Kapitel 1, Vers 41

Deutsche Übersetzung:

Sind die Gedanken zur Ruhe gekommen, wird der Geist transparent wie ein Kristall, der die Farbe des davorstehenden Objektes annimmt; verschmelzen der Wahrnehmende, das Wahrgenommene und die Wahrnehmung, so ist das die Versenkung.

Sanskrit Text:

kṣīṇa-vṛtter-abhijātasy-eva maṇer-grahītṛ-grahaṇa-grāhyeṣu tatstha-tadañjanatā samāpattiḥ ||41||

क्षीणवृत्तेरभिजातस्येव मणेर्ग्रहीतृग्रहणग्राह्येषु तत्स्थतदञ्जनता समापत्तिः ॥४१॥

kshina vritter abhijatasy eva maner grahitri grahana grahyeshu tatstha tadanjanata samapattih ||41||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • kṣīna = vermindert, entleert
  • vṛtti = Gedanke
  • abhijātasya = transparent
  • eva = wie
  • maṇi = Juwel, Kristall
  • grahītṛ = der Wahrnehmende, das Subjekt
  • grahaṇa = die Wahrnehmung, Subjekt-Objekt-Beziehung
  • grāhyeṣu = das Wahrgenommene, das Objekt
  • tatstha = auf dem es ruht
  • tadañjanatā = das Annehmen der Form oder Farbe von etwas anderem
  • samāpatti = Erfüllung, Verschmelzung, Versenkung

Kommentar

Darüber werden wir im Rahmen des 3. Kapitels mehr erfahren.

In höheren Zuständen des Bewußtseins ist unsere Wahrnehmung nicht mehr so stark durch das eigene Gemüt gefiltert. Im normalen Bewußtsein, ist es so: Wenn man etwas sieht, es wahrnimmt, denkt man anschließend darüber nach. Wahrnehmung ist dann ein Wechselspiel zwischen den äußeren Objekten und dem eigenen Geist. Den einen Menschen mag man, den anderen mag man nicht. Man sieht den Gesichtsausdruck eines Menschen und deutet ihn. Diese Deutung muß mit dem, was der Mensch eigentlich denkt und meint, gar nichts zu tun haben.

Wenn wir nun allerdings meditieren und die vrittis kontrolliert sind, können wir zur höheren direkten Wahrnehmung kommen.

Unser Geist nimmt die Farbe des Hintergrundes an. Ein ganz reiner Kristall läßt die Farbe durchscheinen, wenn man ihn vor einen bestimmten Hintergrund stellt. Ein Rosenquarz dagegen wird dessen Farbe nicht rein wiedergeben. Und wieder andere Steine, zum Beispiel Malachit, der ganz grün ist, spiegeln den Hintergrund überhaupt nicht wider, sie bleiben immer gleich in ihrer Farbe. So ist auch der Geist mancher Menschen sehr stark gefärbt. Egal was sie sehen, sie sehen eigentlich immer nur eine Projektion von sich selbst. Bei manchen ist der Geist etwas durchlässiger und nimmt eine Mischung aus der eigenen Vorstellung und dem Äußeren wahr. Wenn die vrittis kontrolliert sind, können wir objektiver wahrnehmen.

Die Medienwissenschaft sagt, es gibt kein objektives Denken. Und das stimmt, es gibt kein objektives Denken. Aber nach Patanjali gibt es objektive Wahrnehmung. Das ist die direkte Wahrnehmung ohne Intellekt, ohne vrittis, ohne indriyas. Wir können die Wirklichkeit unmittelbar wahrnehmen.

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