gesichtsausdruck, und so blieb er. Wir wußten erst nicht, wie wir uns jetzt verhalten sollten. Schließlich haben wir das Stück einfach weiter gespielt – er hat sich davon auch nicht weiter stören lassen. Als das Stück zu Ende war, haben wir gemeinsam Om gesagt. Wer schlafen gehen wollte, ist gegangen und ein paar sind noch eine Weile bei Swami Vishnu geblieben. Er blieb mehrere Stunden bewegungslos. Irgendwann zog sich einer nach dem anderen zurück, und dann saß er halt alleine da. So ist samadhi.

Samadhi selbst kann man nicht beschreiben. Es ist sat-chit-ananda, reines Sein, Wissen und Glückseligkeit.

Die niederen samadhi-Stufen sind noch verbunden mit irgendwelchen Wahrnehmungen, konkreten Gefühlen, aber in den höheren Stufen gibt es nichts mehr, was man auch nur andeutungsweise beschreiben könnte.

Die kundalini (ruhende schöpferische Energie im Menschen) entwickelt sich parallel damit. Wenn man in samadhi ist, ist auch das prana sehr hoch, aber man ist sich dessen nicht mehr bewußt. Die Gehirnwellen sind in einem spezifischen Zustand, aber man ist sich keiner Gehirnwellen bewußt. Der Herzschlag setzt fast aus, aber man ist sich keines Herzschlages bewußt. Der Körper wird vollkommen bewegungslos, aber man spürt keinen Körper.

Es gibt also Korrelationen auf der physischen und energetischen Ebene, aber das Bewußtsein ist davon abgehoben. Das Bewußtsein ist eben nicht mehr im individuellen Körper und in der individuellen Energie. Auch individuelle Emotionen, Gefühle, Wahrnehmungen, Sichtweisen sind nicht mehr da, weil das Bewußtsein in dieser Form von vollständigem samadhi, wo wir uns auf das Kosmische als Ganzes konzentrieren, nichts Individuelles mehr erfaßt.

Die Meister haben das sogenannte Doppelbewußtsein. Das heißt, sie haben das Bewußtsein für das Unendliche und das Bewußtsein für die Welt gleichzeitig. Sie sind entrückt, und es kann sein, daß sie ständig in einem höheren Bewußtseinszustand bleiben und auf dieser Erde gar nicht mehr so richtig landen. Während andere Meister, zu denen auch Swami Sivananada lange Zeit gehörte, gleichzeitig vollen Zugang zum Überbewußtsein und zur physischen Welt haben.

Da gibt es eine lustige Geschichte. Eines Tages kam eine Frau in den Ashram in Rishikesh und wollte gerne Swami Sivananda sehen. Man hat sie ins Büro geschickt und gesagt, dort würde sie ihn treffen. Im Büro saß jemand an der Schreibmaschine. Als er sie sah, hat er angefangen, sich mit ihr zu unterhalten. Er hat sie gefragt, wie es ihr geht, was sie macht, wie lange sie auf dem spirituellen Weg ist u.s.w. Nach der Unterhaltung kam sie wieder heraus und fragte: „Da war kein Swami Sivananda, wo ist er denn?“ Und die anderen sagten: „Ja, du kommst doch gerade von ihm, du hast dich doch mit ihm unterhalten.“ „Was, das ist der Meister Sivananda? Ich dachte, er sei der Manager.“ Sie hat zwar gemerkt, daß eine besondere Ausstrahlung von ihm ausging, glaubte aber nicht, daß ein Heiliger eine Schreibmaschine bedienen würde…. Sie ist dann noch einmal hineingegangen und hat sich vor ihm verneigt.

Wenn man als spiritueller Aspirant zu schnell zu subtil wird und die Bodenhaftung verliert, ist das nicht so gut. Denn dann entgeht man einigen Problemen, die man eigentlich bewältigen und aufarbeiten müßte. Deshalb ist auch karma yoga, der selbstlose Dienst, das Handeln und Arbeiten ohne Erwartung, so wichtig. Und es ist wichtig, an den samskaras zu arbeiten. Wenn man sich dauerhaft in einem Schwebezustand befindet, bevor man an den samskaras gearbeitet hat, dann heiligt man nur sein Ego, statt es zu transzendieren und rettet seine Unvollkommenheiten in einen subtilen Schwärmzustand.

Im engeren Kreis seiner Schüler hat Swami Vishnu uns manchmal gesagt, wir sollen nicht die Illusion haben, daß der spirituelle Weg im fortgeschrittenen Stadium leichter wird. Wenn man auf den ersten Stufen steht und fällt, dann ist es nicht so schlimm. Wenn man auf einer Leiter die untersten Sprossen erklommen hat und dann herunterfällt, macht es nichts. Aber wenn man auf einer langen Leiter ganz oben ist, ausrutscht und stürzt, dann ist es gefährlich. Je höher wir kommen, desto größer sind die Versuchungen, und desto größer sind die Aufgaben. Natürlich ist auch die Wonne, die man in der Meditation und im Leben erfährt, um so größer. Aber es wird nicht leichter.

Eigentlich könnte man hier aufhören. Das erste Kapitel enthält auf gewisse Weise schon alles.

Um das erste Kapitel zusammenzufassen:

Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Gedanken im Geist. Dann ruht man in seinem wahren Wesen. Ansonsten identifiziert man sich mit den vrittis (Gedankenwellen).

Es gibt fünf Arten von vrittis. Einige sind schmerzhaft, andere nicht. Die Gedanken werden durch abhyasa, Übung, und vairagya, Nichtanhaften, zur Ruhe gebracht. Werden die vrittis beherrscht, kommt man zu samadhi. Es gibt verschiedene Stufen von samadhi.

Manche Menschen erreichen die Befreiung recht zügig, weil sie in einem früheren Leben schon sehr weit waren. Andere hingegen bemühen sich in diesem Leben durch verschiedene Praktiken, die sie mit Energie, Vertrauen, Erinnerung und klarem Bewußtsein ausführen.

Die Verwirklichung kommt schnell, wenn der Wunsch danach stark ist. Die Verehrung Gottes, ishvara pranidhana, führt sehr schnell zur Verwirklichung. Ishvara ist das spezifische Zentrum von Bewußtsein, welches frei ist von karma, von Wünschen und von Leid. Ishvara ist der Lehrer aller Lehrer. Er enthüllt sich in dem Wort „Om“. „Om“ gibt eine erleuchtete Innenschau und beseitigt alle Hindernisse.

Darauf folgt eine Aufzählung aller Hindernisse und anschließend eine Beschreibung von Techniken, die diese Hindernisse beseitigen.

Dann spricht Patanjali nochmals über die einzelnen samadhi-Formen und zum Schluß sind wir bei nirbijah samadhi. Irgendwann kommen wir alle zu nirbijah samadhi, aber es ist nicht gesagt, daß wir es in diesem Leben erreichen.

Für sehr fortgeschrittene Aspiranten reicht das erste Kapitel aus, denn es enthält im Kern alles. Es ist sehr anspruchsvoll. Die Hälfte handelt von samadhi, die andere Hälfte davon, wie die Hindernisse dorthin zu beseitigen sind.

Andere Aspiranten, zu denen die meisten gehören, müssen auch noch die restlichen Kapitel behandeln. Dort wird es nämlich sehr viel leichter. Das zweite Kapitel ist einfacher, konkreter und daher für den normalen Durchschnittsaspiranten praktischer. Nicht umsonst sind die Inhalte des zweiten Kapitels unter Yoga-Übenden am bekanntesten.

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