Kapitel 1, Vers 38

Deutsche Übersetzung:

Oder durch Meditation über Wissen aus Traum oder Tiefschlaf.

Sanskrit Text:

svapna-nidrā jñāna-ālambanam vā ||38||

स्वप्ननिद्रा ज्ञानालम्बनम् वा ॥३८॥

svapna nidra jnana alambanam va ||38||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • svapna = Traumzustand
  • nidrā = traumloser Schlaf
  • jñāna = Wissen
  • ālambana = beruhend auf
  • vā = auch

 

Kommentar

Manche Psychoanalytiker interpretieren diesen Vers dahingehend, daß Patanjali Traumdeutung betrieben habe und empfehlen, Träume aufzuschreiben und über sie zu meditieren. Es gibt auch ein Buch über Traumyoga von Swami Sivananda Radha, einer kanadisch-deutschen Schülerin von Swami Sivananda, in dem Traumarbeit als Teil des spirituellen Weges behandelt wird.

Eine zweite Interpretation wäre, daß manchmal während des Schlafes das Überbewußte enthüllt wird.

Man kann Träume haben von seinem Lehrer, seinem guru. Mir geschieht es gelegentlich, daß ich einen Traum habe von Swami Vishnu-devananda oder Swami Sivananda. Zum Beispiel habe ich in den letzten Jahren im Traum ab und zu ein mantra von Swami Vishnu erzählt bekommen, so daß ich endlich wußte, wie man es richtig ausspricht.

Ich kenne Menschen, die ihr mantra und ihre Mantraeinweihung im Traum bekommen haben und mich dann im nachhinein gefragt haben, ob es dieses mantra gibt. Einige hatten tatsächlich ein authentisches Sanskritmantra im Traum bekommen.

Und ich kenne Menschen, die beispielsweise Swami Sivananda im Traum gesehen haben, ohne daß sie jemals vorher ein Bild von ihm zu Gesicht bekommen hatten. Vor kurzem war eine Frau als Gast hier im ashram. Als sie das Bild von Sivananda sah, fragte sie: „Wer ist dieser Mann?“ Ich sagte: „Das ist Swami Sivananda. Warum?“ Und da fragte sie: „Den gibt es wirklich?“ In verschiedenen verzweifelten Momenten sei dieser Mann ihr im Traum erschienen und habe sie beschützt. Und sie finde es ganz wunderbar, daß es hier ein Haus gebe, das sein Haus sei.

In dem Maße, in dem wir spirituelle Praktiken machen, werden unsere Träume weniger und inhaltlich spiritueller. Aber diese Entwicklung hinkt oft ein paar Jahre hinterher. Wenn man viel meditiert und in einer reinen Umgebung lebt, braucht das Unterbewußtsein oftmals nicht so viel Zeit, um die Ereignisse des Tages zu verarbeiten und einzubauen, so daß man tiefer und mit weniger Träumen schläft.

Zum Beispiel habe ich im Traum gelernt, wie man fortgeschrittene asanas macht. Im Traum war ich unglaublich flexibel – ich war immer ganz erstaunt! In der Vorwärtsbeuge zum Beispiel kam das Kinn vor die Zehen und ich habe überlegt, ob das anatomisch überhaupt möglich ist … Im Traum ging das alles. Aber trotzdem habe ich dabei auch die Technik gelernt, wie man dahin kommt. So kann man im Schlaf und im Traum durchaus einiges lernen. Und natürlich kann man über diese Trauminhalte auch meditieren.

Shri Karthikeyan, der Meister aus dem Sivananda Ashram in Rishikesh, der zweimal im Jahr Vorträge bei uns im ashram hält, spricht häufig über die drei Haupt-Bewußtseinszustände: Wachzustand, Traumzustand und Tiefschlaf. Daran kann man eben die Relativität der Welt erkennen. Die physische Welt verschwindet im Traum. Im Traum ist nur die Traumwelt da. Im Tiefschlaf gibt es gar keine Welt. Wenn wir darüber meditieren, hilft es uns, diese physische Welt als sehr relativ anzusehen, zu erkennen, sie ist eigentlich nur eine Illusion, sie ist genauso unwirklich wie die Traumwirklichkeit. Wenn wir ganz aufwachen aus dieser Welt und im überbewußten Zustand sind, dann schauen wir zurück und erkennen, in was für einem Traum wir die ganze Zeit gefangen waren und wie furchtbar ernst wir ihn genommen haben, obwohl im Grunde genommen alles nur ein Spiel war. Darüber zu meditieren kann sehr erhebend sein.

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